Stormarn
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In den Kindertagesstätten wird es immer enger

Die Flüchtlingskinder Omar, 4, und Bilal, 6, beim Essen in der Kita Lottbek in Ammersbek

Die Flüchtlingskinder Omar, 4, und Bilal, 6, beim Essen in der Kita Lottbek in Ammersbek

Foto: Petra Sonntag / HA

Der Zustrom von Flüchtlingen sorgt in vielen Orten für Platznot. Zusätzliche Förderung für die Integration gibt es nicht.

Ammersbek.  Ein strahlendes Lächeln breitet sich auf Bilals Gesicht aus, als er den Sprung von der Sprossenwand auf die Weichbodenmatte geschafft hat. Sein jüngerer Bruder Omar zögert noch. Die beiden Flüchtlingskinder aus Syrien sind seit November vergangenen Jahres in der Kindertagesstätte (Kita) Lottbek, heute steht Turnen auf dem Programm.

Bilal und Omar sind zwei von 2336 Asylsuchenden, die 2015 nach Stormarn kamen. Nach Angaben des schleswig-holsteinischen Bildungsministeriums sind ein Drittel der Flüchtlinge Kinder unter 14 Jahren. Während derzeit 400 schulpflichtige Flüchtlingskinder an Stormarns Grund- und weiterführenden Schulen zunächst in sogenannten DaZ-Zentren (DaZ = Deutsch als Zweitsprache) gesondert unterrichtet werden, um ihnen Grundkenntnisse in Deutsch zu vermitteln, ist der Kitabesuch für die Drei- bis Sechsjährigen ein Sprung ins kalte Wasser.

„Manchmal sitzt Bilal ganz still in einer Ecke und schaut stundenlang aus dem Fenster“, sagt Inge Mercuur, die sich im Auftrag der Gemeinde Ammersbek seit zwei Jahren um Kinder aus Migranten- und Asylbewerberfamilien als zusätzliche Erzieherin in der Kita Lottbek kümmert. „Ich weiß nicht, was der Junge alles erlebt hat.“ Anfangs verständigt sie sich vor allem über Mimik und Gesten mit den Kindern, die aus Syrien, Afghanistan und vom Balkan stammen. Den deutschen Wortschatz baut Mercuur bei ihnen auf, indem sie beim Malen Farben benennt, beim Anschauen eines Bilderbuchs die Tierbezeichnungen erklärt, jede Anweisung mit Gesten verdeutlicht und wiederholt. „Nach zwei bis drei Monaten kommt die Sprache“, sagt die Erzieherin, die selbst aus Südafrika stammt. Die Integration funktioniere gut unter den Kindern, Gleichaltrige hätten keine Berührungsängste.

Erzieherin hat Kontakt zu Eltern in den Unterkünften

Mercuur besucht ihre Schützlinge auch in der Flüchtlingsunterkunft und pflegt intensiven Kontakt zu den Eltern, bei der Verständigung hilft ihr ein Übersetzungsprogramm auf dem Mobiltelefon. Durch die Hausbesuche weiß sie auch, woran es gerade fehlt. „Ob Schneehose, Gummistiefel oder andere Kleidung – die Eltern anderer Kitakinder helfen hier gern und oft mit Spenden“, sagt sie. Wegen der steigenden Flüchtlingszahlen sah die Gemeinde Ammersbek den Bedarf einer solchen Stelle, im Einzugsbereich der Kita Lottbek liegt eine Flüchtlingsunterkunft. In diesen Tagen werden zwei weitere im Schäferdresch für insgesamt 49 Flüchtlinge eröffnet. Derzeit leben 32 Flüchtlingskinder in Ammersbek.

Doch jemanden wie Inge Mercuur leisten sich die wenigsten Kita-Träger im Kreis. In der Regel muss der vorhandene Personalschlüssel von 1,5 Kräften pro Gruppe reichen, um auch die Flüchtlingskinder zu betreuen. Eine besondere Förderung seitens des Kreises für den Umgang mit ihnen gibt es bislang nicht. In der Kita Schulstraße in Ahrensburg sind seit Sommer 2015 sechs Kinder, die aus Aserbaidschan und Syrien stammen. „Es ist mehr Arbeit für die Erzieherinnen, anderthalb Kräfte sind für die Betreuung zu wenig“, sagt Leiterin Gaby Lenz. Die Kommunikation sei ein Problem. Dafür sei Musik ein verbindendes Element, sagt Lenz. „Bei unserem Laternelauf im Herbst sang ein Kind, das gerade vier Wochen bei uns war, mit Inbrunst »Laterne, Laterne«. Wahrscheinlich hatte es keine Ahnung, was es sang, aber es tat es mit Freude gemeinsam mit uns.“

Steigender Bedarf an Kitaplätzen in Ahrensburg

Auch Gaby Lenz weiß nicht, was manche Kinder vor ihrer Ankunft in Deutschland erlebt haben. Zwar sei ihr Team geschult hinsichtlich kultureller Unterschiede, verschiedener gesellschaftlicher Systeme und des Erkennens von Traumata, doch die Zeit, sich den einzelnen Kindern intensiv zu widmen, fehle.

In der Schlossstadt steigt der Bedarf an Kitaplätzen für Flüchtlingskinder. Derzeit sind 35 Drei- bis Sechsjährige überwiegend aus Syrien, Afghanistan und dem Irak in Ahrensburger Kitas untergebracht. „Im Sommer wird es eng“, sagt Anja Gust, Fachdienstleiterin für Kindertageseinrichtungen der Stadt Ahrensburg. „Wir suchen nach Lösungen.“

Schon jetzt sind Kitaplätze knapp. Reißt der Zustrom nicht ab, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Eltern auf der Suche nach Kinderbetreuung auf Schwierigkeiten stoßen. Allein im Januar dieses Jahres erfasste die Kreisverwaltung 214 weitere Flüchtlinge, bevor sie auf die Stormarner Kommunen verteilt wurden. In der Kreisstadt selbst sind rund 40 Kinder überwiegend aus Syrien untergebracht, 17 davon besuchen Oldesloer Kitas. Monatlich kommen im Durchschnitt sechs Kinder hinzu.

Reinbek und Trittau können längst nicht alle Flüchtlingskinder aufnehmen

In Reinbek stehen vier Flüchtlingskinder auf der Warteliste für einen Kitaplatz. Von den derzeit 42 Asylkindern besuchen elf eine Kita. In einigen Einrichtungen seien die Mitarbeiter speziell für die Integration geschult worden, sagt Anja Stathakis vom Amt für Bildung, Jugend, Kultur und Sport. Die Kitas schafften zudem Übersetzungsbücher und Bildkarten an, um Sprachbarrieren abzubauen. In der DRK-Kita Schmiedesberg spendeten einheimische Eltern sogar Geld, um den Neuankömmlingen die Teilnahme an besonderen Angeboten wie Musikunterricht oder Malkursen zu ermöglichen.

Im Gebiet des Amtes Trittau gibt es bereits zu wenig Betreuungsplätze. Um einer Überlastung des Personals in den Kitas vorzubeugen, nahm die Gemeinde dort nur wenige Flüchtlingskinder auf. Sie stammen aus Syrien, Afghanistan, Albanien, dem Irak und Eritrea. Sabine Jonas vom Fachdienst Schule, Kultur und Jugend sagt: „Vorrangig erhalten die Kinder erwerbstätiger Eltern einen Betreuungsplatz. Wir würden gerne noch mehr Flüchtlingskinder betreuen. Hierzu fehlt es allerdings an finanziellen und personellen Ressourcen.“