Haus verzweifelt gesucht

Sechsköpfige Familie braucht dringend eine neue Bleibe. Doch in Stade gibt es keine passenden Angebote zur Miete

Stade. Wie ein Damoklesschwert hängt die Räumungsklage über Familie Arendt. Ihr Mietshaus am Dubbenweg in Stade wurde zwangsversteigert, weil die Vermieterin offenbar in finanziellen Schwierigkeiten steckte. Jetzt soll die sechsköpfige Familie raus. Denn nachdem das 160 Quadratmeter große Haus mitsamt dem 1200 Quadratmeter großen Grundstück Ende September unter den Hammer ging, meldete die neue Eigentümerin Eigenbedarf an.

Seit einem halben Jahr sucht die Familie fieberhaft nach einer neuen Bleibe. Ohne Erfolg. Mit ihren vier Kindern im Alter von fünf bis 18 Jahren sind Stephan Arendt, 45, und seine Frau Martina, 46, keine sogenannte Standardfamilie. Der Mietmarkt für Großfamilien wie sie ist wie leergefegt. Gibt es in Stade Versäumnisse in der Städtebauentwicklung? Stadtbaurat Kersten Schröder-Doms bestreitet dies. Heute beschäftigt sich das Amtsgericht Stade mit der Räumungsklage.

Die Familie Arendt fühlt sich völlig überrollt von den Ereignissen. Als Stephan Arendt an einem Sonnabend im Juli den Rasen vor dem Haus mähte, kam ein Bekannter vorbei und berichtete ihm von der anstehenden Zwangsversteigerung des Mietshauses. Er hatte davon im Internet erfahren. Sofort wurde Martina Arendt aktiv. Sie hängte Suchanzeigen an schwarze Bretter in den Schulen und der Kita, die ihre Kinder besuchen. Auch im Pflege- und Betreuungshaus Johannisheim in Stade, wo Martina Arendt als Servicekraft in der Cafeteria arbeitet, hängt einer dieser Zettel. "Familie sucht ein Haus ab sofort zur Miete in Stade" steht darauf. Dazu hat die Mutter ein Haus, einen Baum und eine Schaukel gemalt. Ein Kind reißt seine Arme hoch und ruft "Hurra, ein Haus". Doch die Familie hat schon fast die Hoffnung aufgegeben, dass es einmal zu einem solchen Freudentaumel kommen wird.

Auf die Aushänge hat sich keiner gemeldet. Kanäle wie Freunde, Bekannte, Makler, Immobiliensuchmaschinen und Anzeigen erwiesen sich als ebenso erfolglos. "Das ist ganz schön deprimierend", sagt Martina Arendt.

Auch der Immobilienmakler Fabian Thiemann aus Stade konnte nichts für die Arendts tun. "Es wird kaum etwas gebaut. Und wenn, dann nur in kleinen Wohneinheiten und oft hochpreisig wie etwa in der kleinen Hafencity", sagt er. "Der Markt ist leergelutscht." Ähnliches weiß Immobilienmaklerin Giesela Beyermann aus Stade zu berichten, an die sich die Familie auch gewandt hat. "Es ist sehr schwierig zurzeit. Ich kann der Familie nichts anbieten."

Dabei ist Familie Arendt durchaus bereit, sich einzuschränken. "Wir wollen ja keine Villa haben. Wir hängen auch nicht an den sechs Zimmern, die wir jetzt haben. Uns würden auch vier reichen", sagt Martina Arendt. Doch auch die haben die Immobilienmakler derzeit nicht im Angebot.

Stadtbaurat Kersten Schröder-Doms glaubt, die Behörde habe ihre Pflicht getan und genügend Städtebauimpulse gesetzt. "Man kann nicht behaupten, dass es in Stade keine Bauplätze oder Wohnungen gibt", sagt Schröder-Doms. Er verweist unter anderem auf das Altländer-Viertel, das für viel Geld saniert wurde, sowie auf das neue Baugebiet in Riensförde, das demnächst auf den Markt kommen wird, und freie Baugrundstücke in der Ortschaft Hagen. "Alles andere muss über den Privatmarkt geregelt werden", sagt er.

So langsam läuft der Familie die Zeit davon. Vor allem die Kinder leiden unter der unsicheren Situation, sie haben Angst, bei einem Umzug die Schule wechseln zu müssen und ihre Freunde zu verlieren. "Es tut weh, die Kinder so traurig zu sehen", sagt der Vater.

Als die Familie vor fünf Jahren einzog, dachte sie noch, es wäre für immer. Stephan Arendt, der bei einem Bauunternehmen arbeitet, steckte damals viel Arbeit in die Gestaltung des Hauses und des Gartens. Im vergangenen Jahr hatten sie schon die nächste Renovierung geplant. Vor allem die Kinderzimmer sollten aufgehübscht werden. Die siebenjährige Tochter Sina sollte ein sonnengelbes Zimmer bekommen. Doch das Unterfangen haben die Eltern erst einmal zurückgestellt.

Für sie ist ohnehin klar: Sie wollen raus aus dem Haus. "Wir werden hier sonst richtig krank", sagt Stephan Arendt. Der Schimmel im Schlafzimmer und in den Kinderzimmern ist schon länger ein unerwünschter Mitbewohner. Das ist nicht alles. Mehr als 20 Posten umfasst eine Mängelliste, die ihr Anwalt Peter Riepshoff erstellt hat.

Deshalb hat die Familie noch vor der Zwangsversteigerung weniger Miete an die Voreigentümern gezahlt und sie zum Teil ganz zurückgehalten - als Druckmittel, damit die Mängel beseitigt werden. Bislang ist nichts geschehen.

Die ehemalige Vermieterin hat eine Zahlungsklage eingereicht, die demnächst auch vor Gericht behandelt wird. Die Frau will nicht mit Namen genannt werden und sich ebenso wenig näher zu dem Fall äußern, da es sich um ein schwebendes Verfahren handelt. Stephan und Martina Arendt hoffen, dass sich die Situation bald bessert, wenn sie eine neue Unterkunft gefunden haben. Martina Arendt sagt: "Es muss endlich wieder Ruhe einkehren."