Viel weniger Autos

Sylter Verkehrsgesellschaft: Insel muss einspurig werden

| Lesedauer: 7 Minuten
Sven Paulsen steht im Hafen von Hörnum. Im Hintergrund ist die MS „Adler VI“ zu sehen, die auch zu den Seehundsbänken fährt.

Sven Paulsen steht im Hafen von Hörnum. Im Hintergrund ist die MS „Adler VI“ zu sehen, die auch zu den Seehundsbänken fährt.

Foto: Adler-Schiffe GmbH & Co KG

Chef Sven Paulsen hat auf Sylt neben Bussen und Schiffen einen weiteren Fahrservice aufgebaut und äußert eine spektakuläre Idee.

Sylt. Die SVG (Sylter Verkehrsgesellschaft) bedient mit ihren 35 Bussen den Linienverkehr auf der Insel. Die Reederei Adler-Schiffe hat in Westerland ihren Stammsitz und gehört zu den „Big Playern“ auf Nordsee und Ostsee.

Hinter beiden Unternehmen steht ein Name: Sven Paulsen, der jetzt zu Gast im Sylt-Podcast des Hamburger Abendblatts war und auch über sein aktuelles Projekt gesprochen hat. „Wir bieten seit dem Sommer SyltRIDE an. Das kann man vergleichen mit dem Fahrservice Moia, der ja in Hamburg unterwegs ist.“ Inzwischen haben sich mehr als 10.000 Kunden die SyltRIDE-App – die mit dem Slogan „die neue Mobilität auf Sylt“ wirbt – heruntergeladen. Gebucht wird über die App, und dann bekommen die Fahrgäste einen Standort mitgeteilt, an dem sie abgeholt werden.

SyltRIDE "eine gute Alternative zum Auto"

Wie bei Moia erfolgt die Abholung nicht direkt vor der Tür, sondern „man muss ein paar Schritte zum nächstgelegenen Haltepunkt gehen“, sagt Paulsen und ergänzt: „Wir haben im Sommer ein Verkehrsproblem auf Sylt, und die Kommunen haben sich ein solches Angebot gewünscht. Wir haben bislang drei Elektrokleinbusse angeschafft, alles auf eigene Kosten. Die große Herausforderung ist es, genügend Fahrgäste zu akquirieren. Aber es ist eine gute Alternative zum Auto und günstiger als ein Taxi.“ Der Unternehmer nennt ein Preisbeispiel: „Eine Fahrt von Westerland nach Keitum kostet um die 6,50 Euro für den ersten Fahrgast. Jeder weitere Fahrgast innerhalb einer Buchung bezahlt pauschal zwei Euro.“

Noch wird nicht die gesamte Insel bedient. Bislang werden unter anderem die Orte Westerland, Keitum, Kampen, Wenningstedt und Tinnum angefahren. Aber List, Rantum oder Hörnum sind noch weiße Flecken auf der Landkarte. Im Sylt-Podcast kündigt Paulsen an. „Wir wollen das Angebot ausweiten. Aber dafür brauchen wir mehr Fahrzeuge, und das kostet Geld. Wir sind da auf die Unterstützung der Politik angewiesen.“

Fahrgastzahlen wegen Corona zurückgegangen

Dass ein privates Unternehmen den Buslinienverkehr übernimmt, ist zumindest in großen Städten nicht üblich. In Hamburg zum Beispiel gehört die Hochbahn der Stadt. Anders auf Sylt. Hier macht das die SVG, die aktuell 47 Mitarbeiter hat.

Wegen Corona und der langen touristischen Zwangspause – erst seit dem 1. Mai vergangenen Jahres durften wieder Touristen beherbergt werden – sind die Fahrgastzahlen deutlich zurückgegangen. „Wir haben sonst um die 2,2 Millionen pro Jahr, 2021 waren es nur etwa die Hälfte. Aber wir haben im Rahmen des Corona-Rettungsschirms unseren Einnahmeverlust vom Staat erstattet bekommen.“

Auch Urlauber sollen SyltRIDE nutzen

Seit 1981 lebt der zweifache Familienvater Paulsen, der auf der Halbinsel Nordstrand geboren wurde, auf Sylt. Die SVG, die 1888 gegründet wurde, hat der Geschäftsmann 1995 gekauft. Die Firmengeschichte geht zurück auf die berühmte Inselbahn, die von Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1970er-Jahre auf Sylt unterwegs war.

Die Diskussion darüber, dass auf der Insel in der Saison zu viele Autos unterwegs sind, wird seit Jahren geführt. Auch Sven Paulsen hat dazu eine klare Meinung. „Wenn die Urlauber mit dem Auto anreisen, dann sollen sie das aber während ihres Aufenthalts möglichst stehen lassen und die Busse oder SyltRIDE nutzen.“ Doch die größte Herausforderung ist es, die Autofans vom Umstieg zu überzeugen.

Forderungen an ÖPNV unrealistisch

Sven Paulsen hat eine Idee: „Ein Auto gibt Komfort, den man keinem Autofahrer nehmen kann. Das geht nur, wenn man zum Beispiel die Straße zwischen Westerland und List einspurig macht für den Autoverkehr und auf der anderen die Busse fahren. Dann würden die Autofahrer zwei Stunden für die Strecke brauchen. Das wäre sicherlich ein Argument dafür, mit dem Bus zu fahren.“

Der Unternehmer sagt selber, dass sei eine überspitzte und eher unrealistische Maßnahme, fügt aber hinzu. „Es reicht nicht aus, von dem ÖPNV immer alles zu fordern. Dass dieser günstig sein soll und Tag und Nacht verkehren soll und die Autos können weiter fahren wie bisher, da wird sich die Insel entscheiden müssen.“

„Ich kann meinen Leuten gute Tipps geben“

Auch auf Sylt wird in Zukunft auf umweltfreundliche Busse gesetzt. „Wir haben seit drei Jahren einen Elektrobus in der Flotte. Und wir sind damit sehr zufrieden, haben fünf weitere dieser Fahrzeuge bestellt, die ab dem Frühjahr 2022 ausgeliefert werden sollen“, sagt Paulsen und geht davon aus, „dass wir in fünf Jahren die gesamte Flotte auf Elek­trobusse umgestellt haben.“ Aktuell wird der Betriebshof in Westerland umgebaut und mit der notwendigen Ladeinfrastruktur ausgestattet, „allein das kostet uns rund 2,5 Millionen Euro“.

Wenn Paulsen über die 1950 von seinem Vater Kurt gegründete Reederei Adler-Schiffe spricht, dann blitzen seine Augen. Das Unternehmen hat heute rund 350 Mitarbeiter, und die Flotte besteht aus 30 Schiffen. Der 62-Jährige hat selber „das Kapitänspatent für die große Fahrt“, auch wenn er seine Schiffe heute nicht mehr selber steuert. „Aber ich kann meinen Leuten gute Tipps geben“, sagt Paulsen lächelnd. Allein von und nach Sylt, schätzt der Reeder, habe das Unternehmen rund 100.000 Fahrgäste im Jahr 2021 gehabt.

Paulsen auch im Hamburger Hafen präsent

Von April bis November fährt wieder die MS „Adler-Express“ zwischen Nordstrand, Pellworm, Amrum, Hallig Hooge und Hörnum auf Sylt. In der Saison gibt es zudem Angebote wie die Seehundstour, die Piratenfahrten oder die Austerntour ab dem Hafen List. Auch im Hamburger Hafen ist Paulsen mit seinem Partyschiff MS „Koi“ – da passen bis zu 550 Personen drauf – präsent. Die Standorte an denen das Unternehmen seine Flotte fahren lässt, sind aber auch Wismar sowie die Inseln Rügen und Usedom.

Ein Neuzugang in der Flotte ist auch zu vermelden. Zurzeit wird der „Adler Jet“, den man secondhand von einer norwegischen Reederei gekauft hat, in der Werft umgebaut und von 212 auf 280 Plätze erweitert. Ab April 2022 soll der Katamaran dann auf der neuen Strecke zwischen den Inseln Norderney und Helgoland eingesetzt werden.

Sylt: Paulsen glaubt an sein Geschäft

Bis auf eine Ausnahme hat die Reederei Adler-Schiffe mit Diesel betriebene Schiffe im Einsatz. Doch die Flotte soll nach und nach „auf umweltfreundlichen Elektroantrieb umgerüstet werden“, kündigt Paulsen an. Der Unternehmer, der mit seiner Frau Birge in Keitum lebt, glaubt an sein Geschäft. Im Sylt-Podcast sagt Paulsen. „Mit dem Schiff zu fahren ist ein Erlebnis, das kannst du nicht im Internet erleben.“