Ahrensburg

So viel Stormarn steckt im Kirchentag

Gläubige aus dem Kreis präsentieren Musical, Singen op Platt, Chorkonzerte, Bläsermusik, Vorträge und Diskussionen auch zu harten Themen

Ahrensburg. Auch in Zeiten von Mitgliederschwund, sinkenden Steuereinnahmen und der Entwidmung von Gotteshäusern: Kirche bewegt. Vielleicht gerade dann. Rund 300.000 Besucher werden vom 1. bis 5. Mai zum Evangelischen Kirchentag in Hamburg erwartet. Sie wollen in Gemeinschaft ihren Glauben bekennen, über Themen der Zeit sprechen und ein Fest feiern. Stormarn mischt kräftig mit - mit einem Musical, mit Singen op Platt, mit Vorträgen, Chorkonzerten, Bläsermusik und mit Diskussionen auch zu harten Themen. So wird Anselm Kohn von der Initiative "Missbrauch in Ahrensburg" an einem Podiumsgespräch im Abaton-Kino teilnehmen, bei dem sich auch Bischöfin Kirsten Fehrs den Fragen stellen will.

"Soviel Du brauchst" lautet die Losung des 34. Kirchentages, der für eine Art Ausnahmezustand sorgen wird. Wer noch mehr braucht als die unglaublichen 2000 Veranstaltungen in Hamburg, wird auch in Stormarn selbst fündig. Zahlreiche Veranstaltungen in der Region begleiten das Großereignis.

Manfred Barz aus Großhansdorf wird es nicht in Stormarn halten. Er muss los. Für den 72-Jährigen bedeutet der Kirchentag Großeinsatz. Mit Posaunenkoffer, Noten und dem Kirchentagsequipment wie Stadtplan und dem 630 Seiten dicken Programmheft ausgerüstet, wird er sich auf den Weg machen. Vier Eröffnungsgottesdienste sind für den 1. Mai, ab 17 Uhr geplant, alle Open Air: auf dem Rathausmarkt, auf dem Fischmarkt, auf der Reeperbahn und am Strandkai. "Bei dem sind wir dabei. Es ist der einzige mit Bläsermusik", sagt der Großhansdorfer. Wir - das sind die Mitglieder des Posaunenchors der Schmalenbecker Auferstehungskirche und ihr Leiter Martin Vetter. Zwölf Bläser sind es zurzeit. "Am Anfang war ich fast alleine", sagt Manfred Barz und schmunzelt. Das ist schon etwas her. Nächstes Jahr feiert der Großhansdorfer Posaunenchor 60. Geburtstag.

Das Jubiläum wird später vorbereitet. In den vergangenen Wochen war der Kirchentag das große Thema. Vom ersten bis zum letzten Tag gibt es was zu tun, bei sechs Auftritten. Wie kommen wir dahin? Wann sie die Proben? Denn einfach hinfahren und spielen geht nicht. Vier Proben waren allein für das Gastgeberkonzert der norddeutschen Posaunenchöre angesetzt.

"Es ist ganz toll, dass so viele Menschen aus der Region mitmachen. Denn auch sie sind Gastgeber", sagt die Pressereferentin des Kirchentages, Heike Rechkemmer. Durch die Teilnahme aus dem Umland könne sich die Nordkirche wirklich präsentieren und zeigen, was das Leben im Norden ausmache. Rechkemmer: "Und das große Engagement und Interesse zeigt natürlich auch, dass die Idee des Kirchentags zündet."

In der Kirchengemeinde Gethsemane in Reinbek hat dieser Funke bereits vor Jahrzehnten gezündet. 1981 - es war der zweite Kirchentag in Hamburg - war die Gemeinde zum ersten Mal beim Kirchentag aktiv, gemeinsam mit der Gemeinde in Glinde. 1995 beteiligte man sich wieder und nahm auch Gäste auf. "Das war ganz toll", erinnert sich Christoph Kulke, Gemeindebeauftrager für den Kirchentag. "Wir hatten damals Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet hier." Für diesen Kirchentag nimmt die Gemeinde 28 Gäste auf und bietet gleich an mehreren Abenden Veranstaltungen an, damit sich die Gläubigen aus der Fremde und die Reinbeker Gemeindeglieder näherkommen.

Näher kommt man sich auch beim Gastgeberkonzert "Blech, soviel du brauchst", am 2. Mai ab 16 Uhr in der Hamburger Hauptkirche St. Jacobi. 100 Bläser aus der Region machen mit. Auch die Großhansdorfer sind dabei. Aber es kommen mehr, viel mehr zum Kirchentag. Rund 1000 reisen aus dem Norden mit Posaunen, Hörnern und Trompeten an. "Aus ganz Deutschland sind es bestimmt so um 10.000", sagt Barz. "Die landen hier busweise" und spielen dann zusammen.

"Ich möchte den Ahrensburger Fall im Herzen der evangelischen Kirche und in den Herzen der Gläubigen, ihrer Leitungen und in der Gesellschaft platzieren", sagt Anselm Kohn von der Initiative "Missbrauch in Ahrensburg". Auch für dieses Thema bietet der Kirchentag Raum. Am 4. Mai leitet Kohn außerdem ab 13.30 Uhr einen Kirchentags-Workshop dazu. Wenn der Kirchentag begonnen hat, ist der größte Stress für Kreiskulturreferentin Tanja Lütje und Volontärin Anne Pfennig bereits vorbei. Die Kirchentagsausstellung im Marstall in Ahrensburg mit Bildern des amerikanischen Künstlers Clifford Holmead Phillips wird bereits in dieser Woche eröffnet.

Fachmännisch in Szene gesetzt sind die Werke bis Juni in Ahrensburg zu sehen. Es ist das zweite Mal, dass die Ausstellung zum Programm eines Kirchentags gehört. Beim vorangegangenen Kirchentag in Bremen war die Ausstellung, die unter anderem biblische Szenen und Kathedralen zeigt, gut angekommen. Diesen Erfolg erhoffen sich die Stormarner auch für Ahrensburg. Kunsthistorikerin Fridericke Conrad wird den Besuchern im Marstall für Fragen zur Verfügung stehen.

Für die Großhansdorfer Bläser geht es dagegen erst richtig los. Erst der Eröffnungsgottesdienst und dann gleich wenige Stunden später der nächste Einsatz, beim "Abendsegen mit Lichtermeer" - und Bläserklängen. Um 22 Uhr werden sich Menschen am Mittwochabend an der Binnenalster und am Grasbrookhafen versammeln. Schon vorher werden die Großhansdorfer eintreffen, um sich vorzubereiten und dann in das Lied "Der Mond ist aufgegangen" einstimmen. Es gibt vier Versionen und 24 Gruppen, die mitmachen. "Zeitgleich", sagt Barz und muss wieder schmunzeln. Er weiß noch nicht so genau, wie das gehen soll. "Das ist eine Herausforderung", sagt der Großhansdorfer. Gänsehaut wird es bei warmem Bläserklang, Lichterglanz und dem gemeinsamen Segen unter nächtlichem Himmel sicher auch geben.