Stormarn
Kommentar

Bürokratie, die Leben retten kann

Das Telefon klingelt, oder - noch schlimmer - es klingelt an der Tür. Mitarbeiter des Jugendamtes wollen wissen, weshalb die Tochter oder der Sohn noch nicht bei der Vorsorgeuntersuchung gewesen sind.

Das Jugendamt! Da gehen instinktiv alle Warnlampen an. Mütter und Väter, um nichts als das Wohl ihrer kleinen Lieblinge bemüht, fühlen sich schnell als Rabeneltern stigmatisiert, sehen sich zu Unrecht unter Generalverdacht.

Das ist nachvollziehbar, zumal die Fehlerquote bei der Erfassung der gesetzlich vorgeschriebenen Vorsorgeuntersuchungen durch das Jugendamt offenbar sehr hoch ist. Da gehen auf dem Postweg Einladungen oder Antwortkarten verloren, da antworten Eltern nicht fristgerecht, weil sie verreist sind. Da vergisst vielleicht auch einmal ein Arzt, seinen Stempel aufs Papier zu drücken. Und jedem dieser Fälle müssen die Mitarbeiter des Jugendamtes nachgehen. Welch ein bürokratischer Aufwand.

Wer sich darüber beschwert, verkennt jedoch: Es geht nicht allen Kindern gut. Jessica, 2005 in Hamburg zu Tode gehungert. Leonie-Stina, am zweiten Weihnachtstag 2000 in Glinde vom Vater so lange auf den Couchtisch gedroschen, bis ihr zweieinhalb Monate alter Körper zerschmettert war. Hätten sich die Jugendämter für sie interessiert, wären ihre Leben womöglich nicht so früh und so furchtbar zu Ende gewesen.

Doch woran sollen die Behörden erkennen, dass Handlungsbedarf bestehen könnte? Dass jemand sein Kind misshandelt, dass er mit der Erziehung überfordert ist? Das steht niemandem auf die Stirn geschrieben. Insofern sind "U"-Untersuchungen nicht nur sinnvoll. Sie sind unverzichtbar. Und das müsste auch jeder verstehen, bei dem das Jugendamt vielleicht einmal zu viel anklingelt.