Ahrensburg

Als jeder Zweite in Stormarn Flüchtling war

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Sebastian Knorr
Ein Foto, das Karin Voß gern mag: Ihr Vater Heinrich Villwock, der Flüchtling aus Hamburg, raucht 1946 im Gartenholz selbst angebauten Tabak

Ein Foto, das Karin Voß gern mag: Ihr Vater Heinrich Villwock, der Flüchtling aus Hamburg, raucht 1946 im Gartenholz selbst angebauten Tabak

Foto: Karin Voß

Volkshochschule Ahrensburg erinnert mit einer Austellung an die Nachkriegszeit und zieht Parallelen zu heute. Vortrag im April vertieft das Thema

Ahrensburg. Vater, eine Hand lässig in der Hosentasche, in der anderen die Pfeife, sieht stolz aus, wie er da an der Mauer lehnt auf dem Anwesen seiner Eltern an der Lübecker Straße. Rauchen ist purer Luxus zu jener Zeit. Fotografieren und fotografiert werden auch. Es ist 1945 in Ahrensburg. Die Stadt ist voller Flüchtlinge; jeder zweite Bewohner kommt von weit her.

Karin Voß hat Glück, sie hat ein ganzes Fotoalbum voller Erinnerung aus dieser Zeit, in der es an vielem gemangelt hat. Aus der Zeit, als sie noch ein kleines Mädchen war. Eben auch das Bild von Vater, der Pfeife raucht. Den Tabak hatte er selbst angebaut und getrocknet. „Tabak war nirgendwo sonst zu bekommen“, sagt Voß, „das hat erfinderisch gemacht.“ Das Ergebnis hieß vielerorts: „Tabak Bahndamm Sonnenseite“, angepflanzt an der Sonnenseite des Bahndamms. Auch Nahrungsmittel sind knapp zu jener Zeit, Wohnraum erst recht – auch wegen der vielen Flüchtlinge aus dem Osten.

In gewisser Weise gehört auch Familie Voß zu den Flüchtlingen, die 1941 aus Hamburg-Barmbek aufs Land zu den Großeltern ziehen, als die Luftangriffe auf Hamburg Überhand nehmen. Nun beobachtet die junge Karin Voß, wie es in Ahrensburg voller und voller wird. „Der erste Eindruck von den Flüchtlingen“, sagt sie heute, „war furchtbar. Sie hatten nur das Nötigste bei sich, einen Koffer, manchmal noch einen Rucksack, ihre Papiere und Kleidung, mehr nicht.“ Es wird nach und nach voller in dem Haus im Ahrensburger Gartenholz: zwei Stockwerke, sechs Zimmer, eine Küche, ein Badezimmer, eine Toilette, Keller und Dachboden. Teilweise leben bis zu 30 Menschen dort. Drinnen werden Notöfen aufgestellt, draußen wird ein Holzklo gebaut.

Stellvertretende VHS-Leiterin zieht Parallelen zur heutigen Zeit

Nun ist diese Zeit Thema einer Ausstellung in der Ahrensburger Volkshochschule (VHS). „Es ist wichtig, daran zu erinnern, wie die Situation der Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg in Stormarn war“, sagt Heike Gielnik, stellvertretende VHS-Leiterin. „Nach dem Krieg gab es hier weitaus mehr Flüchtlinge als heute.“ Anlass der Ausstellung ist der 70. Jahrestag des Kriegsendes. „Es ist der Versuch, eine Brücke zu schlagen“, sagt Gielnik. „Dass die Situation nicht mit der heutigen vergleichbar ist, ist klar. aber es gibt Parallelen.“ Damit meint Gielnik die Flucht vor dem Krieg, die Verfolgung und die schlechte Situation der Flüchtlinge, die meist nur das Wenige bei sich haben, das sie tragen können.

Hermann Faak kennt die Situation aus noch einem anderen Blickwinkel. Als Junge von acht Jahren kommt er aus Ostpreußen in Bad Oldesloe an. Ende 1944 ist er mit drei Geschwistern, der Mutter und einem Hausmädchen vor der einfallenden Roten Armee geflüchtet. Ein Wort prägt sein Erinnerung an diese Zeit. „Steckrüben“, wiederholt er immer wieder, „gekocht oder gebraten, aber immer ohne Fett.“ Er habe seinen Kindern früher einmal versucht zu erklären, was Hunger bedeutet, „sie haben es nicht verstanden. Sie konnten es aber auch nicht verstehen.“ Faak weiß, wovon er spricht: “Das war die Zeit, als ich Hunger hatte“, sagt er „aber wie“.

Nicht an alle Umstände seiner Flucht kann sich Faak erinnern. Zunächst – als die Familie die Erlaubnis bekommen hat zu fliehen – geht es nach Königsberg zu den Großeltern. „Ich erinnere mich noch an Bombenangriffe, die wir im Keller verbrachten, an zerstörte Häuser und Flammen.“ Weiter geht es zu Wasser: „Wir sollten auf die ,Wilhelm Gustloff’“, sagt Faak – auf jenes Schiff also, auf dem 9000 Flüchtlinge ihr Leben ließen –, und er spricht langsamer. „Ich weiß nicht, warum wir ein anderes Schiff genommen haben.“

Die Familie kommt in Rostock an. „Ab da habe ich keine Erinnerung“, sagt Faak, „der Kopf macht irgendwann nicht mehr mit, der sagt dann: Hier ist Schluss.“

Nur so viel: Der Zug wird beschossen. Schließlich erreicht Familie Faak Bad Oldesloe. „Man hat uns erst mal in einem Krankenhaus untergebracht“, erinnert sich Faak, dann ziehen sie aufs nahe Gut Altfresenburg um. Sein Vater kommt 1946 aus amerikanischer Gefangenschaft ins neue Zuhause, von da an leben sie zu sechst in zwei Zimmern. „Wie wir da genug Platz hatten, dass weiß ich nicht mehr.“ Die Familie hat einen kleinen Herd, eine Heizung gibt es nicht, Brennholz ist knapp.

1947 kommt ein Rückschlag. Die Eltern lassen sich scheiden, die Kinder werden aufgeteilt. Von nun an ist er mit seinem Vater unterwegs. „Wanderjahre“ nennt Faak das: von Bad Oldesloe nach Rendsburg, zurück nach Bad Oldesloe, dann nach Glinde und schließlich nach Ahrensburg. Im Jahre 1959 ist er dann schlussendlich richtig angekommen, wird Angestellter der Stadt Ahrensburg und bezieht seine erste eigene Wohnung. 22 Jahre ist er alt und denkt immer noch, er werde irgendwann zurückkehren. „Wir hatten Wertsachen, Silberbesteck und Fotos unter einem Apfelbaum vergraben.“ Erst 1999 kehrt er tatsächlich zurück, als Tourist. Unter dem Apfelbaum findet er nichts mehr.

Flüchtlinge haben sofort den ostpreußischen Dialekt abgelegt

„Wir sind hier gut aufgenommen worden“, sagt Faak, „die einheimischen Kinder waren meine Spielkameraden, da gab es keine Probleme.“ Aber sie hatten sich auch angepasst: „Mein Vater hat den ostpreußischen Dialekt nicht mehr gesprochen.“ „Die Plattdeutschen hier haben ja sofort erkannt woher jemand kam: aus Schlesien, Ostpreußen oder Pommern“, sagt Karin Voß. Sie wohnt zur selben Zeit bei ihren Großeltern in Ahrensburg. Ihre Großmutter kümmert sich nach dem Tod des Großvaters um die kleine Gemeinschaft. „Im Haus der Großmutter hat keiner gehungert. Es wurde aber alles geteilt. Denn Mensch ist Mensch, und der Stärkere hilft dem Schwächeren“, sagt Karin Voß. Das habe sie von ihrer Großmutter gelernt und an ihre Kinder weitergegeben.

Dass es genug zu essen gibt damals, ist auch dem Einfallsreichtum ihrer Großmutter zu verdanken. Als die Pute ihre 30 Eier nicht ausbrüten will, muss der Puter ran – abgefüllt mit Kümmel-Korn, damit er nicht merkt, was er da gerade tut...

Kann man die Situation von damals mit heute vergleichen? Nein, sagt Karin Voß, „das waren unsere eigenen Leute.“ Die Integration sei damals innerhalb von einem Jahr geschehen, heute müsse erst mal Kultur und Sprache gelernt werden, „und das dauert seine Zeit.“ Außerdem müssten die Motive der Asylsuchenden heute genauer geprüft werden, sagt Hermann Faak. Gerade das dauere häufig jedoch zu lange, kritisiert Voß: „Die Menschen die hierherkommen, brauchen schnelle Verfahren, man kann sie nicht einfach in ein Heim bringen und dann mal sehen.“

Marlen von Xylander hat 2010 zum Thema Flüchtlinge in Schleswig-Holstein promoviert. Neben anderen Quellen verarbeitet sie darin auch Ergebnisse von knapp 100 Interviews, die sie mit Zeitzeugen geführt hat. „In vielen Fällen haben die Menschen aus dem Umgang mit Flüchtlingen gelernt“, sagt sie. Und: „Es ist wichtig, sich auch heute noch mit der Geschichte auseinanderzusetzen.“ Darüber hat sie unter dem Titel „Flüchtlinge im Armenhaus“ ein Buch veröffentlicht.

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