Corona-Pandemie

Leere Strände an der Ostsee: Die Sehnsucht nach Touristen

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 In Scharbeutz haben in diesen Wochen die wenigen Spaziergänger am Strand viel Platz.

In Scharbeutz haben in diesen Wochen die wenigen Spaziergänger am Strand viel Platz.

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Die Ferienorte an der Ostsee machen sich fit für einen Neustart. Doch die Buchungslage ist bislang durchwachsen.

Das Zentrum von Timmendorf ist an diesem Vormittag wie leer gefegt. Es sind kaum Menschen auf den Straßen unterwegs. Die meisten Geschäfte und Restaurants sind geschlossen, nur die Bäckereien, Apotheken, der Drogeriemarkt und Edeka haben geöffnet. Wegen des Lockdowns dürfen seit dem 2. November Touristen nicht mehr beherbergt werden. Deshalb sind auch die meisten Hotels geschlossen, denn Geschäftsreisende gibt es an der Ostsee kaum. Aber trotzdem herrscht bei der Timmendorfer Strand Niendorf Tourismus GmbH Aufbruchstimmung.

Tourismusdirektor Joachim Nitz und Marketingchefin Silke Szymoniak empfangen zum Gespräch in den Räumen am Timmendorfer Platz. „Das Veranstaltungsprogramm für dieses Jahr steht. Wir haben für jeden Geschmack etwas dabei. Im Rahmen unserer Reihe ,Besondere Momente‘ wird es kleine, aber feine Events geben, aber auch unsere ,Stars am Strand‘ mit bis zu 4500 Zuschauern sind bereits für den 10. bis 12. September terminiert. Es klingt vielleicht ein wenig surreal in Zeiten des Lockdowns, aber wir geben uns selber eine Perspektive“, sagt Nitz. Auch wenn keiner wisse, wann und mit welchen Auflagen tatsächlich wieder Touristen empfangen werden dürfen.

Aufbruchstimmung an der Ostsee trotz Corona-Lockdowns

Vom 11. bis zum 13. Juni sind die Strandkonzerte am Niendorfer Freistrand geplant, für diese Veranstaltung ist Schlagerikone Vicky Leandros bereits gebucht. Auch ein Jazz-Festival, Strandpark-Konzerte, eine Lukullische Garden Party, eine Pop-Revue und die Deutsche Meisterschaft im Beach-Hockey sowie im Beach-Volleyball sind für den Sommer in Timmendorf bereits im Terminplan zu finden.

„Wir können ja nicht nur hier sitzen und warten, bis wir wissen, wann es wieder losgeht. Unsere Gäste sollen jetzt schon erfahren, auf was sie sich in ihrem Urlaub freuen dürfen. Wir sind natürlich in der Lage, alle Corona-Auflagen umzusetzen. Und wenn dann eben nur Events mit bis zu 500 Besuchern erlaubt sind, dann werden wir entsprechend reagieren. Außerdem wollen wir ein Corona-Testzentrum im Kurmittelhaus im Alten Kurpark in Timmendorf einrichten“, kündigt Nitz an. Auch eine Strand­ampel, die per App anzeigt, welche Strände überfüllt sind und keinen weiteren Zulauf vertragen, soll es im Sommer wieder geben.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Im vergangenen Jahr verzeichneten Timmendorfer Strand und Niendorf im Januar rund 50.000 Übernachtungen. Ein Jahr später werden es wohl nur ein paar Hundert von Geschäftsreisenden sein. „Die Zeit des Lockdowns nutzen viele Betriebe für Renovierungen. Wir sind uns nämlich alle einig: Wenn es weitergeht, wird die Ostsee ein gefragtes Reiseziel sein. Auch nach dem ersten Lockdown, konnten wir wieder zügig eine hohe Nachfrage verzeichnen“, sagt der Tourismuschef. Im vergangenen Jahr zählten die beiden Ferienorte rund 1,4 Millionen Übernachtungen, 2019 waren es 1,65 Millionen Übernachtungen. Die Buchungslage für Ostern sei bereits gut, vor allem für Ferienwohnungen.

Das Ostseebad Timmendorf lebt vom ­Tourismus

Während unter der Woche die Fußgängerzone und die Promenade von Timmendorf wie ausgestorben wirken, reisen bei gutem Wetter wie am vergangenen Wochenende viele Tagestouristen an. „Wir beobachten die Lage natürlich genau. Wir animieren keinen, aktuell hierherzukommen, aber wir halten auch nichts von Verboten, solange Abstände eingehalten werden können“, sagt Nitz.

Seit sieben Jahren ist Nitz der Mr. Tourismus in Timmendorf und Niendorf. Zuvor war der Eutiner bereits zwölf Jahre Tourismuschef in Scharbeutz. Eine Zwangspause, wie jetzt im Zuge der Corona-Pandemie, hat Nitz noch nicht erlebt. „Hier ist alles auf den Tourismus ausgerichtet. Das ist die Haupteinnahmequelle. Da hängt nicht nur die Gas­tronomie und Hotellerie dran, sondern auch der Einzelhandel. Natürlich ist es unser Wunsch, dass wir sobald wie möglich wieder Gastgeber sein dürfen. Aber das liegt nicht in unserer Hand. Das bestimmt die Politik.“​

Auch im benachbarten Scharbeutz sind nur wenige Radfahrer, Spaziergänger und Jogger unterwegs. Um kurz vor 13 Uhr räumt Ilse Lemke bereits die Ständer mit den Postkarten, die vor Buch-Kurth an der Strandallee stehen, wieder in den Laden und wird erst mal schließen. „Wenn am Wochenende das Wetter gut ist, kommen viele Hamburger und flanieren hier auf der Promenade. Aber in der Woche ist es hier wie ausgestorben. Natürlich wirkt sich das negativ auf unser Geschäft aus, wir haben ja kaum noch Kunden, die unsere sonst so beliebten Souvenirs kaufen“, sagt Lemke.

Direkt gegenüber liegt das Bayside. In seinem Hotel ohne Gäste fühle er sich einsam, sagt Töns Haltermann. 2014 hat Familie Haltermann das Bayside direkt am Strand eröffnet. Seitdem ist das Vier-Sterne-Superior-Haus mit 135 Zimmern und den Restaurants Coast und Roof ein Hotspot an der Ostsee. „Wenn wir nicht im Lockdown wären, hätten wir jetzt ein volles Haus. In der Woche Tagungen und am Wochenende Touristen“, sagt Haltermann.

Zwangspause werden für Investitionen genutzt

Aber der Unternehmer, der auch einer der Betreiber der Ciu‘ Bar am Ballindamm in Hamburg ist, ist keiner, der jammert. Er nutzt die Zwangspause für Investitionen. Zurzeit wird der ehemalige Bay‘s Club des Hauses zum Jungle Restaurant umgebaut. „Wir sind davon ausgegangen, dass wir auch 2021 unseren Club wegen der Corona-Auflagen nicht betreiben können, darum machen wir jetzt ein neues, ganz besonderes Restaurant. Das Konzept richtet sich vor allem an Familien. Die Gäste sollen alle 48 Minuten einen Tag und eine Nacht im Dschungel erleben. Auf einer Fläche von 320 Quadratmetern werden 110 Plätze – eingebettet in eine naturgetreue Dschungellandschaft – geschaffen“, sagt der Hotelier. Auf der Speisekarte sollen Burger aber auch Steaks von Krokodil, Schlange, Gnu oder Hai stehen.

Eine gute Million Euro kostet die Realisierung, außerdem werden zwei Küchen erneuert. Das Jungle soll im Mai eröffnen. Aber natürlich möchte Haltermann in seinem Bayside schon deutlich früher wieder Urlauber begrüßen. „Es fehlt aktuell die Perspektive. Wir sind gerade dabei, weil der Lockdown mal wieder verlängert wurde, die Buchungen vom 1. Februar an abzusagen. Ich, und da spreche ich sicher für viele andere aus der Branche, wünsche mir, dass die Regierung uns einen Fahrplan gibt, wann es wieder losgeht. Dann hätten wir und die Gäste genügend Vorlauf, um uns vorzubereiten“, sagt Haltermann.

Auch in Niendorf herrscht gähnende Leere

Aktuell herrsche Unsicherheit bei Unternehmern wie Gästen. „Das macht sich im Bayside auch bei den Buchungen bemerkbar. Bislang haben wir für Ostern eine Belegung von 41 Prozent, im Vorjahr hatten wir zu diesem Zeitpunkt zu Ostern schon eine Vorbuchungsquote von 71 Prozent.“ Unterdessen arbeitet der Hotelier an einem weiteren Projekt. Ein Anbau mit 60 Zimmern und Außenpool mit Meerblick ist geplant. Und er hofft, dass die Politik schon bald grünes Licht für diese Millioneninvestition gibt.

In Niendorf herrscht an diesem Nachmittag ebenfalls gähnende Leere. Nur vor einer Bude am Hafen stehen ein paar Leute an, um sich einen Snack zu holen. Direkt gegenüber führt Thomas Röger die Fischkiste. Das Restaurant, eine Institution an der Ostsee, hatte sein Vater Johnny 1965 gegründet. Bis zum zweiten Lockdown war das Lokal wie immer gut besucht. Dann die Zwangspause.

Im Januar hätte der Gastronom zwar ohnehin geschlossen, aber „natürlich wollten wir Anfang Februar wieder loslegen. Daraus wird jetzt leider nichts. Wir denken zwar positiv, aber jede neue Nachricht über eine Lockdown-Verlängerung ist frustrierend“, sagt Thomas Röger. Einen Lieferservice bieten Röger und sein Sohn Juniorchef Marc nicht an. Die beiden sind sich einig, „der Fisch muss frisch auf den Tisch.“ Die Rögers wollen jetzt noch mal Geld in einen Luftreiniger investieren. Thomas Röger sagt. „Wir tun, was wir können, aber vor allem wollen wir bald wieder loslegen.“

Die Travemünder Woche soll im Juli stattfinden

Auch in Travemünde wird alles für die Urlauber hergerichtet. „Der erste Bauabschnitt der neuen Travepromenade zwischen dem Alten Lotsenhaus und dem Lübecker Yachtclub soll im Juni eröffnet werden. Dort entsteht auch ein Gebäude mit Gastronomie, und das Touristbüro zieht dort ein“, sagt Kurdirektor Uwe Kirchhoff. Demnächst soll auch mit dem Bau des Stilwerk Designhotels mit 80 Zimmern begonnen werden.

„Die Gastgeber in Travemünde nutzen den Lockdown, um ihre Betriebe herauszuputzen. Wir hoffen natürlich, dass wir zu Ostern wieder Touristen empfangen dürfen. Die Nachfrage ist bereits da, auch wenn noch eine gewisse Zurückhaltung bei den Buchungen herrscht, weil die Politik noch kein Datum für einen Neustart genannt hat“, sagt Kirchhoff. Vom 18. Juli bis zum 25. Juli ist die traditionelle Travemünder Woche geplant, die im vergangenen Jahr wegen der Pandemie abgesagt wurde. Kirchhoff: „Die Travemünder Woche wollen wir auf jeden Fall veranstalten. Wir planen so, dass wir mehrere Varianten haben, um auf die aktuellen Corona-Auflagen reagieren zu können.“

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Aber wie ist die Nachfrage überhaupt in Schleswig-Holstein? Dem Abendblatt sagte Bettina Bunge, Geschäftsführerin der Tourismus-Agentur Schleswig-Holstein (TA.SH) „Der Sommer wird bereits geplant, sehr beliebte Orte wie St. Peter-Ording an der Nordsee oder Grömitz an der Ostsee sind für den Sommer gefragt. Für das Frühjahr herrscht große Zurückhaltung, da ist die Unsicherheit sehr groß. Allerdings ist die Reiselust ungebrochen, sobald wieder gereist werden darf, wird wie im vergangenen Jahr zügig gebucht.“

Gastronomie ist derzeit auch für Hausgäste geschlossen

Bei der Tourismusagentur Lübecker Bucht (TALB), zu der unter anderem die Ferienorte Haffkrug, Scharbeutz, Sierksdorf, Pelzerhaken und Neustadt in Holstein gehören, heißt es: „Im Vergleich des aktuellen Buchungszeitraums mit dem des Vorjahres ist festzustellen, dass es in diesem Jahr im Durchschnitt über alle Orte der TALB hinweg etwa ein Drittel weniger Buchungen sind. Es wird vermutet, dass viele noch ein wenig die weitere Entwicklung abwarten.“

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Zurück nach Timmendorf. Es ist Abend geworden. Das Maritim Seehotel an der Strandallee hat für Geschäftsreisende geöffnet. 19 Gäste sind in dieser Nacht im Haus, die Gastronomie ist aber auch für Hausgäste geschlossen. Ein paar Geschäftsleute kommen ins Foyer, haben sich im Ort mit Abendessen eingedeckt und werden gleich auf ihren Zimmern essen. Nur die erste und zweite Etage werden derzeit belegt. ​Morgens gegen 9 Uhr beim Frühstück, das serviert wird, sind im Restaurant Seeterrassen drei Tische besetzt.

Für Ostern liegen die Buchungen bereits bei etwa 40 Prozent

Normalerweise hat das Maritim, das vor mehr als 50 Jahren als erstes Haus der Gruppe eröffnet wurde, auch im Januar noch eine Auslastung von gut 50 Prozent. Aber jetzt, da die Urlauber nicht kommen dürfen, bleiben die meisten der 241 Zimmer leer. Die 130 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. „Wir werden im Januar im Durchschnitt eine Belegung von etwa sechs Prozent erreichen. Eigentlich macht es wenig Sinn, ein Ferienhotel zu öffnen, aber wir wollen unsere Auszubildenden beschäftigen und natürlich für die wenigen Gäste da sein“, sagt Jochen H. Stop, der das Maritim Seehotel seit mehr als zwei Jahrzehnten führt.

Es gibt Nächte, da sind bis zu 20 Zimmer belegt, und an anderen Tagen sind es nur zwei oder drei. Täglich rufen treue Stammgäste an und wollen wissen, wann sie wieder anreisen dürfen. Für Ostern liegen die Buchungen bereits bei etwa 40 Prozent. Der Direktor sagt: „Es macht keinen Spaß, in einem Hotel ohne Gäste zu sitzen. Wir stehen in den Startlöchern und können es kaum erwarten, die ersten Urlauber wieder bei uns zu begrüßen.“