Die Unvermeidlichen

Wohin man in Buxtehude auch kommt, Hase und Igel sind bereits da. Die Märchenfiguren begleiten einen auf Schritt und Tritt, ob man will oder nicht

Buxtehude. Sie sind überall. Man trifft fortwährend auf sie, ob man will oder nicht. Hase und Igel gehören zum Leben in Buxtehude einfach dazu. Ihnen verdankt Buxtehude den Titel "Märchenstadt" und die Tatsache, dass der Ort eine wichtige Station auf der Deutschen Märchenstraße ist.

Aus diesem Grund ist es auch kein Wunder, dass Hase und Igel demnächst, nämlich am 26. September, leibhaftig zu sehen sind: Als Buxtehudes Märchenbotschafter ziehen sie am Nachmittag durch die Altstadt und führen die Parade des vierten Symbolfigurentreffens der Buxtehuder Märchengesellschaft an, gefolgt von den Bremer Stadtmusikanten, Frau Holle und anderen sagenumwobenen Figuren.

Das ist aber alles andere als eine Ausnahme. Auch sonst sind Hase und Igel omnipräsent in Buxtehude. Es gibt die Tiere aus Metall, aus Zink, aus Holz, als Teddys, auf Mützen, Handtüchern, Bechern, Weinflaschen, Restauranttüren und Straßenschildern. Entkommen unmöglich.

Das Rote Kreuz wirbt mit Hase und Igel für Elektroschock-Geräte

Die Einwohner nehmen es mit den Fabelfiguren mehr als ernst. Doch etlichen Buxtehudern reicht das nicht. Sie wünschen sich noch deutlichere Hinweise auf das Märchen "Der Wettlauf zwischen dem Igel und dem Hasen auf der kleinen Heide bei Buxtehude". Sie wollen ein größeres Symbol von Meister Lampe und seinem Widersacher. Etwas, das die Touristen aus aller Welt staunen und die Einwohner noch aufrechter gehen lässt.

In der Erzählung vom Wettlauf zwischen den beiden Tieren geht es darum, dass man selbst den schnellsten Widersacher besiegen kann, wenn man listiger ist als er. Der Listige ist der Igel, ein kleiner Mann. Der Hase, ein vornehmer Herr, ist der Schnellere und verhöhnt den Igel wegen seiner krummen Beine. Daraufhin fordert das Stacheltier den Hasen zu einem Wettrennen heraus. Der Wetteinsatz: eine Flasche Branntwein. Während des Rennens auf einem Acker läuft der Igel nur beim Start ein paar Schritte, hat aber am Ende der Ackerfurche seine ihm zum Verwechseln ähnlich sehende Frau platziert.

Sobald der Hase heranstürmt, erheben sich der Igel oder seine Frau und rufen ihm auf Plattdeutsch zu: "Ick bün al dor!" ("Ich bin schon da!"). Schließlich nimmt die Geschichte ein böses Ende. Beim 74. Wettlauf bricht der Hase erschöpft zusammen und stirbt.

Das Deutsche Rote Kreuz in Buxtehude weiß dieses Szenario für sich zu nutzen. Der Ortsverein wirbt auf seiner Webseite mit dem Tierduo für den Einsatz seiner Defibrillatoren im Kampf gegen das Herzversagen. Der Igel mimt den Retter und jagt dem Hasen Elektroschocks ins Herz.

Auf harmlosere Art und Weise, aber nicht weniger auffällig, zeigen sich die possierlichen Tierchen beim Einkaufsbummel durch Buxtehude. Da erklärt der Igel dem Hasen auf einem Verkehrsschild am St.-Petri-Platz, dass er sein Fahrrad doch bitteschön durch die Fußgängerzone zu schieben habe. Und Autofahrern, denen das Märchen kein Begriff ist, wird das stark verschmutzte Schild an der Bundesstraße 73 mit der Aufschrift "Wozu rasen?...Lern vom Hasen" zwischen Stader Straße und Moisburger Straße wahrscheinlich für immer ein Rätsel bleiben.

Hase und Igel regeln den Verkehr, retten Leben - und sind sogar essbar. Die Bäckerei Schmacke bietet Hase und Igel als Brot an, mit Möhrchen-Raspeln. Wettbewerber Dammann an der Langen Straße ist im Märchen-Marketing noch einen Schritt weitergegangen und hat seiner Backstube schlicht den Namen "Hase und Igel" gegeben.

Zuviel Märchenverliebtheit? Nervtötend? Nein, lieber einmal mehr als weniger Hase und Igel, finden die meisten Buxtehuder. "Andere Städte pflegen ihre Wahrzeichen doch ebenfalls", sagt die 72-jährige Rosemarie Hogrefe. Auch Bettina Führer, 18, und Lena Meyer, 19, die das Märchen schon seit ihrer Kindheit kennen, sind des Hasen und des Igels nicht überdrüssig geworden. "Wir finden es wirklich gut, wie das Märchen in der Stadt umgesetzt wurde", sagen die jungen Frauen.

Auch in der Buxtehuder Politik spielt das Märchen immer wieder eine große Rolle. Kaum ein Thema hat die politische Agenda in Buxtehude in den vergangenen Monaten so stark beherrscht wie die Frage, ob und wo der Has'-und-Igel-Brunnen wieder aufgebaut werden soll. Die Debatte um den neuen Standort drohte ein Bürgerbegehren nach sich zu ziehen.

Doch am Ende knickten die Parteien angesichts des Drucks aus der Bevölkerung ein und beschlossen: Der Has'-und-Igel-Brunnen wird wieder aufgestellt, und zwar am Geesttor mitsamt Wasserfontänen.

Bei soviel Fangehabe ist es kein Wunder, dass es Hase und Igel gleich zweimal in leibhafter Ausführung gibt, und zwar als Märchenbotschafter und als Stadtführer. Beim Buxtehuder Altstadt- und Weinfest wird zudem seit 26 Jahren immer wieder ein Ballett mit Hase und Igel aufgeführt.

Und der Wahnsinn geht noch weiter: Es gibt in der Stadt den Kulturverein "Kleinkunst-Igel" und den Tauchklub "Seeigel". Selbst im Logo der Buxtehuder SPD taucht der Igel auf. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, zum Beispiel mit der Jazz-Band "Hedgehog Stompers" oder dem Buxtehuder Rhetorik-Klub "Hedgehog Toastmasters". Hedgehog ist das englische Wort für Igel. Wem das noch nicht langohrig und stachelig genug ist, der kann sich sogar auf einen Has'-und-Igel-Pfad begeben, der von Süden Richtung Norden der Stadt verläuft. Er lässt sich leicht erkennen an den verzinkten Hase- und Igel-Skulpturen. Zwei von ihnen wurden vor wenigen Wochen gestohlen. Ob aus Hass oder aus Liebe zu den Tieren, ist nicht überliefert.

Hinweise, was es mit all den Hasen und Igeln auf sich hat, gibt es nicht.

Lediglich die Wahl der Standorte dieser Skulpturen scheint etwas willkürlich. "Abgesehen vom Wettloopsweg haben die Plätze nichts mit dem Märchen zu tun", räumt Antje Ghosh ein. Die Vorsitzende der Buxtehuder Märchengesellschaft hat den Pfad einst initiiert.

Einziges Problem bei der ganzen Angelegenheit: Buxtehude-Besucher, die das Märchen nicht kennen, wundern sich darüber, was es mit all den Hasen und Igeln in der Stadt auf sich hat, denn Aufklärung suchen sie vergebens. Hinweisschilder? Fehlanzeige. Aber auch in dieser Hinsicht bleibt sich Buxtehude treu. Eine perfekte Stadt gibt es schließlich nicht einmal im Märchen.