Stormarn
Vor 25 Jahren

Wie ein Ammersbeker die Deutsche Einheit mitgestaltete

3. Oktober 1990: Tausende feiern, auf der Freitreppe des Reichstagsgebäudes steht auch Werner Zywietz – „leider hinter einer Säule“, wie er sagt

3. Oktober 1990: Tausende feiern, auf der Freitreppe des Reichstagsgebäudes steht auch Werner Zywietz – „leider hinter einer Säule“, wie er sagt

Foto: Jens Büttner / picture-alliance / ZB

Der Ammersbeker Werner Zywietz denkt an die Zeit vor 25 Jahren zurück, als er ein Stück deutsche Geschichte mitgestaltet hat.

Ammersbek.  Fremde, die sich in den Armen liegen. Hinter ihnen sitzen Menschen auf der Berliner Mauer. Sie lassen die Beine baumeln, halten Wunderkerzen und strahlen. Strahlen, wie rund ein Jahr später Bundeskanzler Helmut Kohl auf der Freitreppe des Reichstages strahlt. Vor ihm stehen Zehntausende von Menschen. Viele haben Tränen in den Augen, andere schwenken schwarz-rot-goldene Flaggen, jubeln. Das sind wohl die bekannten Bilder von den bedeutendsten Momenten auf dem Weg zur Deutschen Einheit. Werner Zywietz aus Ammersbek kennt noch andere Bilder aus der Zeit vor 25 Jahren: hüfthohe Aktenberge mit Beschlussvorlagen und die müden Gesichter der Kollegen nach 16-Stunden-Arbeitstagen im Bundestag.

Die Fusion der beiden deutschen Staaten war eine gewaltige Aufgabe

Der Ammersbeker FDP-Politiker saß für seine Partei von 1972 bis 1983 sowie von 1987 bis 1994 im Bundestag, war als Mitglied des Hauptausschusses und später auch des Treuhandausschusses für die Privatisierung der DDR nach der Wiedervereinigung zuständig. Er sagt: „Die Fusion der beiden deutschen Staaten war eine gewaltige Aufgabe. Es war die arbeitsreichste Zeit meines Lebens.“ Er sagt öfter: „Dass wir das erleben durften, das war einfach nur schön.“

Werner Zywietz war schon als junger Politiker von der Notwendigkeit der deutsch-deutschen Annäherung überzeugt – und wurde deswegen in den 70er-Jahren beschimpft, gar bespuckt. „Das war in Mölln“, sagt er. Der Mann habe danach noch gerufen: „Ihr Vater würde sich im Grab umdrehen“, erzählt Zywietz. Er war damals Mitglied des Bundestages und Unterstützer der neuen Ostpolitik von Kanzler Willy Brandt. Und die sah auch die endgültige Aufgabe Ostpommerns vor. Werner Zywietz, 1940 in Ostpreußen geboren und 1944 mit seiner schwangeren Mutter und Bruder Erwin in den Westen geflüchtet, sagt: „Als es bei der Abstimmung über den Zwei-Plus-Vier-Vertrag im Jahr 1990 richtig ernst wurde, war mir dann doch etwas mulmig.“ Den Moment später sei alles „spontane und ehrliche Freude gewesen“.

Auch in den Jahren danach sei die Stimmung im Bundestag gut gewesen, trotz „der knüppelharten Arbeit“. Denn wie die Abgeordneten in Bonn bereits in den Monaten vor dem 3. Oktober „stets in die Prozesse und Verhandlungen zwischen der BRD, der DDR und der Sowjetunion, Großbritannien, Frankreich und den USA eingebunden waren“, wurden ihre Aufgaben nach der Einheit noch umfangreicher.

Nicht nur rund 17 Millionen Neubürger empfing die Bundesrepublik im Oktober 1990, sondern übernahm auch ein Staatsgebiet von 1.083.33 Quadratkilometern, ungezählte verstaatlichte, marode Betriebe, die Sozialleistungen eines nahezu bankrotten Systems und seine politischen Verpflichtungen. Zywietz: „Und für unsere Aufgaben gab es keine Vorlage, das war Pionierarbeit.“

1999 hat Zywietz von seiner Arbeit für die Deutsche Einheit privat profitiert

Und die Zeit, die sei stets knapp gewesen. Zywietz: „Wir konnten nicht alles bis ins Detail diskutieren. Die Leute konnten nicht ewig auf ihre Renten warten. Auf der anderen Seite mussten wir auch schnell entscheiden, wo investiert wird und welcher Investor welchen Betrieb kaufen darf, welche Übernahmeregelungen für die Mitarbeiter gelten müssen.“ Eine weitere Aufgabe im Treuhandausschuss war, den unter der SED-Führung enteigneten Grundbesitzern ihr Eigentum zurückzugeben. Zywietz meint heute, dass die Kritik an der Art und Weise der Privatisierung der DDR in Teilen gerechtfertigt sei, aber grundsätzlich hätten sie damals die richtigen Entscheidungen getroffen. Zywietz: „Wenn es falsch gelaufen wäre, dann hätten wir auch die Oligarchen, die sich nach dem Zusammenbruch ungehindert die dicksten Stücke des Kuchens gesichert hätten.“

Wenn Zywietz heute an die Öffnung der innerdeutschen Grenze und die darauffolgende Einheit denkt, dann weiß er, dass die Kohl-Regierung, seine Bundestagskollegen und er damals auch für sein privates Glück gesorgt haben: 1999 hat Zywietz auf der Insel Usedom seine zweite Ehefrau Ülle kennengelernt, eine gebürtige Estin.