Modellversuch

Stormarn testet Straße mit Radfahrstreifen

Verkehrsforscher wollen den Platz für Autos reduzieren. Kreis Stormarn führt ab 2013 einen neuen Straßentyp mit Radfahrstreifen ein.

Bad Oldesloe. Stormarn bekommt drei Radfahr-Teststrecken - und ist damit Teilnehmer an einem bundesweiten Erprobungsvorhaben mit dem Namen "Schutzstreifen außerorts - Modellversuch zur Abmarkierung von Schutzstreifen außerorts und zur Untersuchung der Auswirkungen auf die Sicherheit und Attraktivität im Radverkehrsnetz". Hinter dem sperrigen Titel verbirgt sich ein neuer Typ Straße. Sie besteht aus zwei jeweils rund 1,50 Meter breiten markierten "Schutzstreifen" an den Rändern der Fahrbahn, die von den Radfahrern genutzt werden sollen, sowie einer rund drei Meter breiten Kernfahrbahn für die Autos. Drei Meter: Das ist zu schmal für zwei aneinander vorbeifahrende Pkw. Kommt ein Auto entgegen, müssen beide Fahrer auf die Schutzstreifen ausweichen - was nur geht, wenn dort kein Radfahrer unterwegs ist.

Vorrang fürs Rad also: das ist der Grundgedanke dieses Forschungsprojekts. Das Bundesverkehrsministerium hat es in Auftrag gegeben. Sechs Kreise und die Stadt Köln nehmen daran teil. 15 Teststrecken wird es bundesweit geben, drei liegen in Stormarn. Der Kreisverkehrsausschuss hat jetzt beschlossen, folgende Straßen zu melden: Die K 79 zwischen Barkhorst und Eichede, die K 97 zwischen Siek und Hoisdorf sowie die K 98 zwischen Oetjendorf und Lütjensee. Das längste Teilstück ist das zwischen Oetjendorf und Lütjensee (3,1 Kilometer), der am stärksten befahrene Abschnitt ist der zwischen Siek und Hoisdorf (3148 Autos pro Tag).

Die endgültige Straßenauswahl trifft eine Lenkungsgruppe, die im September in Berlin tagen wird. Es gilt aber als unwahrscheinlich, dass die Stormarner Strecken nicht ins Forschungsprogramm aufgenommen werden. Ende des Jahres dürften die Markierungen aufgebracht werden. Ab 2013 gilt dann die neue Regel: Autos fahren mittig auf der Straße, um links und rechts Platz für Radfahrer zu lassen.

Bislang ist dies in Deutschland nur auf innerstädtischen Straßen erlaubt, außerorts aber verboten. Seit 1997 sind nach einer Änderung der Straßenverkehrsordnung diese Markierungen möglich. Das Verbot für Straßen außerhalb der Städte war lediglich eine Vorsichtsmaßnahme: Es fehlten einfach die Erfahrungen in diesem Bereich. Dieses Defizit soll nun beseitigt werden. "Markierungslösungen sind da besonders interessant, wo bauliche Lösungen nicht zwingend notwendig sind oder baulich und umweltrechtlich nicht in Frage kommen oder unter dem Kostenaspekt kaum zu realisieren sind", heißt es in einem Bericht zu dem Forschungsvorhaben. Schutzstreifen könnten kein Ersatz für aus Gründen der Verkehrssicherheit erforderliche "echte" Radwege sein, heißt es weiter. Aber auch dort, wo solche Radwege nicht notwendig seien, gebe es "einen Bedarf zur Sicherung des Radverkehrs sowie zur Verdeutlichung der Radverkehrswegeführung".

Die Auswahl der Strecken war an einige Kriterien gebunden. Auf stärker frequentierten Straßen würden Schutzstreifen zu einem Verkehrshindernis werden, deshalb beschränkt man sich auf Straßen mit bis zu 4000 Autos pro Tag. Außerdem soll dort eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 70 Kilometer pro Stunde gelten. Die Kernfahrbahn soll mindestens 2,75 Meter breit sein.

Zu dem Forschungsvorhaben gehören natürlich auch Forscher, die vor Ort der Frage nachgehen, ob Auto- und Radfahrer mit dem neuen Straßentyp zurechtkommen. Wird die Regelung begriffen? Wird beim Überholen der seitliche Abstand eingehalten? Geplant sind unter anderem Geschwindigkeitsmessungen, eine Videobeobachtung der Strecken, Verfolgungsfahrten und Befragungen der Radler und Autofahrer.

Zwei Jahre lang, von Anfang 2013 bis Ende 2014, werden die Streifen in Stormarn getestet. Ob sie bleiben, hängt vom Erfolg ab. Die CDU ist da optimistisch. "Die Kreisbeteiligung an dem Projekt beträgt 21 000 Euro", sagt Heinz Graefe, der verkehrspolitische Sprecher der Kreistagsfraktion. "Das ist aus unserer Sicht eine zukunftsgerichtete Investition, um den Radverkehr in Freizeit und Beruf, um Radwandern, Fremdenverkehr und Tourismus weiter voranzubringen." Die SPD ist nicht ganz so optimistisch. Sigrid Kuhlwein, die Vorsitzende des Verkehrsausschusses, sagt: "Ich finde, dass ein echter Radweg einfach mehr Sicherheit bietet als ein Schutzstreifen."