Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

CDU will Stolpersteine verhindern

Fraktions-Chef Karsten Behr sagt, dem Künstler gehe es nur ums Geld. Stolperstein-Initiator kontert: "Das ist rechtsextremes Gedankengut."

Stade. Stolpersteine in Stade? "Nein Danke" sagen Stader Politiker. "Wir denken genügend an die Opfer des Nationalsozialismus", sagt Dieter-Theodor Bohlmann, CDU-Ratsherr. Die Stolpersteine aus Messing sind zehn mal zehn Zentimeter groß und werden in das Pflaster vor einem Haus eingelassen, in dem ein Opfer des Nationalsozialismus vor seiner Deportation oder Verhaftung zuletzt gewohnt hat.

Doch diese Form des Gedenken ist bei vielen Ratspolitikern nicht erwünscht.

"Wir erinnern vorbildlich an die NS-Zeit", so Bohlmann. Die Stehlen am Sande-Platz und an der St.-Wilhadi-Kirche sowie die Tafeln an der ehemaligen jüdischen Synagoge am Cosmae-Kirchhof und am Pastor-Behrens-Haus würden ausreichen. Im November vergangenen Jahres wurden zudem der jüdische Friedhof eingefriedet und Gedenkstellen aufgestellt. Stattdessen will der CDU-Politiker zukünftig lieber an andere Stader erinnern, die unter dem NS-Regime gelitten hätten: "Die ganz normalen Familien haben viel Leid erfahren. Daran muss auch erinnert werden."

Bohlmann steht nicht allein mit seiner Meinung. Schließlich beschlossen der Stader Ausschuss für Kultur und Tourismus sowie der Verwaltungsausschuss bereits im März 2004, keine Stolpersteine zuzulassen. Damals hat Peter Hess, der für die mit Messing überzogenen Steine in Hamburg verantwortlich ist, beantragt, diese auch in Stade zu verlegen. "Wir hatten sogar schon Patenschaften organisiert und die Namen von Opfern recherchiert", so Hess. Doch die Mehrheit aus CDU, FDP und Wählergemeinschaft (WG) im Stader Rat wollte nicht.

Und das soll auch so bleiben, obwohl die Stolperstein-Aktion immer dichter an den Landkreis Stade kommt. Vor drei Wochen wurde der erste Stolperstein in Neuenfelde (Altes Land) eingeweiht.

Er ist einer von knapp 20 000 Steinen in ganz Europa, die der Kölner Künstler Gunter Demnig entworfen hat und herstellt. "Ich sehe keine Veranlassung, die Beschlüsse zu ändern. Stade hat keinen Nachholbedarf", sagt Karsten Behr, CDU-Fraktionsvorsitzende und Sprecher der Gruppe aus CDU, WG und FDP im Stader Rat. Es bleibe bei der Ablehnung. Behr wirft Demnig Selbstvermarktung vor: "Der Künstler hat eine eigene, private Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zelebriert." Das wolle er nicht unterstützen: "Das ist eine kluge Geschäftsidee. Der Künstler vermarktet sich selbst." Dabei ginge es Demnig um den Verkauf der Steine.

Hess ist erschüttert über Behrs Haltung: "Das ist rechtsextremes Gedankengut. Solche Aussagen kenne ich sonst nur aus der rechtsextremen Ecke." Der CDU-Politiker habe den Sinn der Aktion nicht erkannt. Außerdem würde sich Demnig nicht bereichern: "Ich kenne Herrn Demnig persönlich. Der wohnt in einer Doppelgarage mit einem Hochbett in Köln." Ein Stolperstein kostet inklusive Verlegung 94 Euro, die Demnig in der Regel selbst übernehme. Daher würde der Kölner vielmehr aus Idealismus handeln.

Ingelore Heueck, WG-Fraktionsvorsitzende im Stader Rat, stimmte gegen die Stolpersteine, weil sie das historische Pflaster etwa mit Kopfsteinen in der Innenstadt nicht verändert wollte. "Außerdem müssen die öffentlichen Wege barrierefrei sein. Das war ein Problem", so Heueck. Allerdings steht der Name "Stolperstein" nicht für das direkte Stolpern, sondern sinnbildlich. Die Steine sind ebenerdig in das Pflaster eingelassen. Fußgänger sollen gedanklich über die Messingtafeln stolpern und an die NS-Opfer erinnert werden. Heueck ist inzwischen offen für eine neue Diskussion.

Die SPD würde das Thema ebenfalls gerne wieder aufnehmen. Im März 2004 sprachen sich die Sozialdemokraten für die Stolpersteine aus, unterlagen allerdings der CDU/FDP/WG-Mehrheit. "An unserer Meinung hat sich nichts geändert", sagt Klaus Quiatkowsky, SPD-Fraktionsvorsitzender im Rat.

Er könne die Argumente von damals nicht nachvollziehen, wonach genügend erinnert werde und die Aktion von außen an die Stadt herangetragen und nicht von den Stadern ausgegangen sei: "Es gibt immer wieder Projekte, die von außen kommen und in Stade umgesetzt werden."