Schleswig-Holstein

Bürgerinitiative will die Schleimünde retten

Der Leuchtturm von Schleimünde mit dem Hafen, dem Kiosk, der sogenannten Giftbude, einer Wiese zum Zelten und dem Veranstaltungsgebäude. Dahinter liegt das Naturschutzgebiet.

Der Leuchtturm von Schleimünde mit dem Hafen, dem Kiosk, der sogenannten Giftbude, einer Wiese zum Zelten und dem Veranstaltungsgebäude. Dahinter liegt das Naturschutzgebiet.

Foto: Kristina Steiner

Die Halbinsel wird immer öfter von der Ostsee überspült. Die Anwohner sind besorgt, denn künftig könnte das Hochwasserrisiko steigen.

Maasholm.  Die Menschen an der Schlei machen sich Sorgen um einen ihrer schönsten Orte. „Das Naherholungsgebiet Schleimünde ist massiv bedroht“, sagt Philipp Zülsdorff. Er hat deshalb die Bürgerinitiative „Schleimünde retten“ gegründet. Ziel der Aktion ist es, die Halbinsel durch sofortige Schutzmaßnahmen zu erhalten. „Die Halbinsel Schleimünde wird stetig abgetragen und immer häufiger überspült. Einen Strand, wie es ihn noch vor 20 Jahren gab, haben Wind und Wellen mit sich genommen.

Bisherige Schutzmaßnahmen, häufig von privaten Initiativen getragen, wurden unterspült und sind verloren. Die Küste wird zunehmend seeseitig abgetragen. Dieser Prozess wird zum Verlust eines einmaligen Ortes an der Ostseeküste führen, wenn nicht zügig geeignete Gegenmaßnahmen getroffen werden“, schreibt die Initiative. Sie fordert vom Land Schleswig-Holstein, Schleimünde mit allen erforderlichen Maßnahmen zu schützen. „Der rasante Abtrag der Küste hat uns gezwungen, sofort zu handeln.“

Zülsdorff weiß, wovon er spricht. Er hat im vergangenen Jahr ehrenamtlich den Vorsitz des Fördervereins naturnaher Wasserwanderplatz Schleimünde übernommen, der dort den kleinen Hafen betreibt. Allein in den zurückliegenden sechs bis acht Monaten sei ein großer Küstenstreifen verloren gegangen, so der dreifache Familienvater. „Bereiche, wo wir im Frühjahr noch gegrillt haben sind einfach nicht mehr da.“

Starke Stürme verkleinern Küstenabschnitt seit Jahren

Zum Hintergrund: Schleimünde selbst, die Mündung in den Seitenarm der Ostsee, ist schmal. An der einen Seite steht ein markanter Leuchtturm. Hier gibt es auch den kleinen Hafen, ein Hafenbüro, ein Veranstaltungsgebäude, eine Wiese zum Grillen und Zelten – und ein winziges Restaurant, bei vielen unter dem Namen Giftbude bekannt.

Der Bereich gehört seit zehn Jahren der Lighthouse Foundation mit Sitz in Kiel. Direkt im Anschluss erstreckt sich eine etwa 100 Hektar große Halbinsel, ein Naturschutzgebiet. Die starken Stürme und Hochwasser im Frühjahr und Herbst verkleinern den schmalen Küstenabschnitt bereits seit Jahren.

„Doch die Dynamik hat sich jetzt noch mal rasant verschärft“, sagt Zülsdorff, der als Wasserbauingenieur schon lange den Prozess beobachtet. Mittlerweile sei der Scheitelpunkt auch an höher gelegenen Stellen vom Abbruch betroffen. „Jetzt braucht es nicht mal mehr ein heftiges Hochwasser, um auch die Wiese, die zum Zelten genutzt wird, zu überspülen und abzutragen.“ Nicht selten seien mittlerweile große Teile des schmalen Streifens überspült.

Initiative startet Petition

Zülsdorff hatte am vergangenen Wochenende zur Gründungssitzung der Initiative geladen. Und war überwältigt von den Reaktionen der Bürger. „Wir waren 80 Frauen und Männer, damit hätte ich niemals gerechnet“, sagt er. Parallel starteten er und seine Mitstreiter eine Petition. „Wir fordern die Landesregierung von Schleswig-Holstein auf, Schleimünde mit allen erforderlichen Maßnahmen zu schützen und in seiner Funktionalität in Bezug auf Hochwasserschutz und Naherholung wiederherzustellen“, heißt es dort (https://weact.campact.de/petitions/schleimunde-retten).

Bis Donnerstag hatten bereits knapp 2600 Menschen unterzeichnet. Die Forderung der Bürgerinitiative: „Es reicht nicht, dass wir über den Küstenschutz immer nur sprechen. Es muss jetzt schnell gehandelt werden.“ Die Zeit dränge. „Denn alles, was dort jetzt abgetragen wird, ist unwiederbringlich verloren.“ Die Küste könne zwar Stück für Stück aufwendig wieder aufgeschüttet werden. „Doch das ist dann nicht mehr das, was dort in vielen Jahrhunderten gewachsen ist.“ Um Schleimünde zu sichern, bedürfe es eines Umdenkens in der Politik. „Und um das zu erreichen, brauchen wir so viel Unterstützung wie möglich.“

Der Verlust der Küste in Schleimünde hat Auswirkungen auf die Region. „Noch ist vieles Spekulation, aber wenn die Mündung vergrößert wird, dann fließt das Wasser bei Hochwasser viel schneller und heftiger durch die ganze Schlei bis nach Schleswig“, so Zülsdorff. Damit werde die Hochwassersituation angespannter. Diese Problematik sieht auch Jens Ambsdorf von der Lighthouse Foundation. „Wir brauchen dringend eine qualifizierte Antwort auf die Frage, was passiert, wenn sich hier vorne der Einlass vergrößert“, so der Vorstand. Noch seien die Folgen schwer einzuschätzen. „Aber es ist ja unstrittig, dass bei Stürmen künftig mehr Wasser in die Schlei reindrückt.“ Tief gelegene Gemeinden wie Arnis oder Olpenitz könnten dann massive Probleme bekommen.“

Alle Gemeinden unterstützen Aktion

Die Stiftung hat vor zehn Jahren das Areal, das Lotseninsel genannt wird und sich um den Leuchtturm Schleimünde erstreckt, dem Bund abgekauft. Seitdem hat sie immer wieder Geld in die Küstenbefestigung gesteckt, rund 800.000 Euro sind es bereits. Man habe die Flutmauer vor dem Lotsenhaus saniert, Steine und Sand aufgeschüttet und Molen gebaut, so der Vorstand. „Wir müssen jedes Jahr investieren, denn die Ostsee nagt beständig an der Insel“, sagt Ambsdorf, der allerdings nur für einen kleinen Teil des Abschnittes spricht.

Auch er ist überzeugt, dass die Zeit für das gesamte Areal drängt. „Deshalb ist diese Initiative gut und wichtig für uns alle.“ Wenn erst alles zerstört und abgetragen sei, sei es zu spät. Ihn beeindrucke die Geschlossenheit der Bürger, die hinter der Initiative stehen. „Das sind nicht nur Einzelkämpfer. Alle Gemeinden hier unterstützen die Aktion. Alle sind besorgt. Zu Recht.“

Wie Marina Brügge, die Bürgermeisterin von Arnis. Sie hatte der Initiative für ihr erstes Treffen den Sitzungssaal des Arnisser Rathauses zur Verfügung gestellt. „Endlich passiert was“, sagt die 32-Jährige. Bisher hätten alle immer nur die Strände von Sylt im Blick gehabt. „Aber auch hier wollen Menschen leben. Und das gern mit trockenen Füßen.“

"Wir haben nicht mehr viel Zeit"

Die kleine Stadt Arnis ist tief gelegen – und direkt an der Schlei. „Die Menschen hier haben Sorge, dass es hier ungemütlich werden kann, wenn die Hochwasser stärker werden sollten.“ Deshalb unterstütze sie die Bürgerinitiative. „Wir hoffen, dass wir hier an der Schlei küstenschutztechnisch jetzt auch endlich Beachtung finden und von der Landesregierung etwas getan wird.“

Brügge erhofft sich von der Landesregierung eine neue Bewertung der Lage und eine Einschätzung der notwendigen Maßnahmen. „Küstenschutz ist bisher Sache der Kommunen. Aber wie sollen diese kleinen Kommunen hier den aufwendigen Küstenschutz alleine stemmen.“ Sie fordert die Landesregierung auf, Verantwortung zu übernehmen. Denn nur wenn alle zusammenarbeiteten, „kann Schlimmeres verhindert werden“.

Auch Heiko Traulsen, Bürgermeister von Kappeln, hat erlebt, dass die Landesregierung das Thema Küstenschutz an der Ostsee nicht genügend ernst genommen hat. Er selbst ist schon seit Jahren in der Gruppe Hochwasserküstenschutz aktiv und vertritt dort die Region Ostsee und Schlei. „Gerade hatten wir eine Sitzung dazu in Kiel. Und ich habe das Gefühl, dass jetzt allen bewusst ist, dass dringend etwas passieren muss.“ Traulsen lobt die Initiative: „Es ist toll, dass so viele Menschen dieses dringliche Pro­blem erkannt haben.“

Nun müssten alle Beteiligten zusammenarbeiten, damit man zügiger zu Ergebnissen komme. „Es bewegt sich was, und das ist gut und richtig. Allerdings müssen wir dringend das Tempo erhöhen. Wir haben nicht mehr viel Zeit.“