Stormarn
Kinder

Stormarns größtes Klassenzimmer liegt in Grabau

Schon 40.000 Kinder haben in den vergangenen fünf Jahren im Naturerlebnis Grabau den Wald erkundet und gelernt, wie wichtig die Umwelt ist und wie man sie schützen kann.

Grabau. Wer dem Naturerlebnis Grabau zum Geburtstag gratulieren will, könnte viel erzählen darüber, wie Erwachsene einen Ort zum Lernen erfunden haben, wie neidisch andere Kreise auf den Ort sind und wie pädagogisch sinnvoll er ist. Schöner aber wäre, einfach spielen zu gehen und den Rest nebenbei zu erfahren. Denn darum geht es: Kinder aus Stormarn können spielerisch den Wald erkunden und gleichzeitig lernen , wie wichtig die Natur ist. Das Blöde: Das Naturerlebnis ist wirklich nur für Schulklassen und Kindergartengruppen, nicht für Erwachsene.

Peter Levsen Johannsen von der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein formuliert es anders: „Das ist das Geniale an dem Konzept. Bei jungen Leuten kann man noch aufklären und motivieren.“ Sie könnten das Gelernte an Eltern und Großeltern weitertragen. „Mini-Multiplikatoren“, sagt Johannsen. Die Landwirtschaftskammer hat das pädagogische Konzept umgesetzt, das im April 2008 als „Überlegungen zu einem Waldlehrpfad“ begann, so steht es in der Präsentation, die ein Jahr später im Kreistagssitzungssaal in Bad Oldesloe gehalten wurde, um das Projekt vorzustellen. Betreiber sind die Sparkassen-Stiftung Stormarn und die Sparkassen-Kulturstiftung. Sie haben drei Millionen Euro investiert, die jährlichen Kosten betragen 300.000 Euro. Ziel ist es, allen Kindern in Kindergärten und Grundschulen in Stormarn mindestens einen waldpädagogischen Tag pro Jahr kostenfrei zu ermöglichen. Insgesamt waren in den fünf Jahren 40.000 Kinder in Grabau.

Was sie hier erleben? Den Wald. Nur besser. Zum Beispiel mit geschlossenen Augen, dann riecht und hört man mehr. Also, wie riecht der Wald? Nach Erde? Und wenn man ein paar Schritte weiter geht, wie klingt es da? Nach Hinfallen? Eben nicht. Denn in Grabau können die Kinder mit geschlossenen Augen an einem gespannten Seil entlang zwischen den Bäumen umher gehen. Und sich dabei darauf konzentrieren, ob Vögel singen oder wie die Blätter rascheln. Im Niedrigseilgarten nebenan können die Kinder sich ebenfalls an einem Seil festhalten, mit offenen Augen allerdings, balancieren und ausprobieren, wie lange sie die Riesenwippe im Gleichgewicht halten können. Und auf dem Barfußpfad können sie ausprobieren, wie sich der Boden ohne Schuhe anfühlt. Kitzelt Gras auch, wenn es nass ist? Pieksen Kieselsteine? Auf „erwachsen“ heißt das dann, es werden „die Sinneswahrnehmung und die Motorik geschult“.

Jörg Schumacher sagt solche erwachsenen Sätze. Er sagt aber auch: „Man müsste der Regierung sagen: Baut nicht so viele feste Gebäude, Kinder lieben es, draußen zu sein.“ Schumacher war einer der Menschen, die die Präsentation über das Projekt im Kreistagssitzungssaal vorgestellt haben. Er begleitet das Naturerlebnis schon lange. Als auf dem Grundstück im Grabauer Forst die ersten Stationen gebaut wurden, schlief er dort im Wohnwagen, weil es so viel zu tun gab. Daran erinnert sich Martin Lüdiger von der Sparkasse Holstein. Und dann wird Jörg Schumacher, der Geschäftsführer der Stiftungen, verlegen und guckt auf den Boden. Denn Martin Lüdiger sagt noch, dass das alles hier ohne Schumacher nicht möglich gewesen wäre. „Man sollte für seinen Verdienst eine Straße nach ihm benennen, aber Schumacher heißen so viele. Jörgistraße vielleicht?“ Nein, das wäre ja noch schlimmer, sagt Jörgi. Derzeit sind die Straßen im Naturerlebnis eher Wege und sie sind nach Tieren benannt: Fledermausweg, Hirschweg, Wildschweinweg, Karpfenweg.

Nun lebt der Karpfen klassischerweise nicht im Wald, aber beim Naturerlebnis gibt es auch einen See, den Hohendammer Mühlenteich. „Ein Konglomerat von Natur“, sagt Peter Levsen Johannsen. Das Wort Konglomerat werden die Kinder hier nicht lernen. Dafür aber vielleicht mehr über den Teich. Ob sie den Kreislauf des Wassers erforschen und Wassertiere keschern, hängt davon ab, welche Tour ihre Lehrer für sie ausgesucht haben. Vier Waldpädagogen bieten zehn verschiedene an. Neben der allgemeinen Führung kann es um Zugvögel gehen, um den Herbst, um den Wald bei Nacht oder um Waldgeister. „Die Kinder merken, ob sie es mit jemandem zu tun haben, der mit Spaß bei der Sache ist“, sagt Jörg Schumacher. So wie der Förster Florian Szczodrowski, der von Kindern nach der Tour häufig gefragt wird, ob er denn nicht als Papa zu haben sei oder zum Heiraten.

Ob Jan Dohndorf sich zum Heiraten oder als Papa eignet, muss sich noch zeigen. Er ist ab Oktober der neue pädagogische Leiter in Grabau, zuvor hat er in der Seehundstation Friedrichskoog gearbeitet. Auch wenn er die Seehunde vielleicht vermissen wird – denn in Grabau wird es ziemlich sicher niemals einen Seehundweg geben – hat Dohndorf Glück: Er ist schon alt (im Vergleich) und darf trotzdem im Naturerlebnis spielen, jeden Tag, wenn er mag.