Stade

Sinti fühlen sich an den Rand gedrängt

Die Sinti-Gruppe fordert die Sanierung ihrer Unterkünfte an der Altländer Straße und die Nutzung eines Kulturzentrums. Vorurteile sollen abgebaut werden.

Stade. Die Sinti im Altländer Viertel fordern eine Aufwertung ihres Quartiers. Sie wollen ein Bürgerforum, das ihre Interessen gegenüber der Hansestadt Stade vertreten kann. Denn es geht auch um eine Sanierung ihrer Unterkünfte in der Altländer Straße und auf dem Bullenhof, wo sie vor mehr als 40 Jahren von der Stadt untergebracht wurden. Überdies wünschen sie sich einen Kulturraum, "zur nachbarschaftlichen, kulturellen und schulischen Bildungsförderung". So steht es in einem Antrag, den die Sinti unter Federführung des 2. Vorsitzenden des Vereins für Sinti und Roma in Niedersachsen, Oswald Clemens, jetzt bei der Stadt Stade gestellt haben.

Es geht auch darum, Vorurteile abzubauen

In dem Antrag, der dem Abendsblatt vorliegt, heißt es weiter: "In einer Zeit, in der Krisen Vorurteile verfestigen und den Dialog verdrängen, wäre es daher sinnvoll, die Möglichkeiten der politischen Partizipation zur Förderung der nationalen Minderheiten zu fördern, um das Erreichen einer inklusiven, freien und harmonischen Gesellschaft zu ermöglichen." Die Stader Sinti fühlen sich ausgegrenzt und an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Jetzt wollen sie den ersten Schritt aus der Isolation heraus unternehmen und wenden sich an Stades Bürgermeisterin Silvia Nieber (SPD).

+++ "Ich bin stolz darauf, Sinti zu sein" +++

"Die Sinti in Stade wollen mit diesem Antrag eine Verbesserung ihrer Wohnsituation im Altländer Viertel erreichen, und es hat die Leute viel Mut gekostet, sich zu diesem Schritt aufzuraffen. Denn wie überall in Niedersachsen und Deutschland fühlen sie sich an die unterste Stelle dieser Gesellschaft gedrängt", sagt Oswald Clemens.

Seit die Sinti im Altländer Viertel leben, seien ihre Wohnunterkünfte nicht mehr saniert worden. Inzwischen, so heißt es in dem Antrag, sei die Bausubstanz derart marode, dass hier dringend Handlungsbedarf bestehe. Die Sinti fordern weiter Hilfe zur Selbsthilfe von der Stadt. Sie wollen an den Veränderungen ihres Viertels teilhaben. "Veränderungen sind nur im Dialog mit allen Bürgern eines Wohnumfeldes unter Berücksichtigung kultureller Unterschiede sinnvoll, um Vorurteile und Unkenntnis der unterschiedlichen Kulturen in Gesprächen abzubauen und gleichzeitig das Miteinander zu fördern", heißt es weiter in dem Antrag an die Hansestadt.

Clemens: "Wir haben eine andere Lebensweise, daran besteht kein Zweifel. Wir bekommen vielleicht öfter Besuch als unsere Nachbarn, dann wird es auch mal lauter. Aber gerade um Vorurteile gegenüber unserer Volksgruppe endlich abzubauen, ist es für unsere Leute im Altländer Viertel so wichtig, aus der Isolation in den Dialog mit der Stadt und mit den Nachbarn im Altländer Viertel zu treten."

Der große Familienverbund, in dem Sinti und Roma leben, so Clemens, bedeute für seine Volksgruppe Schutz und gegenseitige Hilfe, stärke aber auch die Würde des Einzelnen, der in diesem Verbund lebe. Diese Lebensform allerdings gebe der Umwelt Grund zu Vorurteilen. Die gelte es abzubauen, gerade in Brennpunkten wie dem Altländer Viertel. Oswald Clemens weiter: "Wir wollen unsere Nachbarn in diesen Prozess der Neugestaltung einbeziehen, um alte Vorurteile abzubauen. Es ist ein schwerer Weg, das ist uns sehr wohl klar. Aber wer nicht einmal den ersten Schritt tut, wird das Ziel nie erreichen."

Die Sinti im Altländer Viertel wollen durch bessere Nachbarschaft auch dazu beitragen, dass das Altländer Viertel insgesamt aufgewertet wird. In einem von allen genutzten Kulturzentrum beispielsweise könnten nicht nur Nachbarschaftsfeste gefeiert werden. Von hier aus könnten auch die Sinti des Altländer Viertels einen wichtigen Beitrag zur Stader Stadtkultur leisten. Die Kultur der Sinti und Roma sei, so heißt es in dem Antrag, seit 600 Jahren Bestandteil der deutschen Kultur.

Kinder finden beim Spielen immer wieder Drogenspritzen

"Es ist uns natürlich klar, dass eine Aufwertung der Wohnunterkünfte im Altländer Viertel nicht ohne Geld machbar ist. Uns ist auch klar, dass die Stadt Stade bei ihrer derzeitigen finanziellen Situation kein Geld in die Hand nehmen kann. Aber es gibt Förderprogramme, die genau solche Projekte unterstützen", sagt Oswald Clemens. So gebe es zum Beispiel ein EU-Förderprogramm, das die Wohnraumsanierung für nationale Minderheiten zum Ziel hätte, weiß Clemens.

Ein weiteres Problem der Sinti im Altländer Viertel sei laut Clemens die benachbarte Asylantenunterkunft. "Dort wo unsere Kinder spielen, finden sie alte Spritzen. Es wird mit Drogen gehandelt und der Müll fliegt teilweise aus den Fenstern", sagt Clemens, der sich seit vielen Jahren für die Belange und Interessen seiner Volksgruppe einsetzt. "Eine gesamte Aufwertung des Viertels", so Clemens, könne auch "für diese Menschen, die in dieses Land kamen, weil sie Hilfe brauchen, nützen".

Oswald Clemens hofft darauf, dass die Politik der Stadt Stade und Bürgermeisterin Silvia Nieber zu einem offenen Dialog mit den Sinti im Altländer Viertel bereit sind.