„Nicht meckern, machen!“

Der Pflanzenfreund: Mit violettem Fettkraut fing alles an

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Jördis Früchtenicht
Umweltschützer Hartmut Pietsch aus Leck im Kreis Nordfriesland bemüht sich um vom Aussterben bedrohte Arten.

Umweltschützer Hartmut Pietsch aus Leck im Kreis Nordfriesland bemüht sich um vom Aussterben bedrohte Arten.

Foto: Ulf Dahl

In Nordfriesland kümmert sich Hartmut Pietsch beharrlich um die Moor- und Heidelandschaft. Hier wachsen vom Aussterben bedrohte Arten.

Leck.  Im November ist von den seltenen Pflanzen in nordfriesischen Leckfeld kaum noch etwas zu sehen. Doch Hartmut Pietsch weiß trotzdem, wo welche Orchideenart steht und wo die fleischfressenden Pflanzen Fettkraut und Sonnentau wachsen. Denn der 78-Jährige, inzwischen einer der offiziellen Betreuer, kümmert sich seit rund 50 Jahren um die Moor- und Heidelandschaft.

Die 206 Hektar große Fläche wurde 2019 zu einem Naturschutzgebiet erklärt. Das schleswig-holsteinische Umweltministerium sagte damals, dass das Gebiet über eine sogenannte magere Offenlandschaft verfügt, die in vergleichbarer Größe im Landesteil Schleswig nahezu einzigartig ist. In dem Gebiet kommen etliche vom Aussterben bedrohte Pflanzen vor.

Mit der Hamburgerin Loki Schmidt pflegte er einen Kontakt

Wie besonders die Gegend ist, ist Pietsch seit Anfang der 1970er-Jahre klar. Damals habe er bei einer Radtour das ihm bis dahin unbekannte violette Fettkraut entdeckt, kurze Zeit später dann geflecktes Knabenkraut, das zu den Orchideen gehört, erzählt der ehemalige Mathe- und Sportlehrer. Er fing an, die Pflanzen zu pflegen, sorgte etwa dafür, dass Büsche und Bäume zurückgeschnitten wurden und die seltenen, aber meist auch kleinen Pflanzen mehr Raum hatten zu wachsen.

Als der angrenzende, militärisch genutzte Lecker Flughafen erweitert werden sollte, setzte Pietsch sich mit Erfolg dafür ein, dass ein kleinerer Teil des Gebiets durch den dann in den 1980er-Jahren versetzten Flughafen-Zaun abgetrennt wurde als geplant. Sogar mit Loki Schmidt habe er deswegen Kontakt gehabt, sagt Pietsch.

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Das Hobby Botanik wurde ihm schon in früher Kindheit vermittelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe sein Vater seine erste Schulstelle als Biologielehrer in einem kleinen Ort nahe der dänischen Grenze bekommen, so Pietsch. „Als Fünfjähriger bin ich dann immer an der Grenze Blumen pflücken gegangen und habe sie meiner Mutter gebracht. Sie hat mir dann erzählt, welche Pflanzen das sind.“ Später hätte er mit seinem Vater auch schon mal Sumpfdotterblumen für den Unterricht sammeln müssen. „Ich bin meinen Eltern bis heute dankbar, dass sie mir so den Zugang zur Natur vermittelt haben.“

So zitiert Pietsch, seine Terrierhündin Frieda neben sich, denn auch inmitten von Gräsern stehend, Goethes Osterspaziergang: „Hier ist des Volkes wahrer Himmel. Zufrieden jauchzet Groß und Klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“, um direkt zu ergänzen, Menschsein bedeute, mit allen Sinnen in der Natur zu sein. Im Anschluss wird er ernster, sagt, Kinder müssten Natur wieder mehr erleben, und erklärt, dass die Binsen, die von Schafen heruntergetreten wurden, im Frühjahr mit der Harke zusammengetragen werden. Nicht nur von ihm, sondern auch von Freunden und Bekannten, ohne die die Pflege des Geländes nicht möglich wäre. Wichtig für seine Arbeit sei auch das Unabhängige Kuratorium Landwirtschaft Schleswig-Holstein, so Pietsch.

Auf einem Stück des Geländes sind alte Fahrspuren zu sehen, „Die kommen von früheren Fahrschulen der Bundeswehr. Sie sind wichtig, denn in ihnen kann das Fettkraut ohne Konkurrenz zum Gras wachsen.“ Ein paar Meter weiter sind mehrere Erdwälle aufgeschüttet, teils mit Lärchen bewachsen. „Die Splitterwälle wurden im Zweiten Weltkrieg angelegt und nach dessen Ende aufgeforstet“, sagt Pietsch.

Nun werden die Bäume nach und nach wieder entfernt. „Denn der Eintrag von Baumsamen ist hier nicht förderlich.“ Die bewegte Geschichte des Gebiets wird auch an anderen Stellen sichtbar. Es finden sich etwa Betonfundamente von Zaunpfählen. „Die gehören zu einer alten Bauschuttdeponie, die hier 1977 eingerichtet wurde“, so Pietsch. Inzwischen ist die Deponie grob abgedeckt. Auch andere Betonteile sind an manchen Stellen zwischen den Pflanzen zu sehen. „Die Alliierten haben nach dem Krieg Teile des Flughafens gesprengt.“

Was eine knollige Wurzel mit dem Teufel zu tun hat

Doch Fundstücke, wenn auch ungleich kleinere, gibt es nicht nur aus dem letzten Jahrhundert. Aus einer Pappschachtel holt Pietsch vorsichtig zwei unscheinbare Gegenstände heraus. Der eine ist ein abgebrochener Kopf von einer Tonpfeife, wohl aus dem 17. oder frühen 18. Jahrhundert. Der andere ist eine Klinge aus Feuerstein – aus der Jungsteinzeit und noch heute scharf. Auf seinen Spaziergängen hat der Botaniker aber vor allem Augen für die Pflanzen und kennt oft Geschichten zu ihnen. „Der Teufelabbiss heißt so, weil seine knollige Wurzel so aussieht, als hätte der Teufel von ihr abgebissen“, erzählt er etwa. Fragt man Pietsch, ob er froh ist, dass das Gelände nun Naturschutzgebiet ist, bejaht er das zwar. Es gibt für ihn deswegen aber keinen Grund, in seinem Engagement für die Natur nachzulassen.

Die Aktion:

  • Gemeinsam stellen das Hamburger Abendblatt, die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“, die „Kieler Nachrichten“ und NDR Info Personen und Initiativen vor, die im Norden etwas bewegt haben. Die es mit Engagement, Ideen und Mut geschafft haben, Dinge zum Besseren zu verändern.