Arbeit nach dem Tidenkalender

Foto: Kerstin Lorenz

Elbfischer Lothar Buckow aus Jork geht an 320 Tagen auf Fang. Im Netz hat er Aale, Stint, Butt und Zander

Jork-Wisch. Morgendämmerung, Nebeldunst hängt über der Elbinsel Hanskalbsand, ein kleines Boot tuckert in den Yachthafen Neuenschleuse. Elbfischer Lothar Buckow, einer der letzten fünf seiner Zunft zwischen Hamburg und Cuxhaven, macht sein Beiboot neben schmucken Yachten und Seglern fest.

In der Nacht war er mit seinem Kutter "Elise" auf Stintfang. Gegen sieben Uhr fährt er wieder auf den Fluss, es ist Zeit, die Aalreusen zu leeren. Muse für eine Mütze voll Schlaf bleibt dem letzten Elbfischer im Alten Land jetzt nicht.

"Mein Leben richtet sich nach den Gezeiten, es gibt keine Regelmäßigkeiten bei dieser Arbeit", sagt Buckow, steigt in sein wasserdichtes Ölzeug, zieht die Wollmütze über die Ohren und bringt das 5,20 Meter lange und 1,80 Meter breite Beiboot mit dem 20-PS-Außenborder auf Fahrt.

Der Elbfischer zieht 400 Meter Reusennetze mit Aalen an Bord

Der leichte Kahn springt über das von einer leichten Brise gekräuselte Elbwasser, bis die ersten Reusenbojen auftauchen. Buckow stoppt, beugt sich über die flache Bordwand und beginnt ruhig und gleichmäßig die Reusen aus dem Wasser an Bord zu ziehen.

Jeder Handgriff ins elf Grad kalte Wasser sitzt und es lohnt sich diesmal: Zwischen Blättern und Wollhandkrabben zappeln etliche Aale in dem etwa 60 Meter langen Netzschlauch. Ein giftiger Kaulbarsch ist auch dabei. Er kommt zurück in den Fluss, wie alle kleinen Fische unter 150 Gramm.

Lothar Buckow wurde vor 53 Jahren im alten Unterfeuer Mielstack geboren. Sein Vater war dort Leuchtturmmeister, und als Lothar Buckow zehn Jahre alt war, durfte er das erste Mal mit zum Fischen auf die Elbe.

Buckow kennt jede Eigenart des Flusses, und doch gibt es keine zuverlässigen Fanggründe im Elbwasser. "Man fährt los, setzt die Reusen und weiß nie, wie der Fang ausfällt. Wo man vorige Woche erfolgreich war, kann heute alles ganz anders sein", sagt Buckow.

"Etwa 89 unterschiedliche Fischarten gibt es in der Elbe. Seit die Elbe wieder sauberer ist, haben sich die Fangerträge verbessert. Nur in heißen Sommern sind die Sauerstofflöcher ein Problem. Erwärmt sich das Wasser über 20 Grad Celsius, tritt dieses Phänomen durch extremen Algenwuchs auf, und die Fische sterben."

Buckow schaut zu einem Containerschiff, das heftige Wellen verursacht. "Elbvertiefung und Verbreiterung der Fahrrinne verringern unsere Fangplätze. Und wenn einige Frachter zu schnell sind, gerate ich in abenteuerliche Schwierigkeiten", sagt Buckow und dreht das schwer schaukelnde Boot geschickt aus dem Wellental. "Der Schwell zerreißt oft auch die Netze, was besonders ärgerlich ist."

Im Sommerhalbjahr landet Buckow überwiegend Aale, Zander, Hechte, Butt, verschiedene Forellenarten und hin und wieder Lachse an. Von Oktober an ist Hauptsaison für den Stint, einen kleinen lachsartigen Fisch, der sehr begehrt ist. Lothar Buckow legt die geleerte Reuse wieder aus und steuert die nächste an. "Sobald es kälter wird, sind die Aale weg, im Sommer fange ich die meisten", sagt er.

Die Nachfrage ist groß, ob als Suppen- oder Brataal oder geräuchert, die Leute kommen aus Hamburg, den Landkreisen Stade und Cuxhaven, weil es sich längst herumgesprochen hat, dass der Fisch vom Elbfischer gleich am Fangtag im Laden-Imbiss "Der Elbfischer" neben dem Leuchtturm in Wisch zu haben ist.

Zur Mittagszeit legt Lothar Buckow die Hamen am Fischkutter in die Strömung

An 320 Tagen im Jahr geht Buckow auf Fang. Nur bei Eisgang ist das Fischen nicht möglich, weil das Eis mit der Elbströmung die Netze zerreißen würde. "Es ist ein Knochenjob, bei jedem Wetter raus, aber man hat auch die Stille und die Nähe zur Natur. Nur bei Ostwind lohnt es sich nicht, da bleiben die Netze einfach leer", so der Fischer. Auch der Mond spiele eine wichtige Rolle. "Bei Vollmond und Neumond ist die Elbströmung bis zu 1,5 Seemeilen pro Stunde schneller."

Gegen Mittag hat Buckow rund 400 Meter Reusennetze geleert und bringt den Fisch gleich an Land. Dann geht es mit dem kleinen Boot zum Kutter, der zwischen der Elbinsel Hahnöfersand und Wedel ankert. Dort legt er die Hamen, das sind breite Netze an den sogenannten "Bäumen" des Kutters an Steuerbord und Backbord, in die Strömung des auflaufenden Wassers.