Stade/Buxtehude

Die Altländer fürchten die Gigaliner

Die Bürger kritisieren, dass die Straßen für Lang-Lkw viel zu eng sind. Die Gemeinden wurden an den Planungen nicht beteiligt.

Stade/Buxtehude. Für Lastwagen ist Mittelnkirchen schon heute ein Nadelöhr. Die Dorfstraße schlängelt sich dicht am Deich entlang durch den Ort, und wenn auch noch ein Auto vor dem Bäckerladen parkt, wird es richtig eng auf der viel befahrenen Straße. Manchmal, da kämen Kunden in seinen Laden und sagten "Mein Gott, was ist denn hier los", wenn sie kaum über die Straße gekommen sind, erzählt Heinrich Somfleth, der das Lebensmittelgeschäft mit angeschlossener Lottostelle an der Dorfstraße seit 1965 betreibt.

Im kommenden Jahr könnte sich die Situation in dem kleinen Örtchen noch einmal verschärfen. Die Dorfstraße gehört nämlich zu den Strecken im Landkreis Stade, die die Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr in Stade für die sogenannten Gigaliner, das sind bis zu 25,25 Meter lange Lkw, zumindest theoretisch freigegeben hat.

Wie das Abendblatt berichtete, hat die Stader Behörde mehrere Straßen im Landkreis auf ihre Gigaliner-Tauglichkeit geprüft und sie an das Bundesverkehrsministerium gemeldet. Unter diesen Straßen sind beispielsweise die Landesstraße 130 von der A-1-Abfahrt Sittensen über Sauensiek und Nottensdorf bis zur Bundesstraße 73 und eben die Landesstraße 140, die mitten durch die Zentren von Mittelnkirchen und Jork bis zur Kreisstraße 39 bei Königreich führt.

Das Bundesverkehrsministerium wolle frühestens Anfang Januar kommenden Jahres entscheiden, welche Strecken letztlich genehmigt werden, sagt eine Sprecherin auf Abendblatt-Nachfrage. Losgehen solle es im Frühjahr mit dem fünfjährigen Feldversuch, an dem neben Niedersachsen sechs andere Bundesländer teilnehmen werden. Ob tatsächlich alle von den Ländern gemeldeten Strecken genehmigt werden, könne sie nicht sagen, so die Sprecherin. Andererseits sei aber auch möglich, dass noch weitere Strecken als die bisher genannten dazukommen.

In den Orten, durch die die Gigaliner künftig fahren könnten, sorgt das ganze Vorgehen für Unmut. "Wir sind überhaupt nicht beteiligt worden", sagt Thomas Bültemeier, Fachbereichsleiter, Bauleitplanung und Landschaftspflege der Gemeinde Jork. Es möge sein, dass die Landesbehörde für Straßenbau die Strecken geprüft habe, erklärt er. Wenn aber der innere Kreisel in Jork schon jetzt gerade so von Lastwagen befahrbar sei, frage er sich ernsthaft, wie das mit den extra langen Lkw überhaupt gehen solle.

Ähnlich problematisch sieht das auch Rolf Riggers, Bauamtsleiter der Samtgemeinde Lühe. Das Alte Land sei ja, was die Baustrukturen anbelange, sowieso sehr beengt. Man müsste deshalb sehen, wie die Lang-Lkw durch die Ortschaften passen könnten.

In Mittelnkirchen muss man sich nur zehn Minuten auf den Lühedeich stellen, um zu erkennen, dass das so gut wie unmöglich ist. Zunächst quälen sich die Lkw um die Kurve, wenn sie von der Dollerner Straße auf die Dorfstraße abbiegen, und im Ort müssen die Fahrer dann mächtig aufpassen, dass sie bei der Enge der Straße weder am Deich entlangschrammen noch mit dem Gegenverkehr kollidieren.

"Ich finde das alles unglaublich", sagt Lebensmittelhändler Heinrich Somfleth. Er vermutet, dass man bei der Entscheidung, die Dorfstraße für Gigaliner freizugeben, wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund gestellt hat. Doch nicht nur die Situation auf der Straße bereitet ihm Kopfzerbrechen. Auch sein Haus werde aufgrund der Erschütterungen, die die schweren Fahrzeuge verursachen, sicher noch mehr Risse im Mauerwerk bekommen, so Somfleth.

Diese Sorge hat auch Gerd Rückner, der seit 20 Jahren schräg gegenüber von Heinrich Somfleths Geschäft auf dem Lühedeich wohnt und gerade seine Einkäufe aus dem Auto holt. "Der ganze Boden hier ist moorig", sagt er. Die Häuser wackelten schon jetzt, wenn Lkw vorbeifahren. Die Straßen seien viel zu eng, es sei kompletter Wahnsinn, dass jetzt auch noch Gigaliner darüber fahren sollten. Sein Nachbar Hinrich Stechmann fürchtet die riesigen Lkw ebenfalls. Er hat aus dem Abendblatt von den genehmigten Strecken erfahren und ist entsetzt. "Wenn die Lkw von Airbus von der Dollerner Straße kommen, müssen sie an der Kreuzung zur Dorfstraße immer warten, bis kein Gegenverkehr kommt, um abzubiegen." Sie nähmen dann die gesamte Straße in Anspruch. Wie das mit Gigalinern funktionieren solle, sei ihm ein Rätsel.