Stormarn
Reinbek

Auf der Suche nach der Heimat Stormarn

Bargteheiderin Lucia Schoop erhielt den ersten Stormarner Kulturpreis. Sie setzte sich mit der Flüchtlingsproblematik auseinander.

Reinbek. Der erste, mit 3000 Euro dotierte Stormarner Kulturpreis ist vergeben. Vor rund 100 Gästen überreichte Kreispräsidentin Christa Zeuke im Schloss Reinbek die Siegerurkunde an die Bargteheiderin Lucia Schoop. "Das ist heute eine Premiere", sagte Zeuke. "Sie sind die erste Person, die den Preis bekommt. Und dass Sie eine Frau sind, freut mich ganz besonders."

Lucia Schoop war die erste unter rund 30 Bewerbern geworden, die Arbeiten zum Thema "Heimat Stormarn" eingereicht hatten. Nun saß sie auch in der ersten Reihe und hörte der Kreispräsidentin und allen anderen Rednerinnen mit einem Strahlen zu. Dann ging sie selbst ans Pult, schwarze Jacke, weiße Bluse - fast wie beabsichtigt farblich passend zu ihren schwarz-weißen Holzschnitten. Und die hingen keineswegs nur an den Wänden. Vorne neben dem Rednerpult schien ein überdimensionales Krabbeltier zu kauern: in Holzschnitte verwandelte Landkarten von Flüchtlingsgebieten und neuen Heimatgefilden in Stormarn - gedruckt und gefaltet, zu einem in immer anderen Kombinationen aufklappbaren Kinderspiel mit dem beziehungseichen Titel "Himmel und Hölle".

Lucia Schoop ging an der Papierskulptur vorbei und wandte sich fast ein bisschen schüchtern ans Publikum. "Es ist eine Ehre für mich, dass sie alle gekommen sind", sagte sie, bedankte sich ausdrücklich bei Kreiskulturreferentin Friederike Daugelat, die den Preis ins Leben gerufen hatte, und äußerte einen Wunsch. "Es wäre schön", sagte die 62-Jährige, "wenn der Preis nun jedes Jahr vergeben würde." Ähnlich äußerte sich Hedda Bluschke, Vorsitzende des Kreis-Kulturausschusses und Jury-Mitglied. Auch Kreispräsidentin Zeuke ließ keinen Zweifel daran, dass es weitergehen sollte: "Ich habe die Hoffnung, dass der Kulturpreis zu einer festen Einrichtung wird. Hier gibt es so viel Potenzial."

Viele von denen, die sich diesmal beworben hatten, waren zur Siegerehrung nach Reinbek gekommen. Sie waren neugierig - und sehr angetan. So wie Karl-Heinz Föste aus Siek. "Ich bin ganz dicht an ihre Arbeiten herangegangen", sprach er Lucia Schoop an. "Das ist handwerklich ganz toll gemacht. Sie haben den Preis wirklich verdient." Die Gewinnerin war nun ihrerseits neugierig, wie der Sieker das Thema aufgefasst hatte. "Ich bin 2006 bei der Fußball-Weltmeisterschaft durch die fernseh-entseelte Landschaft geradelt", sagte Föste, "und habe mich gefragt: Was ist eigentlich Heimat für mich? Daraus ist dann eine Kurzgeschichte entstanden." Und was ist Heimat für ihn? "Die Landschaft, die Freunde. Und dort, wo meine Kinder groß geworden sind."

Ein anderer Wettbewerbsteilnehmer hatte einen in Bad Oldesloe spielenden, 400 Seiten starken Krimi geschrieben. Eine Teilnehmerin hatte ihre gesamte Hausfassade bemalt. Auch Musik und Bilder waren eingesandt worden. Bianca Hobusch aus Grönwohld beteiligte sich mit einer Videoarbeit und gehört mit ihrer Arbeit zu den drei Finalisten, die in Reinbek mit Blumen bedacht wurden. "Ich zeige Bilder vom Dorf, zum Beispiel Spielmannszüge", sagte sie. Aber ist das wirklich Sinnbild für Heimat? Hobusch: "Eben nicht. Meine Arbeit dreht sich um die Suche nach ihr. Je länger man darüber nachdenkt, um so mehr geraten die Gedanken ins Kreisen." So wie der Jägerhut, der sich zum Schluss auf der Leinwand samt Gamsbart dreht und dreht.

Die Oldesloer Lehrerin Michaela Wendland und der Oldesloer Computer-Fachmann Michael Jöhnk hatten sich ihre Heimat mit der Kamera angeschaut und einen Fotoband eingereicht - den Augenschein der Heimat-Wirklichkeit. Auch sie gehören zu den Finalisten, die in Reinbek für ihre Arbeiten geehrt wurden. Michaela Wendland: "Wir wollten Stormarn zeigen wie es ist, die schönen Seiten und die abgeschrappten Ecken." Unterschiedlicher hätten die eingereichten Arbeiten kaum sein können. "Die Jury hat sich sehr ernsthaft mit den Beiträgen auseinandergesetzt. Es gab viele Diskussionen", so Kreiskulturreferentin Daugelat: "Den Ausschlag für Lucia Schoop gab schließlich ihre künstlerische Qualität", sagte Jury-Mitglied Hartmut Jokisch. "Und ihre Vielseitigkeit", sagte Juryvorsitzende Katharina Perrey, Geschäftsführerin des Landeskulturverbandes. Denn auch der Heimatbegriff sei vielschichtig. Perrey: "Lucia Schoop hat mit der Flucht ein dunkleres Kapitel beleuchtet. Aber Heimat verbindet sich eben für viele auch mit Sehnsucht."

Die Laudatorin Claudia Schönfeld vom Museum Schwerin sagte es so: "Es sind Schatten der Vergangenheit, die unsere individuelle Existenz prägen und die von der Künstlerin eingefangen werden." Lucia Schoop thematisiere das spielerisch und zugleich auf beeindruckende Weise erschütternd. Sie selbst war beeindruckt von dem Trubel, der um sie gemacht wurde. "Ich freue mich sehr über den Preis. Aber ich stehe nicht gern im Mittelpunkt", sagte sie nach dem Festakt. In Kleve am Niederrhein geboren, 1974 nach Stormarn gekommen, nach der Wende in Greifswald studiert: Wo ist ihre Heimat? Schoop: "In Stormarn, aber es hat 20 Jahre gedauert." Und auch Greifswald sei Heimat geworden. "Durch die Mobilität haben wir heute viele Heimaten", bestätigte Jutta Kürtz, Präsidentin des Schleswig-Holsteinischen Heimatbundes. Ein Problem sei das nicht. Kürtz: "Heimat ist Identität. Ich bin ein gläubiger Mensch und trage sie in mir."