Stormarn
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Salafismus: Ministerium setzt auf Prävention

Foto: Michael Arning / HA

Zahl der Islamisten in Schleswig-Holstein steigt auf 300. Schulen dienen als geeigneter Ort, um Jugendliche über Gefahren aufzuklären.

Stormarn. Michelle Ohl

Sie sehen sich als Verfechter eines ursprünglichen und unverfälschten Islams und seien die „am schnellsten wachsende Form des Islamismus in Deutschland“, heißt es in einem Dossier des Bundesinnenministeriums. Die Rede ist von Salafisten. Rund 300 Personen mit solchem Potenzial hat das Innenministerium 2015 in Schleswig-Holstein registriert – 70 mehr als im Vorjahr. Sorge bereitet dem Verfassungsschutz, dass von 26 Schleswig-Holsteinern, die im Ausland die Terrorgruppen des sogenannten Islamischen Staates unterstützen, zehn wieder in ihre Heimat zurückgekehrt seien (wir berichteten). Die Hochburgen der Salafisten seien Lübeck, Kiel und Neumünster – aber auch im Hamburger Umland, besonders in Elmshorn und Norderstedt, versuchen Salafisten, Jugendliche zu rekrutieren.

Jugendliche sind im Besonderen für einfache Weltbilder anfällig

Dass unter den Extremisten zunehmend auch Jugendliche zu finden sind, ist bekannt und lässt sich auch an den Anwerbe-Versuchen von Salafisten ablesen. Ein gängiges Format sind Filme, die über das Internet verbreitet werden – teils mit verstörenden Inhalten, teils modern und jung inszeniert. In einigen der Filme wird auch die Anmutung beliebter Videospiele genutzt. Konflikte werden hier stark vereinfacht, emotionalisiert und als Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Gläubigen und Ungläubigen inszeniert – der Krieg in Syrien und dem Irak zu einem Abenteuer stilisiert. Aber auch jenseits des Internets versuchen Extremisten, Jugendliche für sich zu gewinnen. Sie suchen nach Zielgruppen, die für einfache Weltbilder anfällig sind und ein neues Gemeinschaftsgefühl suchen.

Das Bildungsministerium in Kiel hat auf die wachsende Gefahr längst reagiert und Maßnahmen zur Prävention an Bildungseinrichtungen ergriffen. „Wir setzen auf Aufklärung, um Anwerbungsversuchen von Extremisten entgegenzutreten“, sagt Bildungsministerin Britta Ernst. Schule sei der geeignete Ort für Prävention, um Jugendliche für die Gefahren von Extremismus, Salafismus und vereinfachende Weltsichten zu sensibilisieren.

Stormarner Schulen sind sich der Probleme bewusst

Folgt man den Aussagen des Instituts für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH), das die Initiative aus Kiel umsetzt, erscheint eine Prävention bitternötig. Denn in vielen Schulen des Landes herrsche noch Unsicherheit darüber, welche Gefahren von salafistischen Strömungen ausgehen. Auch sei den Beteiligten im Zweifelsfall gar nicht klar, welche Maßnahmen notwendig sind, um sich gegen Radikalisierungen zu schützen. Die Initiative reagiert darauf mit Informationsmaterial, Fortbildungen und Beratungsangeboten in akuten Fällen.

Der aktuellen Probleme sind sich auch die Stormarner Gymnasien, Berufs- und Gemeinschaftsschulen bewusst. „Wir besprechen das Thema im Politikunterricht“, sagt zum Beispiel Rüdiger Hildebrandt, Schulleiter der Berufliche Schule des Kreises Stormarn in Bad Oldesloe. Am Gymnasium Glinde werde das Thema im Fach Religion diskutiert. Auch eine Fortbildung beim IQSH sei in Planung, so Schulleiterin Eva Kuhn: „Es ist ein Prozess.“ Ähnliches weiß auch Gerd Burmeister vom Eric-Kandel-Gymnasium in Ahrensburg zu berichten.

Wie groß das Interesse an Aufklärung an den Schulen ist, zeigte sich jetzt auch bei einer landesweiten Fachtagung, die das IQSH mit dem Rat für Kriminalitätsverhütung in Kiel organisiert hatte. Die Veranstaltung war bis auf den letzten Platz ausgebucht, etwa 100 Pädagogen aus dem gesamten Norden waren dabei. „Wir werten das als ein deutliches Zeichen“, sagt Heike Kühl-Frese vom IQSH. Jetzt gelte es, die Rückmeldungen der Schulleiter und Lehrer auszuwerten. Man arbeite vertrauensvoll zusammen, sagt Kühl-Frese. Die Fachtagung habe aber auch gezeigt, dass es bei der Prävention besonders darauf ankomme, die Jugendlichen in ihrer Lebenswirklichkeit abzuholen. Es gehe darum, Eltern und Lehrer dafür zu sensibilisieren, mit den Jugendlichen zum Thema Salafismus überhaupt ins Gespräch zu kommen. Denn: „Das Problem weitet sich aus“, sagt Thomas-Michael Kassun vom Rat für Kriminalitätsverhütung. Vor dem Hintergrund der neuen Zahlen und den zehn Rückkehrern sieht Kassun einen verstärkten Handlungsbedarf: „Wir müssen uns das Landesprogramm noch einmal vornehmen.“ Der Jahresbericht spreche, so Kassun, eine deutliche Sprache: „Die Kapazitäten reichen nicht aus.“

Bildungsministerin Britta Ernst unterstreicht derweil die Relevanz des Vorhabens. Auf Abendblatt-Anfrage sagt sie: „Ich halte den Kampf gegen Extremismus für eine zentrale Aufgabe für alle, die für die Demokratie eintreten. Wir werden nicht zulassen, dass die demokratische Ordnung gefährdet wird.“

Das Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen bittet Lehrer, Schulleiter und Sozialpädagogen darum , sich bei Fragen und mit Anregungen an das Institut zu wenden. Adresse: heike.kuehl-Frese@IQSH.de