Urlaubsserie

Boltenhagen – ein Licht wie an der Schärenküste

Hier gibt es frischen Fisch vom Kutter: die roten Fischerhäuschen in der Marina Weiße Wiek.

Hier gibt es frischen Fisch vom Kutter: die roten Fischerhäuschen in der Marina Weiße Wiek.

Foto: dpa Picture-Alliance / Ralf-Udo Thiele

Die schönsten Urlaubsorte an Nord- und Ostsee, Teil 2. Bis zur deutschen Einheit war es das westlichste Ostseebad der DDR.

Boltenhagen. An einem heißen Augustabend stand mir in Boltenhagen der Sinn nach einem Restaurantbesuch. Wenigstens ein Salat sollte es sein oder eine Stulle. Über dem Ort an den Gestaden der Ostsee lag an diesem Abend eine bedrückende Schwüle, pausenlos kreisten zwei Armeehubschrauber über der Küste, nur etwa 30 Kilometer von der Hansestadt Lübeck entfernt. In der Erwartung, in der Kneipe platziert zu werden, steuerte ich auf die Kellnerin zu – und bekam die damals gar nicht überraschende Antwort: „Die Küche hat geschlossen. Unser Koch ist abgehauen.“

Abgehauen? Das ist ein Wort, dessen politische Bedeutung sich heute weitgehender Unkenntnis entzieht. Die DDR-Bürger flohen damals „in den Westen“. In jenem Sommer 1989, drei Monate vor dem Fall der Mauer, gehörte das Wort zum täglichen Gesprächsstoff wie heute Flüchtlingskrise und Klimawandel.

Boltenhagen ist einer der schönsten Orte an der Ostsee

Auch 30 Jahre später muss ich immer noch an diese Szene denken, wenn ich Boltenhagen besuche. Für mich einer der schönsten Orte an der deutschen Ostseeküste, der von Bausünden, wie sie etwa Burg auf Fehmarn ereilt haben, verschont geblieben ist. Stattdessen lockt ein fünf Kilometer langer Strand mit einer 30 Meter hohen Steilklippe, den die letzte Eiszeit vor gut 15.000 Jahren geformt hat.

Boltenhagen, einst das westlichste Ostseebad im Osten, ist im Vergleich zur Zeit der deutschen Teilung kaum wiederzuerkennen. Aus dem von Grenztruppen und Volksmarine bewachten real­sozialistischen Außenposten ist ein Badeort­ geworden, der stolz seine Perlen zeigt.

Sie sind zum Glück für alle sichtbar und werden nicht, wie etwa in Travemünde, von überzogenen Hotelneubauten in den Schatten gestellt. Kein Haus in Boltenhagen überragt die Baumkronen der Eichen, Buchen und Linden des üppigen Mischwaldes, der 1891 zwischen Häusern und Strand gepflanzt wurde.

Drei Tipps für Boltenhagen:

  • Hofladen: Regionale Produkte aus eigener Landwirtschaft bietet der Steinbecker Hofladen im Klützer Winkel. Es gibt Fleisch, Obst, Gemüse, Milchprodukte und Kleidungsstücke aus Wolle. Der Betrieb, der in dritter Generation geführt wird, teilt sich in drei Zweige: den Ackerbau, die Milchviehhaltung und in den Hofladen. Dorfstraße 10, 23948 Steinbeck. Web: steinbecker-hofladen.de, Tel. 038 825/233 40
  • Wanderung: Immer an der Ostseeküste entlang: Eine 26 Kilometer lange Wandertour startet an der Boltenhagenbucht und führt in die alte Hansestadt Wismar. Besonders eindrucksvoll ist die „Wohlenberger Wiek“ mit einem langen Sandstrand und flachem Wasser. An der halbrunden Bucht im Südwestteil der Wismarbucht gibt es neben dem Strand ein Kliff und eine vielfältige Tierwelt. Zurück nach Boltenhagen geht‘s mit der Bahn. Die Altstadt von Wismar ist übrigens seit 2002 Unesco-Weltkulturerbe – und auf jeden Fall auch einen Abstecher wert.
  • Kirche auf der Düne: Mitten im Ortskern von Boltenhagen steht auf einem kleinen Berg die „Evangelische Kirche auf der Pauls­höhe“. Das denkmalgeschützte, kleine Gotteshaus thront auf einer Düne. Das neogotische Gebäude im Backsteinstil wurde von 1872 bis 1873 errichtet.

Thomas Neuffer kennt Boltenhagens Perlen

Einer, der sich mit Boltenhagens Perlen bestens auskennt, ist Thomas Neuffer. Der Immobilienentwickler stammt ursprünglich aus Hessen, wohnt und arbeitet seit der Wende in Boltenhagen. „Mir gefällt der Charme dieser Parkstadt am Meer“, schwärmt der 54 Jahre alte Inhaber der Neuffer Ostseeimmobilien Projektentwicklung und Beratung.

Ihm gehört unter anderem eine der rund 80 Strandvillen aus der Gründerzeit, das Haus Hubertus. Zwar sind etliche dieser Häuser nach dem Fall der Mauer abgerissen worden, aber alle Gebäude, die aufwendig restauriert wurden, sind wahre Schmuckstücke.

„Wem gehört Boltenhagen?“, titelte Anfang des Jahres die „Ostsee-Zeitung“ und informierte die Leser darüber, wem die einzelnen Perlen an der drei Kilometer langen Promenade eigentlich gehören. Es ist solchen Investoren wie Jürgen Finkbeiner, Besitzer des Modelabels Camp David, dem Lübecker Unternehmer Christian Krumpeter und anderen Investoren zu verdanken, dass diese Gründerzeithäuser wie die Villa Seebach und die Villa Minerva in neuem Glanz strahlen. Der Quadratmeterpreis liegt in der ersten Reihe am Strand bei gut 6000 Euro, während in den Kaiserbädern auf Usedom gut 10.000 Euro und mehr bezahlt werden.

Wer in Boltenhagen übernachten will, sucht größere Hotels vergeblich. Die 10.000 Ferienbetten sind zu 80 Prozent in der Hand der Vermieter von Ferienwohnungen. Doch derzeit werden vier Hotels gebaut oder sind geplant, was die Bettenzahl um 2000 erhöht. In diesem Sommer soll das dreigeschossige Aparthotel Ostseeallee eröffnen.

An der Seebrücke legen Ausflugsdampfer an

Was mir an Boltenhagen noch mehr als vor 30 Jahren gefällt, ist die gelungene Synthese aus Natur, Architektur und Gastronomie. Da ist der Küstenwald, der den Ort schmeichelnd mit einem grünen Band umgibt. Da ist die knapp 300 Meter lange Seebrücke, an der die Ausflugsdampfer aus Schleswig-Holstein anlegen.

Und da sind entlang der zwei Promenaden kleine Cafés, Restaurants und Imbissbuden mit Räucherfisch, die zum Verweilen einladen. Wie das Café Lindquist, das von einer gebürtigen Finnin geführt wird, die der Liebe wegen in Boltenhagen geblieben ist. „Das Licht an dieser Küste erinnert mich an das Licht der Schärengärten vor Vasa“, sagt sie.

Nichts ist hier Schickimicki. Eher halten es die Gäste mit der Erfahrung, die einst der Dichter Fritz Reuter in Boltenhagen sammelte: „Wer mal sin Neven will upfrischen, wer mal sin Sorgen möchte wegwischen, wer plagen will sinen Magen, die führt getrost nach Boltenhagen.“

Der heute 2500 Einwohner zählende Ort im „Klützer Winkel“ war einst von der Fischerei geprägt. Im Jahr 1803 begann ganz unspektakulär der Badebetrieb mit dem Aufstellen des ersten Badekarrens. Während der Cholera-Epidemie suchten in der frischen, reinen Meeresluft erschöpfte Großstädter Ruhe und Erholung.

Auch in den 1920er-Jahren lockten das Haus am Meer, das Haus Seefrieden und die Villa Waldheim Erholungsuchende an. Wer die Rezeption anrufen wollte, musste nur eine zweistellige Rufnummer wählen lassen. „Land- und Wasserwege erhöhen die Ferienfreude“, versprach ein Werbeprospekt aus dieser Zeit.

Boltenhagen wirbt mit Fischereihafen Weiße Wiek

Heute wirbt die Kommune gern mit dem Yacht- und Fischereihafen Weiße Wiek im Ortsteil Tarnewitz. Wassersportler wissen die Südlage zu schätzen und genießen das maritime Flair der Fünf-Sterne-Marina mit 350 Liegeplätzen. Die roten Fischerhütten im südlichen Teil sind ein beliebtes Ausflugsziel. Hier gibt es fangfrischen Fisch vom Kutter.

Wer im Klützer Winkel adligen Glanz erleben will, gelangt mit dem Fahrrad in nur 20 Minuten zu Schloss Bothmer. Eine Allee führt zur größten barocken Schlossanlage Norddeutschlands. Sie befindet sich im Besitz des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Caspar Graf von Bothmer (1656–1732), Sprössling einer niedersächsischen Adelsfamilie, ließ diese Residenz vor knapp 300 Jahren bauen.

Caspar Graf von Bothmer hat sein Schloss übrigens nie gesehen, denn er diente 20 Jahre lang als Minister für deutsche Angelegenheiten am englischen Königshof. Statt auf Schloss Bothmer arbeitete er in London, Downing Street 10.

Anreise und Informationen:

  • Boltenhagen liegt verkehrsgünstig zwischen den Hansestädten Wismar und Lübeck. Zu erreichen ist das Ostseebad am besten über die Bundesautobahn 20, Abfahrt Grevesmühlen/Boltenhagen, danach über Grevesmühlen nach Boltenhagen. Alternativ ist der Weg mit der Priwall-Fähre in Lübeck-Travemünde und über die Landstraßen möglich.
  • Entfernung: rund 130 Kilometer, Zeit: 1:40 Minuten (Auto), 3 Stunden (Bahn)
  • Infos: Kurverwaltung Boltenhagen, Tel. 038825/360-0 www.boltenhagen.de, www.auf-nach-mv.de/ostsee