Stormarn
Landwirtschaft

Milchschwemme bringt Stormarner Bauern in Not

Die Nachfrage nach Milch und Milchprodukten sinkt, die Dumpingpreise bringen auch Landwirte im Kreis in Not

Die Nachfrage nach Milch und Milchprodukten sinkt, die Dumpingpreise bringen auch Landwirte im Kreis in Not

Foto: A9999 Bernd Schoelzchen / dpa

Nachfrage sinkt, Preise fallen: Stormarns Landwirte haben keinen Grund, den Tag der Milch zu feiern. Sie kämpfen ums Überleben.

Mönkhagen.  Hans-Peter Offen ist quasi im Kuhstall aufgewachsen. Er spielte zwischen Strohballen, half seinem Großvater und Vater schon als kleiner Junge beim Melken. Heute ist der 52-Jährige selbst Chef des Hofes in Mönkhagen, der nördlichsten Gemeinde Stormarns. 170 Milchkühe stehen in seinen Stallungen. Die Tiere produzieren die Milch, von deren Verkauf Familie Offen lebt. Oder besser: leben können müsste. Denn der Milchpreisverfall macht daraus einen Überlebenskampf. Offen sagt: „Ich brauche mindestens 40 Cent pro Liter Milch, um meinen Betrieb wirtschaftlich führen zu können.“ Aber er bekommt nur 25,5 Cent.

„Das ist katastrophal. Aber ich weiß, dass ich damit bundesweit sogar noch gut liege.“ Er kenne Landwirte, die weniger als 20 Cent pro Liter erhalten. Offen ist überzeugt: „Bei diesen Preisen ist es kleinen und mittleren Höfen unmöglich, die laufenden Kosten auch nur annähernd zu decken.“ Die Folge: Immer mehr Betriebe, die sich auf Milchviehhaltung spezialisiert haben, können nicht überleben. Die Hofbesitzer müssen sich eine neue Existenz aufbauen.

Peter Koll: „Jeder Betrieb, der aufhört, tut weh“

„Jeder Betrieb, der aufhört, tut weh“, sagt Peter Koll, Geschäftsführer des Kreisbauernverband Stormarn. Er ist mit den Sorgen und Nöten der Landwirte direkt konfrontiert. Der Verband, der Sprachrohr der Landwirte ist, bietet zwar keine Unternehmensberatung im eigentlichen Sinne an. Doch in Gesprächen klären die Mitarbeiter beispielsweise über rechtliche Fragen auf, mit denen sich ein Landwirt bei der Schließung seines Betriebes auseinandersetzen muss. Von rund 180 Milchviehbetrieben, die es vor zehn Jahren in Stormarn gab, sind nur noch knapp 100 übrig. „Verstärkten Rückgang gab es 2015 nach dem Wegfall der Milchquote“, sagt Peter Koll. Die Landwirte, die bis heute weiter „in Milch machen“, stünden vor existentiellen Fragen.

So wie der Mönkhagener Offen. Er sagt: „Wenn das so weitergeht, überlebt mein Betrieb keine zwei Jahre mehr. Wir haben zwar noch ein wenig Getreideanbau, aber Milch ist unsere Haupteinnahmequelle.“ Offen hat zwei Söhne, beide sind Mitte 20. Einer davon beendet in zwei Monaten seine Ausbildung zum staatlich geprüften Wirtschafter des Landbaus. Damit hätte er beste Voraussetzungen, den Hof seiner Vorfahren in vierter Generation weiterzuführen. Empfehlen kann ihm das sein Vater im Moment jedoch nicht. Er sagt: „Das Schlimmste ist die Ungewissheit. Niemand kann uns sagen, wie lange wir noch mit diesen Niedrigstpreisen rechnen müssen.“

Kredite will Offen nicht mehr aufnehmen

Kredite will der Mönkhagener nicht mehr aufnehmen. Auch, wenn die zur Zeit günstig zu bekommen seien. „Meine Kühe bräuchten neue Weichbett-Matten. Die alten sind 15 Jahre alt und durchgelegen.“ Doch dafür ist kein Geld da. So wirken sich die harten Zeiten auch auf das Wohl der Tiere aus. Denn nur, wenn es dem Bauern wirtschaftlich gut geht, kann er seinen Tieren beste Bedingungen bieten. „Wenn ich wüsste, dass ich in absehbarer Zeit wieder 40 Cent pro Liter Milch bekomme, würde ich sofort zur Bank gehen. Aber so? Ich nehme kein Geld auf, um weitermelken zu können.“

Der Deutsche Bauernverband (DBV) sieht die Ursache für die Entwicklung im starken Einbruch der Nachfrage nach Milch und Milchprodukten. Peter Koll vom Kreisbauernverband Stormarn und Landwirt Offen nennen unter anderem das Russland-Embargo als Auslöser des Preisverfalls. Mit dem russischen Markt sei eine wichtige Abnahmequelle weggefallen. Laut DBV werde sich die Lage verschlechtern, je länger die Sanktionen aufrecht erhalten werden. Außerdem verschärfe eine konjunkturelle Schwäche im internationalen Bereich die Situation. Hier sei der Markt für transportfähige Produkte wie Magermilchpulver und Butter betroffen. Doch wie kann sich der Bauer aus der Nachbarschaft nun am besten über diese Krise retten? „Ein Betrieb sollte gut aufgestellt sein“, rät Peter Koll. „Im besten Fall hat er genügend Einsparungspotential, Verdienst-Alternativen und einen sehr langen Atem.“

Doch er wisse auch, dass das sehr viel verlangt sei. Und von den meisten Familienbetrieben nicht zu leisten. Koll: „Ein Landwirt ist volkswirtschaftlich gesehen ein sogenannter Mengenanpasser. Er muss also den herrschenden Marktpreis als gegeben akzeptieren und seine Absatzmenge diesem Preis anpassen.“ Nun geht das in der Landwirtschaft und besonders in der Milchviehhaltung aber nicht von heute auf morgen. Bis zu einem Jahr brauche ein Milchbauer, um seine Produktionsmenge einzuschränken oder auszuweiten. Dieser Zeitraum ist es, der den meisten Betrieben das Genick bricht.

„Wir als Verbraucher können unsere Landwirte unterstützen, in dem wir ihre Arbeit wertschätzen und ihnen die Anerkennung schenken, die sie verdient haben“, sagt Peter Koll gegenüber dem Abendblatt. „Sie arbeiten 365 Tage im Jahr, kennen weder Feierabend noch Wochenende. Das sollten wir bei unseren Kaufentscheidungen berücksichtigen.“ Wer beim Einkauf auf Regionales und Nachhaltiges achte, mache schon Vieles richtig. Vor allem hochveredelte Milchprodukte sollten auf der Liste stehen. „Wer ein gutes Stück Käse kauft, hilft dem Milchbauern am meisten. Da fließt ein großer Anteil wieder auf den Hof zurück.“

Der Mönkhagener Hans-Peter Offen wollte nie etwas anderes werden als Milchbauer. Und er würde es gern bleiben. Der Landwirt will weiterhin gute Milch abliefern. Ohne Zukunftsangst und mit zufriedenen Tieren, die hoffentlich bald wieder auf neuen Weichbett-Matten liegen können.