Stormarn

Die Gutsherren suchen Nachfolger

Seit mehr als 20 Jahren gestalten Uwe Westebbe und Rolf Winter gemeinsam als Geschäftsführer dasGut Wulksfelde in Tangstedt. Jetzt wollen sie einen Nachfolger in die Philosophie des Öko-Landbaubetriebs einarbeiten

Fünf Öko-Freaks wollen marodes Staatsgut retten“. So titelte eine Hamburger Zeitung, als Uwe Westebbe und vier Mitstreiter im Oktober 1989 das Gut Wulksfelde von der Stadt Hamburg pachteten. So war das eben in den ausgehenden 80er-Jahren. Menschen, die die Zukunft im ökologischen Landbau sahen, wurden als Freaks abgetan. Heute, im 26. Jahr des Bestehens des Gutes, gelten eher jene als Freaks, die noch nicht begriffen haben, dass regionale, ökologisch einwandfrei produzierte Lebensmittel zum Standard in jedem Haushalt gehören sollten.

Drei Jahre nach der Gründung des Öko-Gutes stieß Landwirt Rolf Winter, 61, in Wulksfelde dazu. Westebbe und Winter gestalteten als Geschäftsführer eine „optimistische Reise ins Unbekannte“ und sind im Jahr 2015 in einer ziemlich perfekten Realisierung ihrer Idee von nachhaltiger Landwirtschaft gelandet. Ein ökologisches Unternehmen mit 140 Mitarbeitern ist am Wulksfelder Damm entstanden, das im Großraum Hamburg eine fest etablierte Marke für ökologische Lebensmittel geworden ist, das seine und die Erzeugnisse anderer Hersteller in einem modernen Hofladen an die regionale Kundschaft verkauft und über den Online-Shop mehr als 2000 Kunden in der gesamten Metropolregion versorgt. Ein Vorzeige-Betrieb mit Tiergarten und Erlebnis-Spielplatz, wie es ihn in Deutschland kaum ein zweites Mal gibt.

„Es erfüllt einen schon mit Stolz, wenn man sieht, was wir da gemeinsam mit unserem Team aufgebaut haben. Das ist schon ein Lebenswerk“, sagt Uwe Westebbe. Und mit einem Lächeln fügt er an. „Hätt’ ich damals gar nicht gedacht, dass wir es soweit bringen.“ Für ihn und Rolf Winter stellt sich in diesem Jahr die Frage, wie die Entwicklung auf dem Gut Wulksfelde weiter gehen soll, wie das Erreichte bewahrt und das Neue entwickelt werden kann. Die beiden Geschäftsführer wollen sich auf Sicht aus dem operativen Geschäft zurückziehen, dem Gut aber als Gesellschafter erhalten bleiben. Die Weiterentwicklung des Gutes wollen sie aktiv gestalten. Deswegen schauen sich die beiden Gutsherren nun nach einer Verstärkung um, einem Nachfolger in der Geschäftsführung, den sie behutsam einarbeiten wollen. „Wir möchten rechtzeitig die Weichen für die Zukunft stellen und eine langfristige Perspektive für den Betrieb sicherstellen“, sagt Rolf Winter. „Wir wünschen uns, dass das Bewährte erhalten bleibt und die Einzigartigkeit vom Gut Wulksfelde weiter ausgebaut wird“, sagt Uwe Westebbe. Die Philosophie des Gutes, die Idee der nachhaltigen Produktion vom Acker auf den Teller, die müsse die neue Führungsperson verinnerlichen. Teil des Teams auf Gut Wulksfelde zu sein, das sei keine Arbeit, das sei eine Lebensaufgabe. „Außerdem braucht er oder sie ausgeprägte Management-Qualitäten, die Fähigkeit, den Laden zusammenzuhalten und zu führen“, sagt Winter. Es habe immer die Qualität des Gutes ausgemacht, dass sich die Mitarbeiter mit ihren Fähigkeiten voll einbringen und eigenverantwortlich entfalten konnten. Winter: „Wir pflegen den kooperativen Führungsstil.“

Die Bedingungen des Marktes, auf dem sich Wulksfelde bewegt, haben sich grundlegend verändert seit 1989. Bio ist nicht mehr Nische, sondern Mainstream. Über sieben Milliarden Euro beträgt der Umsatz der Branche in Deutschland. Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bio-Dachverbandes Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), bilanzierte während der Grünen Woche in Berlin im Januar: „Bio bleibt ein Verkaufsschlager, und die verbesserte Fördersituation in vielen Bundesländern bietet gute Argumente für Landwirte, auf Ökolandbau umzustellen. Und mehr Ökolandbau in Deutschland bedeutet mehr regionale Produkte, mehr Artenvielfalt auf den Äckern, sauberes Trinkwasser und mehr Arbeitsplätze im ländlichen Raum.“ Gleichzeitig sehen sich die regionalen Öko-Produzenten in Konkurrenz zu Herstellern von Bio-Massenware mit zweifelhaften Standards und befürchten, dass das Freihandelsabkommen mit den USA (TTIP) zum Einfallstor für Gentechnik in Europa wird – anstatt dafür zu sorgen, dass ökologische Produktion und faires Arbeitsrecht in den Fokus gerückt werden.

Mit ihrer Geschäftsphilosophie sehen sich die Wulksfelder gut gerüstet für diese Herausforderungen. „Wir sind ein gläserner Betrieb, in allen Bereichen der Wertschöpfungskette“, sagt Rolf Winter. „Manchmal sind wir regelrecht erschrocken, wie sehr uns die Kunden vertrauen. Dieses Vertrauen nicht zu enttäuschen, ist eine große Verantwortung.“

Die passende Person für die Geschäftsführung suchen Winter und Westebbe sowohl intern als auch extern. Um am Ende den bestmöglichen Kandidaten zu küren. Welche Ideen der oder die Neue mitbringen wird, bleibt abzuwarten. Mittelfristig wollen Westebbe und Winter weiter am Konzept des Erlebnishofes Wulksfelde arbeiten. Attraktionen wie der Tiergarten mit Streichelzoo und Kletterhaus oder die jährlichen Märkte seien ausbaufähig, sagt Winter. In diesem Jahr wird auf dem Gut am Sonnabend, 20. Juni, der Wulksfelder Bauernmarkt gefeiert, im Herbst, am Sonnabend, 19. September, folgt mit dem Kartoffelmarkt das zweite Veranstaltungs-Highlight. Zu beiden Märkten pilgern die Kunden und Fans des Gutes aus der ganzen Region zu Zehntausenden. Mindestens ein Großereignis soll dazu kommen bis 2016. Ganz aktuell entsteht bis April eine neue Attraktion: Das „Guts-Kaffee“. Gleich neben dem gut etablierten Restaurant „Gutsküche“ von Matthias und Rebecca Gfrörer wird es an den Wochenenden Kaffeespezialitäten und frischen Kuchen geben.