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Frauen auf der Flucht – die Angst reist mit

Mireille war Sexsklavin und Soldatin. Wer der Vater des Kindes ist, weiß sie nicht. Jetzt ist sie im einem Hilfscamp im Kongo in Sicherheit.

Mireille war Sexsklavin und Soldatin. Wer der Vater des Kindes ist, weiß sie nicht. Jetzt ist sie im einem Hilfscamp im Kongo in Sicherheit.

Foto: Maria Welser

Journalistin und Autorin Maria von Welser spricht bei den Reinbeker Kamingesprächen über die Zerstörung der Frau als Waffe des Krieges

Reinbek. Kita-Plätze, damit Frauen zur Arbeit gehen können. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Mehr weibliche Führungskräfte in die Vorstände. Die Liste der Forderungen ist lang. Gleichberechtigung ist ein heiß diskutiertes Thema. In Deutschland. Beim Blick in die Augen der 17-Jährigen Mamy wird dieses Problem ganz klein. Die Journalistin und Autorin Maria von Welser, die am Mittwoch, 20. Mai, zu Gast bei den Reinbeker Kamingesprächen sein wird, hat Mamy gegenübergesessen. Im Kongo. Wo es nicht um Kita-Plätze oder gleichen Lohn geht, sondern um die Zerstörung der Frau als Waffe des Krieges.

Mamy wurde beim Einkaufen in ihrem Dorf von fünf Soldaten überfallen und vergewaltigt. Die Rebellen verschleppten die 17-Jährige in ein Camp. Fünf Monate musste Mamy, die ihren Namen aus Angst geändert hat, dem Kommandanten zur Verfügung stehen. „Sie sagt das ganz nüchtern, irgendwie emotionslos. Sie lässt diesen Teil ihres Lebens wohl nicht mehr an sich ran“, schreibt Maria von Welser in ihrem neuen Buch „Wo Frauen nichts wert sind.“

Die brutale Geschichte der 17-Jährigen Chiku

Was die Publizistin und stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Akademikerinnenbundes bei ihren Recherchen im Ost-Kongo, in Afghanistan und in Indien erfahren hat, ist selbst bei der Lektüre kaum auszuhalten. Die Geschichte der 17-Jährigen Chiku ist noch brutaler. Sie musste auf Menschen schießen. Wenn sie keine Toten lieferte, wurde sie geschlagen. „Die Männer mischen ihr Drogen ins Essen und machen sie mit Alkohol gefügig“ schreibt Maria von Welser. „Jeder Soldat im Camp greift sie sich und vergewaltigt sie. Jeder – und jederzeit. Sie ist, wie so viele andere, eine sexuelle Sklavin.“ Die Lektüre erschüttert. Es ist ein Tatsachenbericht, eine Dokumentation. Die unfassbare Wahrheit, die mit der deutschen Wirklichkeit nichts zu tun hat und von denen Menschen, die vor Asylbewerbern Angst haben, vielleicht zu wenig wissen.

„Grenzübertritt – zwei fremde Welten“ hat Maria von Welser daher eines der Kapitel über den Kongo überschrieben. Und zwischen diesen Welten bewegt sich die Autorin, die ihr ganzes Berufsleben die Frauen in den Fokus gerückt hat: Ihre Stärken und Schwächen, ihren Kampf, ihre Hoffnungslosigkeit. 1993 erschien ihr Buch „Am Ende wünscht du Dir nur noch den Tod“, in dem sie über Massenvergewaltigungen im Balkan-Krieg berichtet. Ein Jahr später reiste sie in die heute kongolesische Großstadt Goma, für die erste Reportage des von ihr konzipierten und moderierten Frauenjournals Mona Lisa – dem ersten dieser Art im Deutschen Fernsehen überhaupt.

„Goma drohte damals unter den Massen an Flüchtlingen zu ersticken“, sagt von Welser. Das Bild der blauen und weißen Plastikzeltdächer auf der riesigen Vulkanfläche, werde sie nie vergessen. Mindestens zwei Millionen Tutsi flohen damals aus Ruanda vor den mordenden Hutu ins Nachbarland, dem heutigen Ost-Kongo, das bis 1997 noch Zaire hieß. Unter den Flüchtenden: Zigtausende der für den Genozid verantwortlichen Soldaten. Schlechte Voraussetzung für einen Neubeginn. „Das nächste Kriegs- und Ausbeutungskapitel begann“, sagt von Welser. „Es ist bis heute nicht beendet.“

Mehr als 50 Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht

Im vergangenen Jahr flüchteten rund eine halbe Million Menschen aus dem Kongo und aus dem Süd-Sudan, aus Afghanistan mehr als 2,6 Millionen und aus Syrien mehr als drei Millionen. Laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk sind zurzeit mehr als 50 Millionen Menschen unterwegs. Sie wollen raus aus ihrem Land. Gewalt und Hunger hinter sich lassen. Eine Entscheidung mit ungewissem Ausgang.

Maria von Welser: „Stellen wir uns vor: Halb Deutschland flüchtet. Weil Krieg ist, weil terroristische Milizen die Männer ermorden und die Frauen vergewaltigen.“ So wie die 17-jährige Mamy oder ihre Leidensgenossin, die gleichaltrige Chiku. Sollten sie flüchten und einen Asylantrag stellen: Sie hätten keine Chance. „Bis heute ist Vergewaltigung oder eine drohende Vergewaltigung kein Asylgrund“, sagt die Publizistin. Und hier schließt sich der Teufelskreis. So wird Maria von Welser aus aktuellem Anlass in Reinbek zwei Themen miteinander verbinden – und über die Not der vor der Not fliehenden Frauen und Kinder sprechen. Wo bleiben diese Frauen? Welche Perspektive haben sie? Zum Beispiel hier bei uns in Deutschland, in Stormarn?

„Überall ist zu lesen und zu hören, das 80 Prozent der Flüchtlinge Frauen sind“, sagt die Autorin. „Aber wer ist auf den Booten, die über das Mittelmeer kommen? Hauptsächlich Männer.“ Junge Männer, die sich eine Zukunft in Europa erhofften. „Die Frauen bleiben hängen. Nur 30 Prozent kommen an.“ Denn auf der Flucht gehe die Gewalt weiter. Wer für sich und seine Kinder eine Bleibe suche, müsse zahlen. Nach dem Prinzip des mietfreien Wohnen gegen Leistung in Form des Körpers der Frauen. Von Welser: „So kommen sie von einem Krieg in den nächsten. Den gegen die Frauen.“

Am Mittwoch, den 20. Mai, spricht Welser in Reinbek

Die Geschichten, die Maria von Welser auf ihren Reisen hört, sind unfassbar. Der Anblick geschundener Körper und zerstörter Seelen berühren. Während der Recherche kann die Autorin das nicht zulassen. „Ich bin Profi“, sagt sie. „Ich kann schottendicht leben. Aber beim Schreiben, da holt es mich ein.“

Maria von Welser spricht am Mittwoch, 20. Mai, in der Reihe Reinbeker Kamingespräch über „Die Angst iim Gepäck“ – über die Not der Frauen und Kinder auf der Flucht. Der Abend im Festsaal des Schlosses beginnt um 19.30 Uhr. Die Moderation übernimmt das Hamburger Abendblatt. Der Eintritt ist frei.