Landtagswahl SH

Triell der Spitzenkandidaten: Daniel Günther greift an

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Ministerpräsident Daniel Günther (CDU, l.) beim Triell zur Landtagswahl in Schleswig-Holstein mit Thomas Losse-Müller (SPD).

Ministerpräsident Daniel Günther (CDU, l.) beim Triell zur Landtagswahl in Schleswig-Holstein mit Thomas Losse-Müller (SPD).

Foto: Axel Heimken / AFP

Experten hatten einen kämpferischen Losse-Müller erwartet. Stattdessen war es der Ministerpräsident, der sich nicht zurückhielt.

Kiel. Diese beiden Trielle gestern – sie waren ein Spiegelbild des gesamten Wahlkampfs: eher leise als laut, fair im Umgang, pointiert in der Sache. Aber so, dass Daniel Günther, Monika Heinold und Thomas Losse-Müller hinterher bei einer Tasse Kaffee oder einer kleinen Mahlzeit sich hätten in die Augen gucken und sagen können: war nett mit euch. Euch – schließlich duzt man sich.

Auf Einladung des „SHZ“ kam es gestern Morgen live im Netz zum Früh-Triell – und nur wenige Stunden später am Abend im NDR-Fernsehen gleich zum nächsten. Erst morgens hatte Günther Entwarnung für beide Veranstaltungen vor der Landtagswahl gegeben: Nach neun Tagen Corona-Isolation konnte er sich freitesten. „Habe mich selten so über ein negatives Ergebnis gefreut“, postete er auf Facebook. Vor der Tür des Kieler Landeshauses, aus dem der NDR live sendete, bereitete die Junge Union am Abend den Kandidaten einen lautstarken Empfang. „Hier. Regiert. Die CDU!“, tönte es. Die 50 jungen CDU-Anhänger in blauen Jacken mit dem Günther-Motto „KurSHalten“ waren klar in der Überzahl. Und so blieb der Juso-Chor mit der dahin geschmetterten „Internationale“ (unterstützt von Hannes Wader vom Band) stimmlich ein paar Dezibel darunter. Von den stillen grünen Unterstützern ganz zu schweigen ...

Landtagswahl: Günther lobt politische Geschlossenheit gegen Putin

„Der Norden hat die Wahl“, unter diesem Motto führten NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz und Landespolitik-Chefin Julia Stein durch die Themen des Abends. Die da waren: Putins Krieg in der Ukraine, Klimaschutz und Energiewende, die Attraktivität des Nahverkehrs, die dramatisch steigenden Preise, Wohnungsbau und Mietpreisbremse. Günther lobte die politische Geschlossenheit gegenüber Putin. Europa stehe zusammen, die Nato tue es auch. Das sei gut so. Losse-Müller forderte ein weiterhin besonnenes Handeln. „Wir wollen keine aktive Kriegspartei werden.“ Monika Heinold forderte Solidarität: „Unsere Bundespolitiker brauchen in dieser Phase Zuspruch.“

Wie viel Wohlstand man den Menschen zusichern könne, wollte Cichowicz von den Spitzenpolitikern wissen. „Es wird sich etwas verändern, wir müssen verzichten“, sagte Heinold. Für Günther ist es wichtig, zumindest langfristig den Wohlstand zu erhalten, und so lobte der CDU-Politiker das Entlastungspaket der Bundesregierung. Losse-Müller fordert, die Menschen im Land zu unterstützen. Dabei erinnerte er an seine Forderung nach einer Mietpreisbremse Während Losse-Müller Milliarden-investitionen in die Energiewende, den Wohnungsbau oder die Entlastung von Familien forderte, konterten Günther und Heinold: „Das Geld ist nicht da.“

Eine Klimaneutralität Schleswig-Holsteins bis zum Jahr 2045 nannte Günther ein „ehrgeiziges, aber auch realistisches Ziel“. Monika Heinold warf CDU und FDP „Zaudern und Zögerlichkeit“ vor und forderte Klimaneutralität deutlich schneller, bis 2035. Thomas Losse-Müller liegt in der Mitte: Die SPD will das Land bis 2040 klimaneutral umgestalten. Er forderte den Ausbau aller erneuerbaren Energien. „Wir müssen allen Menschen ermöglichen, klimaneutral zu leben“, sagte er und forderte eine landesweite Ladeinfrastruktur für E-Autos.

Er ist von der Arbeit der Koalition enttäuscht. „Jamaika hat vieles halb gemacht, aber nichts richtig“, sagte der SPD-Kandidat morgens. „Das Land kommt beim Klimaschutz nicht voran. CDU und FDP waren die Bremser in der Regierung“, nahm er seine Ex-Partei in Schutz: Losse-Müller war 2020 von den Grünen zur SPD gewechselt. Sein Credo: Um die Wirtschaft ökologisch umbauen zu können und Schleswig-Holstein früher klimaneutral zu machen, brauche es nicht nur die entsprechenden Maßnahmen im Umweltschutz. „Die fortschrittliche Agenda scheitert, wenn wir nicht auch die sozialen Probleme lösen“, sagte er.

Heinold fordert mehr Tempo bei der Energiewende

Auch Heinold hatte schon am Morgen mehr Anstrengungen für Klima und Umwelt gefordert. „Wir müssen schneller und besser werden“, sagte die Frau, die Günther als Ministerpräsidentin ablösen möchte, deren Partei aber in Umfragen um die 16 Prozent liegt. „Schleswig-Holstein ist schon jetzt das Energiewendeland Nummer eins, aber wir sind noch lange nicht fertig.“ Es brauche Grüne in der Landesregierung für noch mehr Dynamik bei der Energiewende. „KurSHalten reicht nicht“, griff Heinold das Wahlkampfmotto der CDU auf.

Experten hatten im Vorwege der Trielle einen kämpferischen Thomas Losse-Müller erwartet. Gerade für den SPD-Mann, dessen Partei seit Monaten in den Umfragen bei rund 20 Prozent Wählerstimmen verharrt, waren die Aufeinandertreffen gestern mit die letzten Chancen, noch einmal anzugreifen. Aber Losse-Müller setzte nicht auf Attacke – was seiner Art auch nicht wirklich entsprechen würde, sondern auf sachliche Auseinandersetzung.

Mehr als Losse-Müller war es der in den Umfragen enteilte Ministerpräsident (die CDU lag zuletzt bei 38 Prozent), der am Morgen angriff. „75 Prozent der SPD-Anhänger sind zufrieden mit der Politik der Jamaika-Koalition“, sagte Günther in Richtung des Herausforderers, um dann Bilanz zu ziehen: Schleswig-Holstein habe mehr Windkraftanlagen als jedes andere Bundesland genehmigt. Jamaika habe mit der Kita-Reform die Eltern um insgesamt eine Milliarde Euro entlastet und trotzdem die Qualität der Kinderbetreuung gesteigert, sagte Günther. „Dass dieser Koalition der Blick fürs Soziale fehle, ist ein halb intelligentes Argument“, griff Günther Losse-Müllers Kritik an.

„Ich will die Arbeit von Jamaika fortsetzen“, sagte Günther und ließ sich nicht auf eine Seite, also zu FDP oder den Grünen, ziehen, wenn es den dritten Partner nicht mehr bräuchte. „Ich möchte niemanden missen in der Regierung.“ Lange sah es so aus, als dürften die Grünen auch weiter mitmachen. Das hat sich geändert. Zuletzt deuteten Umfragen an, dass es auch für Schwarz-Gelb reichen könnte. „Und damit hat Schleswig-Holstein ganz schlechte Erfahrungen gemacht“, sagte Heinold. „Wir Grüne waren der Motor für Modernität.“