Stormarn
Ahrensburg

Wie Patienten Ärzte bewerten

Laut Vergleichsportal empfehlen 85 Prozent ihren Mediziner weiter. Die sehen die Umfragen trotzdem kritisch

Ahrensburg . In Schleswig-Holstein sind 85 Prozent der Patienten mit ihrem Haus- oder Facharzt so zufrieden, dass sie ihn weiterempfehlen würden. Das hat eine Auswertung von etwa 9700 Patientenbewertungen im Arztvergleichsportal Weiße Liste ergeben.

Für die Ärzte ist das ein durchaus positives Ergebnis. Trotzdem: Ein Mensch ist keine Waschmaschine. Wie das zusammenhängt, erklärt Wolfram Scharenberg von der Ärztekammer Schleswig-Holstein: „Wenn ich einen Handwerker anrufe, dann kann ich hinterher sagen: Er hat die richtige Schraube gedreht, die Waschmaschine funktioniert wieder. Eine ärztliche Behandlung zu bewerten ist schwieriger.“

Deshalb sieht er Bewertungsportale für Ärzte auch eher skeptisch. „Alles, was Patienten Orientierung bieten kann, ist erst mal gut. Ich würde aber eher den Hausarzt meines Vertrauens fragen, wenn ich einen bestimmten Facharzt brauche. Es gibt sehr viele Portale, gerade bei persönlichen Berichten muss man überlegen, wie glaubwürdig die sind. Bei den Bewertungsportalen gilt es, die Spreu vom Weizen zu trennen.“

In Stormarner Städten gibt es vielerorts nur sehr wenig Einträge

Weizen will in diesem Fall ebenjene Weiße Liste sein, ein Bewertungsportal, das laut Eigenaussage „eine qualitativ hochwertige, methodisch fundierte und vor Manipulationen geschützte Arztsuche im Internet“ ist. Versicherte der AOK, Barmer und Techniker Krankenkasse können anhand eines Fragebogens Ärzte und Krankenhäuser bewerten, die Methode ist unterschiedlich: Nach Krankenhausaufenthalten bekommen die Patienten automatisch einen Fragebogen zugeschickt, den sie ausgefüllt zurücksenden können. Wer einen Arzt bewerten will, muss sich eigenständig im Internet registrieren und kann dann den Fragebogen ausfüllen. Vier Kriterien gibt es: Praxis und Personal, Arztkommunikation, Behandlung und Gesamteindruck. Jeder Punkt hat diverse Unterpunkte, etwa ob der Arzt sich genug Zeit nimmt, ob er auf Ängste eingeht und ob er ein freundliches Auftreten hat. Der Unterschied zu anderen Portalen: Es kann kein Freitext geschrieben werden, anonym bewerten geht, anonym beleidigen geht nicht.

Wo anonym kommentiert werden darf, ist der Ton oft nicht sehr nett

Der Vorsitzende der Kreisstelle Stormarn der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein, Dr. Hans Irmer, ist trotzdem skeptisch. „Ich bin im Laufe der Jahre sogar noch skeptischer geworden, was Bewertungsportale angeht. Das System klingt zwar intelligenter als das der anderen Portale. Aber wenn man erst einen Fragebogen ausfüllen muss – das macht doch kaum jemand“, sagt er.

In der Tat, bislang befindet sich die Seite im Aufbau, seit Mitte 2011 können Patienten bewerten. In Schleswig-Holstein wurden bis jetzt 67 Prozent der Haus- und Fachärzte bewertet. Kreisdaten werden nicht erhoben. Aber insgesamt gab es in Schleswig-Holstein 9700 Bewertungen von Patienten, bundesweit wurden 285.000 Bewertungen abgegeben. Erst wenn für einen Arzt fünf Bewertungen vorhanden sind, wird der Durchschnittswert angegeben.

Wer in Stormarn einen Arzt mit Bewertung sucht, kann enttäuscht werden – noch, denn je mehr Leute bewerten, desto mehr Bewertungen werden angezeigt. Im Raum Ahrensburg haben bisher nur fünf der 38 in der Kategorie „alle Hausärzte“ aufgelisteten Ärzte die erforderliche Anzahl Bewertungen bekommen. Für Bad Oldesloe werden 29 Ärzte aufgelistet, bei sechs von ihnen werden Bewertungen angezeigt. Und bei 33 Ärzten im Bereich Reinbek haben nur vier ausreichend Bewertungen bekommen.

Aufschlussreicher ist es da noch, die Bewertungen auf anderen Portalen zu lesen. Der Arzt sei sehr gut, aber „die Arzthelferinnen gehen gar nicht“, steht dort über einen Ahrensburger Arzt, und an anderer Stelle steht über denselben Arzt, er sei sehr gut, aber „eigentlich darf ich das gar nicht schreiben – so kommen dann noch mehr Patienten. Und die Wartezeiten verlängern sich weiter.“ Wer sich durchklickt, findet viele positive Bewertungen, aber auch negative. „Wer sich wohl fühlt, schreibt das nicht. Und wer etwas loswerden will, macht sich nicht erst die Mühe, einen Fragebogen runterzuladen, sondern er stellt das direkt ins Internet“, sagt der Ahrensburger Arzt Hans Irmer. „Der Ton ist oft völlig daneben, das ist dann eher ein Pranger und kein Vergleichsportal“, sagt er.

Das betreffe aber nicht nur Ärzte, sondern auch Handwerker. Er habe gerade umgebaut und sei auf der Suche nach Firmen gewesen. Was teilweise veröffentlicht werde, sei erschreckend. „Und man kann sich kaum wehren“, sagt er. Obwohl: „Einer meiner Kollegen wurde auf eine sehr schlechte Bewertung angesprochen, er konnte sich denken, von welchem Patienten diese kam und hat ihn drauf angesprochen. Da sagte der: Das geht dich gar nichts an, du Kurpfuscher“. So ein Ton sei nicht nötig, weder online noch offline.