Tourismus

Ostsee-Badeorte könnten dem Klimawandel zum Opfer fallen

Anfang Januar 2019: Die Promenade in Travemünde ist überflutet.

Anfang Januar 2019: Die Promenade in Travemünde ist überflutet.

Foto: Bodo Marks / dpa

Neue Klima-Anpassungsstrategie für die Küste: Infrastruktur muss verlagert werden, Hotspots könnten sich verschieben. Die Pläne.

Kiel. An welchen Stellen ist eine Weiterentwicklung des Tourismus an der Ostseeküste langfristig sinnvoll, wo ist Küstenschutz geboten? Antworten auf diese Fragen soll eine neue Strategie liefern, die Umwelt- und Tourismusministerium gemeinsam mit Vertretern der Region und Wissenschaftlern der Kieler Universität entwickeln wollen. „Wir haben in der Vergangenheit viele Fehler gemacht“, sagte Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) am Montag. Als Beispiel nannte er Bauwerke, die zu nah an der Küste errichtet wurden. „Lange Zeit gab es da keine großen Abstandsregelungen“, sagte er. In den vergangenen Jahren hatten Sturmfluten immer wieder für Schäden vor allem an Stränden an der Ostsee gesorgt, die mit Millionenaufwand ausgebessert wurden.

Grundlage für die Ziele der Strategie soll ein morphologisches Modell der Küste sein, an dem Forscher der Christian-Albrechts-Universität in den kommenden zwei Jahren mit Wissenschaftlern der Technischen Universität Hamburg-Harburg arbeiten werden. Der Klimawandel gehe mit einem erwarteten Anstieg des Meeresspiegels um 0,84 Meter bis Ende des Jahrhunderts einher, sagte Albrecht. „Dabei geht es auch um die Frage: Macht es an bestimmten Orten Sinn, sich touristisch weiterzuentwickeln?“ Was er nicht sagte: Manche Bäderorte könnten dem Klimawandel durchaus zum Opfer fallen.

Einklang zwischen wirtschaftlichen und ökologischen Interessen erreichen

Für Tourismusminister Bernd Buchholz (FDP) ist das Ziel der Einklang zwischen wirtschaftlichen und ökologischen Interessen. „Da wird der Tourismus nicht alles kriegen können, aber er wird auch nicht nichts kriegen dürfen.“ Denn die Branche sei eine der Lebensadern der norddeutschen Wirtschaft. Klar sei aber auch: Steuergeld in der Ostsee zu versenken „kann nicht das Ziel sein“.

Dieses „Versenken“ hatte Buchholz schon Anfang des Jahres beklagt. Immer öfter reißen Sturmfluten Ostseestrände weg. 2017 sorgte Sturmtief „Axel“ für enorme Schäden. Im Januar dieses Jahres waren „Zeetje“ und „Benjamin“ ähnlich unheilvoll. In Heiligenhafen wurde der Strand, der 2017 für viel Geld aufgeschüttet worden war, 2019 wieder komplett weggerissen. Schäden wurden auch aus Sierksdorf, Fehmarn, Wangels, Laboe, Schönberg, Heikendorf, Damp, Schönhagen und der Geltinger Bucht gemeldet. Viele dieser Orte waren auch 2017 betroffen. Kein Wunder, dass Tourismusminister Buchholz im Januar im Landtag sagte: „Der Sand, der aufgespült wurde, ist wieder weg.“

Weite Teile der Ostseeküste sind nicht eingedeicht

Der Schutz der 540 Kilometer langen Ostseeküste falle im Vergleich zur Nordsee wesentlich komplexer aus, sagte Umweltminister Albrecht. „Die Abbrüche von Steilküsten an der einen Stelle sind die künftigen Sandstrände an anderer Stelle.“ Dennoch müssten Steilküsten künftig wohl stärker geschützt werden. Landesschutzdeiche existieren an der Ostsee nur auf einer Länge von 120 Kilometern. Sie schützen rund 60.000 Menschen, die dahinter leben, und Sachwerte in Höhe von sieben Milliarden Euro.

Wir werden nicht umhinkönnen, in der Zukunft auch touristische Infrastruktur zu verlagern.

Umweltminister Jan Philipp Albrecht

Für seinen Kabinettskollegen Buchholz waren die Schäden an den Küstenbadeorten 2017 und 2019 Vorboten dessen, was Land und Menschen in den kommenden Jahrzehnten droht. Im Frühjahr hatte die Regierung den Tourismusorten eine Million Euro bereitgestellt, um Schäden etwa an Promenaden, Wegen und Seebrücken zu beseitigen. Sie unterstützte auch die Behebung von Schäden an Stränden, Strandwällen und Dünen in touristisch relevanten Strandabschnitten.

Veränderungen beim Küstenschutz

Für Umweltminister Albrecht ist bereits klar, dass Veränderungen beim Küstenschutz und dem Tourismus notwendig sein werden: „Wir werden nicht umhinkönnen, in der Zukunft auch touristische Infrastruktur zu verlagern.“ An bestimmten Orten entlang der Küste sei touristische Entwicklung nur noch begrenzt möglich, Hotspots könnten sich verschieben. „Ich kann jetzt aber nicht sagen, welcher Ort das ist.“

Da die Bereiche Küstenschutz, Tourismus und Naturschutz schwerpunktmäßig betroffen sind, wird die Klima-Anpassungsstrategie von einer gemeinsamen Projektgruppe des Umwelt- und des Wirtschafts- und Tourismusministeriums entwickelt. Minister Jan Philipp Albrecht: „Die Umsetzung der Strategie für die Ostseeküste erfolgt naturgemäß in der Region. Daher ist es unabdingbar, dass ihre Erstellung von der Region aktiv begleitet wird.“

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Unter anderem wurde eine Kooperation mit dem Institut für Geowissenschaften der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und dem Institut für Wasserbau der Technischen Universität Hamburg-Harburg eingegangen, um die natur- und ingenieurwissenschaftlichen Grundlagen zu ermitteln. Minister Buchholz: „Wir brauchen diese Grundlagen, wir brauchen aber vor allem auch konkrete Handlungsempfehlungen, die wir den betroffenen Tourismus-Orten an die Hand geben können.“ mit dpa