Verkehr

Chaos ohne Ende: Bahn wird im Norden immer unpünktlicher

Spezialisten der Bahn reparieren bei Pinneberg die Oberleitungen auf der Bahnstrecke Hamburg-Niebüll.

Spezialisten der Bahn reparieren bei Pinneberg die Oberleitungen auf der Bahnstrecke Hamburg-Niebüll.

Foto: Daniel Friederichs / dpa

Urlaubszeit ist Reisezeit – doch ausgerechnet jetzt häufen sich Ausfälle und Verspätungen, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Hamburg.  Die Vorfreude auf den Urlaub ist groß. Mit Koffern bepackt steht die Familie auf dem Bahnsteig, aus dem Rucksack der Kinder ragen Schnorchel in die Luft. Jetzt muss nur noch der Zug kommen. Tut er aber nicht. „Technische Störung an der Lok“, meldet die Bahn. Und auch an den Tagen zuvor brauchten Reisende Richtung Nord- oder Ostsee am Hamburger Hauptbahnhof Durchhaltevermögen: „Signalstörung“ hieß es erst, dann gab es einen „kurzfristigen Mitarbeiterausfall“ und eine „verspätete Bereitstellung“, bis der Zug endlich einfuhr.

In einer Zeit, in der nicht wenige Deutsche auch wegen der "Fridays for Future"-Proteste erstmals mit dem Zug verreisen wollen, verschlechtert sich die Zuverlässigkeit der Bahn. Zwar investieren Bund und Bahn in den kommenden zehn Jahren 86 Milliarden Euro, wie Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) jetzt mitteilte. Doch bis das Geld wirklich dort ankommt, wo die Probleme liegen, werden von und nach Hamburg noch etliche Züge ausfallen.

Pünktlichkeit Sylt-Hamburg: 79 Prozent

Betroffen ist derzeit auch die Strecke Sylt-Hamburg: Auf der Verbindung Westerland-Hamburg kam die Bahn laut einer Statistik des Nahverkehrsverbunds Schleswig-Holstein (Nah.SH) noch auf eine Pünktlichkeit von 85 Prozent. Im Juni sank sie auf 79 Prozent. Nicht nur die Urlauber sind von der langwierigen Anreise so genervt, dass viele auf die Flugverbindung nach Sylt ausweichen. Auch Pendler, die saisonbedingt auf die Insel müssen, sind betroffen.

Sylt ist nicht die einzige Schwachstelle des Schienenverkehrs im Norden. So erreicht auch die Verbindung Flensburg-Hamburg nur noch eine Pünktlichkeit von 81 Prozent. Die Pünktlichkeit der Strecke nach Lübeck, auf die ebenfalls Zehntausende Ostseeurlauber setzen, hat sich von Januar bis Juni von 95 Prozent auf 87 Prozent verschlechtert. Bei den Zügen nach Kiel erreicht derzeit jeder fünfte sein Ziel nicht pünktlich, ergibt die Nah.SH-Auswertung.

CDU beklagt miserables Info-Management

Lukas Kilian, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion in Schleswig-Holstein, kritisiert die Zustände für Passagiere im Norden. „In ganz Schleswig-Holstein kommt zu der Unzuverlässigkeit auch ein miserables Informationsmanagement. Im Zeitalter der Digitalisierung müssten Kunden eigentlich viel frühzeitiger über Ausfälle, Ersatzrouten und nächste Verbindungen informiert werden“, sagt er.

Tatsächlich strapaziert die Bahn mit teilweise kuriosen und unverständlichen Meldungen die Nerven ihrer Kunden. „Außerplanmäßiger Parktausch“, „erhöhter Fahrzeugschadstand“ oder „Zugkreuzungen“, gibt der Konzern gern als Gründe auf seinem Twitter-Kanal an.

Welche Ursachen haben die Behinderungen im Norden also wirklich?

Bahn verweist auf aktuelle Bauprojekte

Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn, der sich für die Interessen der Zugpassagiere einsetzt, beklagt jahrzehntelange Versäumnisse beim Ausbau der Infrastruktur. Schleswig-Holstein stehe nicht so im Fokus der Politik wie die Mitte Deutschlands. „Es ist etwas anderes, wenn ich verspätet in Kiel ankomme als verspätet am Frankfurter Flughafen“, sagt Naumann. Daher sei das Schienennetz hier weniger gut ausgebaut als in anderen Regionen.

Das betreffe die oft eingleisige Strecke nach Sylt, die nach langem Zögern jetzt doch ausgebaut werden soll, aber auch die Verbindung nach Lübeck, wo erst die neue S4 für Entlastung sorgen wird. Diese Pläne würden seit Ende der 70er Jahre verfolgt, doch jetzt erst umgesetzt. „Die Planungsprozesse müssen beschleunigt werden“, fordert der Verkehrsexperte.

Veraltete Technik bei den Bahnübergängen

Die Deutsche Bahn verweist auf aktuelle Bauprojekte. So verzögerten die Bahnsteigerneuerung im Hamburger Hauptbahnhof, Arbeiten auf der Strecke Kiel-Neumünster oder die Gleiserneuerung in Elmshorn die Abläufe.

Doch auch die veraltete Technik bei den Bahnübergängen im Norden führe zu Problemen, beklagt Naumann. Oft senkten sich die Schranken nicht wie vorgesehen, so dass Lokführer an den Bahnübergängen aussteigen und das Schließen manuell auslösen müssten. „Dafür muss der Lokführer eigens den Zug anhalten“, beklagt Naumann. Das führe automatisch zu Verzögerungen.

Und selbst wenn die Technik auf dem aktuellen Stand ist, bedeutet das nicht automatisch einen reibungslosen Ablauf. Die neuen Twindexx-Züge der Bahn funktionieren fast ausschließlich softwarebasiert: von der Antriebstechnik über die Türsteuerung bis hin zur Klimatisierung. Allerdings führt das Mehr an Technologie auch zu einem Mehr an Ausfällen. Mitte Juni konnten statt der benötigten 15 nur zehn Triebzüge eingesetzt werden, heißt es bei der Deutschen Bahn.

Nicht jeder Lokführer darf jedes Modell fahren

Die verschiedenen Lokgenerationen haben zudem die Folge, dass nicht jeder Lokführer jedes Modell fahren darf. Fast täglich mutet die Bahn ihren Kunden zudem überfüllte Waggons zu. Die Meldung „Mitfahrt nicht garantiert“ gehört an Feiertagen oder zu Events wie der Kieler Woche schon zum Standard auf der Twitterseite der Bahn.

Das Problem: Nur bei Veranstaltungen mit großer Bahnnachfrage wie Fußballspielen werden zusätzliche Züge eingesetzt. „Dass es Spitzenzeiten geben kann, in denen es eng wird, lässt sich nicht immer vermeiden“, kommentiert Nah.SH die Situation. Größere Reserven vorzuhalten würde die Steuerzahler sehr viel Geld kosten.

Doch wer ist für die Organisation des Zugverkehrs in Schleswig-Holstein verantwortlich? Die Nah.SH, ein öffentlicher Betrieb, konzipiert das Fahrplanangebot auf den jeweiligen Linien und legt die vorzuhaltende Kapazität je Zugfahrt fest. Das geschieht im Auftrag des Landes. Im Rahmen von europaweiten Ausschreibungen haben Eisenbahnfirmen die Möglichkeit, sich auf die jeweiligen Verkehrsleistungen zu bewerben.

DB Regio im Westen (Syltstrecke) bildet das Schlusslicht

Weicht das Verkehrsunternehmen, wenn es den Zuschlag bekommen hat, von den definierten Vorgaben wie zum Beispiel Pünktlichkeit, Platzkapazitäten oder Ersatzbeförderung ab, greifen vertraglich festgelegte Sanktionsmaßnahmen – sprich Strafzahlungen des Verkehrsunternehmens an die Nah.SH. Im Norden eingesetzt sind etwa die AKN und DB Regio Schleswig-Holstein (Tochter der Deutschen Bahn).

Die Qualität der Leistung und die Zufriedenheit der Fahrgäste wird mehrmals im Jahr vom Nah.SH mit Kundenbefragungen im Zug und eigenen Gutachten überprüft. Ergebnis: Die DB Regio im Westen (Syltstrecke) bildet das Schlusslicht. Die Marschbahn auf die Insel ist auch der Betreiber, der den größten Anteil an den Strafzahlungen wegen nicht erbrachter Leistungen zahlen muss. Dort sind etwa im Februar, März und April 2018 Vertragsstrafen von je 350.000 Euro verhängt worden. Im Mai 2018 wurde die Strafe auf 500.000 Euro erhöht, sagt Lukas Kilian.

CDU bemängelt Investitionsstillstand über Jahrzehnte

„Der Bahnverkehr in Schleswig-Holstein ist weit von dem entfernt, was wir uns unter attraktiver und klimagerechter Mobilität vorstellen“, kritisiert der Landesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen Schleswig-Holstein, Steffen Regis. „Es ist dringend an der Zeit, mehr ins Schienennetz statt in Straßen zu investieren – auch das ist effektive Klimaschutzpolitik“. Kai Vogel, verkehrspolitischer Sprecher der SPD im schleswig-holsteinischen Landtag, sieht ebenfalls Versäumnisse: „Die Personalnot, Mängel in der Infrastruktur sind seit Jahren bekannt und müssen genau dann angegangen werden, wenn sie bekannt werden und nicht erst dann, wenn der öffentliche Druck den Konzern treibt“.

Der verkehrspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Hans-Jörn Arp, bemängelt verschleppte Investitionen: „Die Bahn hat in Schleswig-Holstein über Jahrzehnte mit einem Investitionsstillstand geglänzt. Das zweite Gleis sowie die Elektrifizierung der Strecke der Marschbahn hätte schon lang gebaut sein können“, sagte der Politiker. Ebenso sei es mit dem dritten Gleis zwischen Hamburg und Elmshorn. „Durch frühzeitiges Erkennen und Anpacken hätten wir heute nicht die vielen baustellenbedingten Ausfälle zu verzeichnen.“