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Wie ein Ahrensburger Friedrich Schiller rettete

Freundeskreis um Schlossbesitzer-Familie Schimmelmann half krankem Dichter mit Geld

Ahrensburg. Der Freundeskreis des Dichters ist zusammengekommen. Betretene Gesichter. Stille. Schiller ist tot? Ernst Heinrich Graf von Schimmelmann, Sohn des Ahrensburger Schlossbesitzers, ist bestürzt. Er ist ein Anhänger der Aufklärung. Schiller sein Idol. Schimmelmanns Freund, Herzog Friedrich Christian August von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, empfindet genauso. Auch der dänische Dichter Jens Baggesen ist gekommen. Er ergreift schließlich die Initiative und organisiert eine Totenfeier für den geliebten Dichterkollegen aus Jena.

So ähnlich hat es sich zugetragen, im Sommer 1791 am Stadtrand von Kopenhagen. Dorthin hatte Schimmelmann junior als dänischer Finanzminister seinen Wohnsitz verlegt. Es ist eine anrührende und zugleich gruselige Szene. Schiller war gar nicht gestorben. Aber er war krank. Todkrank. Als der Freundeskreis um den Ahrensburger Grafen das erfuhr, handelte er erneut.

„Die Herren beschlossen, Schiller ein Stipendium zu bezahlen, eine Art Rente“, sagt Prof. Bernd Werner, der in Ahrensburg einen Vortrag über den Dichter hält. „Nur mit dieser finanziellen Unterstützung aus dem Kreis um Schimmelmann konnte sich Schiller erholen. Die Lage war sehr ernst. Es ist nicht auszuschließen, dass Dichter sonst zu Grunde gegangen wäre.“

Werner weiß, wovon er redet. Der Hamburger hat sich mit Schiller beschäftigt – als Kollege. Denn der Dichter war auch Doktor. So wie der an Literatur interessierte Hamburger auch Mediziner ist. „Eine Lungenentzündung, möglicherweise auch eine Tuberkulose hatte Schillers Zusammenbruch ausgelöst“, sagt Werner. Die Ursache: vollkommene Erschöpfung. „Schiller musste Tag und Nacht arbeiten, um seine Kröten zusammenzukriegen. Er lag ständig im Clinch mit seinen Schuldigern.“ Aus lauter Not habe er sich sogar dazu verstiegen, Kriminalromane zu schreiben. Und Bettelbriefe.

Schiller verdiente als Professor 200 Taler und bekam 1000 dazu

„Es ist erschreckend und faszinierend zugleich, wie devot die Briefe dieses freien und kühnen Geistes an seinen Verleger waren“, sagt Werner. „Auch wenn Schiller die Kunst des Schreibens beherrschte und alles sehr behutsam und fein formulierte.“

Genauso viel Mühe gaben sich Ernst Heinrich Graf Schimmelmann und sein Freund Herzog Augustenburg. Die Geldgeber wollten den Dichter nicht verletzten. Christa Reichardt, die ehemalige Ahrensburger Stadtarchivarin, die Prof. Werner eingeladen hat, hat sich intensiv mit dem Verhältnis zwischen den Schimmelmanns und Schiller beschäftigt und das Dokument ausfindig gemacht. „Zwei Freunde, durch Weltbürgersinn miteinander verbunden, erlassen dieses Schreiben an Sie, edler Mann.“ So beginnt der Brief, der am 27. November 1791 auf die Reise von Kopenhagen nach Thüringen ging.

„Beide bewundern den hohen Flug ihres Genius, der verschiedene ihrer neuern Werke zu den erhabensten unter allen menschlichen Zwecken stempeln konnte“, geht es im galanten Stil weiter. Bis dann am Schluss Schiller folgende lebensrettende Botschaft mit Freude lesen kann: „Wir bieten Ihnen zu dem Ende auf drei Jahre ein jährliches Geschenk von 1000 Talern an.“

Eine Menge Geld, wenn man bedenkt, dass Schillers Jahreseinkommen als Geschichtsprofessor in Jena – auch damit hielt er sich über Wasser – gerade einmal 200 Taler betrug. Eher eine geringe Summe, wenn man sich vor Augen hält, dass Ernst Graf von Schimmelmann mal eben für eine einjährige Studienreise durch England und Frankreich mit seinem Hofmeister Zagel 40.000 Taler ausgab.

Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen Schimmelmann junior und dem Jenaer Dichterfürsten. Sie waren beide von schwacher Konstitution. Das mag die Sympathie befördert haben. Ernst war ein zartes Kind. Die Eltern fürchteten um sein Leben. „Auch Schiller war ein empfindsamer Knabe und dauerhaft kränklich“, sagt Schiller-Experte Prof. Werner. Was die finanzielle Situation betrifft, hätte der Unterschied der beiden allerdings nicht größer sein können. Schiller widmete sich der brotlosen Dichtkunst. Ernst Schimmelmann schwamm dagegen im Geld.

Schimmelmann junior und seine Frau waren Paten von Schillers Sohn

Sein Vater Heinrich Carl hatte mit mit unsauberen Machenschaften ein Vermögen angehäuft. Er scheute nicht vor Sklavenhandel zurück. Und er kaufte Lagerbestände der Königlich-Sächsischen Porzellan-Manufaktur Meissen auf und versteigerte sie bei einer Auktiton mit einem Reisengewinn. „Er rühmte sich damit, die 180.000 Taler für den Kauf des Ahrensburger Schlosses an einem Jahr in Hamburg verdient zu haben“, sagt Christa Reichardt.

Schiller konnte von einem solchen Reichtum nur träumen. Um so glücklicher war er über den Geldsegen von Schimmelmann und seinem herzoglichen Freund. „Die Unterstützung hat wesentlich zu seiner Rekonvaleszenz beigetragen“, sagt Werner. „Denn diese Zuwendung war auch Anerkennung und tat seiner Seele gut.“

Schiller bedankte sich auf seine Art, schrieb „Die ästhetischen Briefe zur Erziehung der Menschheit“ und widmete sie seinen Mäzenen. Werner: „Ohne die finanzielle Unterstützung hätte er der Nachwelt diese bedeutenden Schriften nicht hinterlassen können.“ Die Ausbildung zum Arzt habe seine poetische Kraft schon früh auf die Beziehung zwischen Geist und Körper gelenkt und ihn zum Vorreiter für die Psychosomatik gemacht. Aber erst die Befreiung von den Geldsorgen habe ihm die Zeit und damit die Kraft gegeben, daraus eine kulturphilosophisch Theorie der Empathie, des Mitleids als einheitsstiftendes Prinzip zwischen Geist und Körper aufzustellen. Werner: „Und daraus die Kunstform der Schönheit und Erhabenheit zu entwickeln.“

Zwischen den Eheleuten Schiller und Ernst und Charlotte Schimmelmann entwickelte sich eine Freundschaft. Auch Schillers Frau hieß Charlotte. Christa Reichardt: „Und als 1976 Schillers zweiter Sohn zur Welt kam, wurde er Ernst genannt.“ Schimmelmann junior und seine Gemahlin wurden Paten. Auch viele Briefe gingen hin und her. Sie sind nicht erhalten.