Stormarn
Bad Oldesloe

Wie ein rasender Reporter Stormarn sah

Der Oldesloer Journalist Raimund Marfels hat dem Kreisarchiv rund 48.000 Aufnahmen vermacht. Jetzt sind sie alle beschriftet und digitalisiert

Bad Oldesloe. Er konnte es einfach nicht lassen. Raimund Marfels fotografierte, fotografierte, fotografierte. Selbst als er schon schwer krank war und nicht mehr bei den Lübecker Nachrichten arbeitete, war der Oldesloer als rasender Reporter in Stormarn im Einsatz. Das Ergebnis seiner Leidenschaft: ein historischer Schatz. „Es sind so schöne Bilder und obendrein von einer unglaublichen Qualität“, sagt Barbara Günther. Sie muss es wissen. Zweieinhalb Jahre hat sie mit Karin Gröwer den riesigen Nachlass gesichtet und die Aufnahmen in mühevoller Kleinarbeit beschriftet. Jetzt ist es vollbracht.

Rund 48.000 Fotos aus vier Jahrzehnten sind jetzt digitalisiert und dokumentieren für jedermann im Internet zugänglich den Kreis Stormarn im Wandel. Ob Bürgermeisterwahlen oder Schützenfeste, ob der Besuch von Lilo Pulver und Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg – Marfels war dabei. Und er hat gesehen, wie Wiesen zu Steinwüsten wurden und historische Häuser Betonblöcken wichen.

„Am Beispiel von Ahrensburg lässt sich das besonders gut verfolgen“, sagt Karin Gröwer. „Ende der 60er-Jahre fing es an. Das alte Ensemble an der Großen Straße verschwand Stück für Stück. Dann die Umgestaltung des Rathausplatzes und der Bau des Bahn-Tunnels.“ Die gleiche Entwicklung in Reinbek. „Das einzig Lebende in dieser Szene ist das Kind dort“, sagt Stefan Watzlawzik, Leiter des Kreisarchivs Stormarn, und zeigt auf eine Aufnahme aus den Sechzigern. Zu sehen: die kantige Nathan-Söderblom-Kirche, ein zugepflasterter Platz und ein geometrischer Brunnen aus Beton. Watzlawzik: „Das fand man damals modern.“ Auch Glinde machte eine rasante Entwicklung durch. „Es wurde alles platt gemacht, sag Barbara Günther. „Die Ortsmitte auf dem Reißbrett entworfen, auf der früheren Schweinewiese des Guts.“

Marfels hat alles fotografiert – und überall. Die meisten Aufnahmen stammen aus Bad Oldesloe. 13.000 Negative waren in Ordnern und Kartons abgelegt. Auf Platz zwei folgt Ahrensburg mit rund 4000 Bildern, dann Reinfeld (3000), Bargteheide (2500) und Großhansdorf und Trittau (1000). Das macht noch keine 48.000 aus. Ein Zeichen dafür, dass sich der Oldesloer im entlegensten Winkel herumtrieb. Aber wo war die Wiese? Wann wurde gebaut? Das war nicht immer zu erkennen.

Wie Detektive machten sich Karin Gröwer und Barbara Günther auf die Suche. Manchmal half ein Kleidungsstück als Anhaltspunkt. Günther: „An guten Tagen haben wir 110 Bilder geschafft, manchmal aber auch nur zehn.“ Wie viele Stunden sie ins Projekt gesteckt haben, weiß sie nicht. „Wir haben seit Mitte Juli 2011 jeden Tag gearbeitet, von 8.30 bis 18 Uhr“, sagt Karin Gröwer. „Ich dachte, das wird auf Dauer stinklangweilig. Aber es war spannend bis zum Schluss.“

Schicht im Schacht ist aber noch nicht. Die beiden gehen jetzt mit Vorträgen auf „Roadshow“, wie es Hans-Jochen Arndt sagt, stellvertretender Vorsitzender des Vorstands der Lübecker Jürgen-Wessel-Stiftung. Sie hat 275.000 Euro ins Projekt gesteckt. Arndt: „Die Zusammenarbeit war hervorragend. Ich bin froh, dass unser Geld nun so gut sichtbar angelegt ist.“ Der Archivleiter ist dankbar für die Förderung und hat gleich den nächsten Coup geplant: die Sichtung des Foto-Nachlasses des Zarpeners Bernd Nursey. 37.500Euro sind schon zugesagt. Arndt: „Und Nachschlag ist sicher drin.“