Stormarn
Menschenrecht

Berater über die Zwangsheirat: Die Opfer leiden und haben Angst

Frauenrechtsorganisation und die Migrations- Sozialberatung helfen Ratsuchenden: Opfer müssen Hemmschwellen überwinden.

Reinbek, Bad Oldesloe. "Die Ehe darf nur bei freier und uneingeschränkter Willenseinigung der künftigen Ehegatten geschlossen werden." So steht es seit 1948 in Artikel 16 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen. Doch immer noch leben in Deutschland Menschen, die gegen ihren Willen verheiratet werden. Auch in Stormarn gibt es solche Fälle, wie Kirstin Schwarz-Klatt von der Migrationssozialberatung des Kirchenkreises Bad Segeberg in Bad Oldesloe bestätigt.

So wie der Fall der 16-jährigen Adika (Name geändert), deren Vater eine Reise in ihr Heimatland Ghana plante. Adika befürchtete, dort zwangsverheiratet zu werden. Deshalb suchte das Mädchen Hilfe in einer Beratungsstelle. "Ihr Vater schien als Alleinerziehender überfordert zu sein", sagt Schwarz-Klatt. Sie erklärt: "Die schnelle Verheiratung nutzen manche Eltern als Lösung, wenn sie meinen, ihre Töchter oder Söhne und deren Freiheitsdrang nicht mehr kontrollieren zu können." In der Beratungsstelle können sich Betroffene melden, die unter einer Zwangsehe leiden oder Angst haben, gegen ihren Willen verheiratet zu werden. Eine Frau und einen Mann hat Schwarz-Klatt bisher beraten. Zwangsheirat sei in Stormarn zwar ein Randgruppenthema. "Aber als eine Form sexueller und häuslicher Gewalt ist es in die Arbeit des kreisweiten Netzwerkes bei häuslicher Gewalt eingebunden." In Hamburg haben sich 2006 laut einer Befragung der Sozialbehörde 210 von Zwangsheirat bedrohte Menschen, 95 Prozent Frauen, an eine Beratungsstelle gewandt. 82 Prozent der Ratsuchenden waren Muslime, vor allem türkischer Herkunft. Gefolgt von Afghanen, Kurden und Menschen aus dem Nahen Osten und Afrika. 39 Prozent waren 18 bis 21 Jahre alt.

Auch wenn sich in Stormarn nur wenige Betroffene an die Beratungsstellen wendeten, würden auch hier junge Menschen zum Heiraten gezwungen. Davon ist Heidemarie Grobe von der Städtegruppe Hamburg der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes überzeugt. "Die Fälle tauchen nicht offiziell auf - das heißt aber nicht, dass es sie nicht gibt." Auch in Reinbek hat Heidemarie Grobe Frauen gesehen, bei denen sie vermutet, dass sie ihren Mann nicht freiwillig geheiratet haben. "Ich werde aufmerksam, wenn eine Frau keinen aufrechten Gang hat, den Blick gesenkt hält und immer zwei Meter hinter ihrem Mann geht." Die Reinbekerin macht auf das Thema aufmerksam, kann jedoch keine Beratung anbieten. "Wir vermitteln aber Kontakt zu Beratungsstellen", sagt sie.

Hat eine Frau den ersten Schritt gewagt, müsse in der Beratung Vertrauen aufgebaut werden, sagt Kirstin Schwarz-Klatt. "Denn in der Regel müssen Frauen, die sich außerhalb der Familie Hilfe holen, befürchten, ihre Familie und den Rückhalt durch ihre ethnische Community zu verlieren." Fehlendes Vertrauen in Ämter, mangelnde Deutschkenntnisse und finanzielle Abhängigkeit von der Familie seien weitere Gründe, warum sich nur wenige Frauen Unterstützung holten. Die Hemmschwelle sei hoch, hat auch Heidemarie Grobe beobachtet. "Nur sehr mutige Frauen trauen sich, darüber zu sprechen." Oft lebten die Frauen bei den Schwiegereltern. "Mit wem sollen sie dort über ihre Sorgen sprechen?" Öffneten sie sich doch anderen Menschen gegenüber, sei das entweder ein glücklicher Zufall, sagt sie. "Oder die Frauen sind bereits sehr schlimm misshandelt worden."

"Es scheint oft so, als ob wir hier in einer heilen Welt leben", sagt Heidemarie Grobe, die sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt. "Aber ich bin mir sicher, dass es auch in Reinbek Zwangsheiraten gibt." Bei der Suche nach den Gründen müsse man vor allem die Elternseite betrachten. "Manche Eltern wollen eine gefügige Frau oder eine Haushaltshilfe für ihren Sohn, andere wollen ihre Tochter verheiraten, bevor sie auf dumme Gedanken kommt." Wichtig sei allerdings, zwischen Zwangsheirat und arrangierter Ehe zu unterscheiden, betont Kirstin Schwarz-Klatt. Eine Zwangsverheiratung, die in Deutschland als schwere Form der Nötigung verboten sei, verletze die Menschenrechte. Bei einer arrangierten Hochzeit würden die Brautleute dagegen nicht unbedingt gegen ihren Willen verheiratet. "Eine arrangierte Ehe kann durchaus glücklich sein", sagt auch Heidemarie Grobe. "Eine Zwangsehe hat dagegen nie mit dem Glück der Kinder zu tun."

Adika wurde in der Beratungsstelle für die Reise nach Ghana vorbereitet. Sie bekam eine Kopie ihres Reisepasses, Geld und die Anschrift und Telefonnummer der deutschen Botschaft in Ghana. Außerdem initiierte die Beraterin ein gemeinsames Gespräch mit dem Vater. Der nahm das Angebot der Jugendhilfe an und beantragte Hilfen zur Erziehung. Adikas Mut hat sich gelohnt. Sie wird selbst entscheiden können, wen sie heiraten will.