Stormarn

Stormarns schnellste Adlige

In Hoisdorf gibt es die einzige Windhund-Rennbahn in Schleswig-Holstein. Pfingsten ist dort ein großes Turnier

Mittendrin im Kreis Stormarn gibt es einen Club, der ganz und gar einzigartig ist in Schleswig-Holstein. Seine Mitglieder frönen einem Sport, den man mit Fug und Recht als exklusiv bezeichnen darf: Um Windhundrennen geht es, und dabei nicht um Geld, sondern um die Ehre und den Spaß. Letzteren sollen besonders die Sportler selbst haben, die klangvolle Namen wie „Ular von Iransamin“ tragen und ganz wild auf die Jagd nach dem Hasen sind, der gar keiner ist. Wir sind zu Gast im Hoisdorfer Windhundrennclub (HWRC), einem der ältesten Vereine dieser Art in Deutschland, wie seine Mitglieder versichern. Und an diesem Tag ist Training.

In einem kleinen, leicht erhöht liegenden Holzhäuschen treffen wir Winfried Motzkus, seines Zeichens „technischer Leiter“ in dem Club. Er steht hinter einer Glasscheibe, unter ihm erstreckt sich ein weites, grünes Gelände, auf dem die Rennbahn liegt. „Hier laufen die Hunde 350 oder 480 Meter. Und in der Mitte machen wir das Coursing“, sagt Motzkus. „Coursing“, das ist die zweite Disziplin im Windhund-Sport, in der mittels einer Apparatur aus Rollen, einem Seil und einem Lockmittel eine Jagd simuliert wird. Doch heute geht es nur ums Rennen – schließlich steht der „Große Preis von Schleswig-Holstein“ bevor, der HWRC ist Ausrichter. „Carlin, Pepina und Candara bitte an den Start“, sagt Winfried Motzkus in ein Mikrofon, seine Stimme tönt aus einem etwas knarzigen Lautsprecher über das Gelände. Die Besitzer tragen ihre Lieblinge zur Startbox.

Candara heißt mit vollem Namen „Candara Iranpars“, auf ihren Lauf warten auch Hunde wie „Djamila Labibah Sabiih al Sarah“ oder auch „Giovanni Ta’ Skonju“. Doch jetzt, am Start, fasst man sich kurz – auch bei den Namen. Die Box am anderen Ende der Bahn öffnet sich auf ein Signal. Drei jener Lebewesen, die zu den schnellsten Landtieren der Erde gehören, preschen heraus und jagen mit bis zu 60 Kilometern pro Stunde über die Bahn.

Dass sie das tun, ist jenem Vereinsmitglied zu verdanken, das an diesem Tag den „Hasenzieher“ macht. Er steuert mit einer Fernbedienung den „Hasen“, der nichts anderes ist als eine umgebaute Kettensäge. Sie fährt auf einer Metallschiene im Inneren der Rennbahn entlang, ähnlich wie ein Spielzeugauto auf einer Carrerabahn. Am „Hasen“ befestigt ist ein Bambusstab, an dem wiederum ein Seil mit dem Lockmittel hängt – es handelt sich um ein Stück Schaffell, an dem noch ein Stück Absperrband hängt.

„Windhunde, das sind Hetzhunde. Und diesen Trieb müssen sie ausleben“, sagt Winfried Motzkus, der durch seine getönte Brille konzentriert das Geschehen beobachtet. Diese einfache Tatsache ist für ihn auch der Grund, im Verein zu sein. „Die Tiere brauchen einfach Bewegung. Viele Leute kaufen sich einen Hund und haben keine Vorstellung davon, was sie da eigentlich am anderen Ende der Leine haben.“

Winfried Motzkus allerdings schon. Er ist ein Freund der Windhunde, seitdem er bei einem Fest in Hamburg-Bergedorf sah, wie die Tiere einem Fahrrad hinterherjagten. Im Jahr 1957 war das, viele Jahre gingen seitdem ins Land, und Motzkus, der immer noch in Bergedorf lebt, besaß Hunde, die Namen wie „Aglaia von Kabul“ trugen und „Mary vom Fellerschloss“. Die dann auch Preise gewannen, in Nürnberg und Italien. Heute ist Motzkus 74, und noch immer fährt er zu den Wettkämpfen im Ausland. Zwei seiner Hündinnen, Ukar und Ular von Iransamin, hat er für die diesjährige Europäische Meisterschaft im italienischen Lavarone angemeldet.

Karlin läuft jetzt durchs Ziel, zum Stoppen der Zeit drückt Winfried Motzkus auf etwas, das wie ein altertümliches Morsegerät aussieht. „Karlin lief 37,33, Pepina 39,80“, wird er gleich durch den knarzenden Lautsprecher sagen. Candaras Zeit wird nicht angesagt – sie mochte einfach nicht laufen.

Am anderen Ende der Bahn herrscht derweil Hochbetrieb. Ilka und Niels Rhode sind dabei, den Eifer ihrer beiden Schützlinge zu dämpfen, die am Geländer hochspringen. Ilka und Niels Rhode, das ist ein Ehepaar aus Neustadt in Holstein, und ihre Schützlinge hören auf die Namen Djamila und Lola, genau genommen: „Djamila Labibah Sabiih al Sarah“ und „Chaima Sabiih al Sarah“. Beides sind Hündinnen der Saluki-Rasse. Auf die Frage, warum sie mehrmals im Monat eineinhalb Stunden nach Hoisdorf fahren, sagt Ilka Rhode: „Wir hatten zuerst diese Hunde. Und dann haben wir festgestellt, dass die ein spezielles Hobby haben. Und das sollte man ihnen gönnen!“

Ähnlich sieht es Eugen Kumelis. Der 62-Jährige aus Rümpel steht am Rande der Bahn und das, was er im Arm hält, ist gar kein Windhund. Sondern ein „Shiba-Inu“, wie er erklärt, ein Hund, der ein wenig wie die kleine Version eines Huskies aussieht. Schnell ist er allerdings: „Ono läuft einfach gern. Und ich kann da nicht hinterher. Zu Fuß nicht, und mit dem Fahrrad auch nicht“, sagt Eugen Kumelis. Deshalb trainiert auch sein Hund in Hoisdorf.

Eine halbe Stunde später ist Trainingspause. Das Grüppchen sitzt in dem kleinen Vereinsheim, das ein wenig an eine Gartenlaube erinnert. Während Winfried Motzkus draußen den „Hasen“ ölt, besprechen die Vereinsmitglieder schon die Details des Pfingstwochenendes. Der Grill wird dann angefacht, Mett- und Käsebrötchen werden im Vereinsheim erhältlich sein sowie Sekt in Piccolo-Fläschchen – zum Begießen eines Sieges etwa.

Dass Siege in Hoisdorf aber nicht im Vordergrund stehen, betont die Vereinsvorsitzende Kerstin Kalbe: „Bei uns geht es um Geselligkeit. Wir definieren uns nicht über die Leistung der Tiere.“ Wetten, wie in England üblich, sind erst recht verpönt – und auch in Deutschland verboten.

Am Sonnabend, 7. Juni, beginnt auf dem Gelände des HWRC (Fuhrwegen 9) um 10 Uhr eine große Zuchtschau mit Tieren unterschiedlicher Rassen. Am Sonntag, 8. Juni, laufen die Windhunde dann ab 10 Uhr um den „Großen Preis von Schleswig-Holstein“. Der Eintritt zu beiden Veranstaltungen ist frei, Gäste sind willkommen.