Kommentar

Den Finger in die Wunde legen

Rund 3600 Schleswig-Holsteiner jährlich wenden sich an die Bürgerbeauftragte des Landes. Sie fühlen sich ungerecht behandelt von Behörden, Kranken- oder Rentenversicherung. Sei es nun, dass der Hartz-IV-Satz zu niedrig, der benötigte Rollstuhl nicht komfortabel genug oder der Rentenantrag abgelehnt ist - Birgit Wille und ihre Mitarbeiter können 88 Prozent der Menschen helfen. Das bedeutet im Umkehrschluss: 88 Prozent der an sie herangetragenen Fälle sind zumindest nicht vollkommen korrekt bearbeitet worden. Ist das nicht erschreckend?

Nein, ist es nicht. Wo Menschen arbeiten, kommt es nun mal auch zu Fehlern. Aber es ist gut, dass es eine Institution wie die der Bürgerbeauftragten gibt, die sich kümmert und den Betroffenen unbürokratisch hilft.

Erschreckend ist etwas anderes: dass Birgit Willes Team immer öfter nicht helfen kann. Wenn Ältere beklagen, dass ihre Rente nicht mehr zum Leben reicht, wenn Berufstätige befürchten, sich bald keine Wohnung mehr leisten zu können, dann ist guter Rat teuer. Dann gibt es keinen Mitarbeiter in irgendeiner Behörde, der einen Fehler gemacht hat und ihn nun einfach heilen könnte. Dann bahnt sich ein gesellschaftliches Problem an.

Birgit Wille ist nicht die einzige, die das erkennt. Lösen kann sie es nicht. Aber sie kann es immer wieder und wieder ansprechen, den Finger in die Wunde legen - und niemals lockerlassen. Das tut sie, und das wiederum ist gut so.