Schäfer in Sorge

Problemwolf: "Stimmung in Dithmarschen auf dem Tiefpunkt"

Schafe wie hier in Westerhever sind für die Deichpflege extrem wichtig. Unklar ist, wie man die Tiere dort vor Wölfen schützen kann.

Schafe wie hier in Westerhever sind für die Deichpflege extrem wichtig. Unklar ist, wie man die Tiere dort vor Wölfen schützen kann.

Foto: dpa Picture-Alliance / Bodo Marks / picture alliance / dpa

Wölfe reißen immer mehr Schafe in Schleswig-Holstein: Belastungsprobe für „Jamaika“-Koalition. Schafhalter lehnen Zaunpläne ab.

Kiel.  Mit dem Auftauchen eines weiteren Wolfes in Schleswig-Holstein wächst die Sorge der Schäfer vor dem Raubtier. Der Rüde mit der Bezeichnung GW900 ist aus Dänemark eingewandert und reißt seitdem nahezu jede Nacht Schafe – zumeist im Kreis Dithmarschen. Als Reaktion darauf will der Kieler Umweltminister Jan Philipp Al­brecht (Grüne) sogenannte „Wolfspräventionsgebiete“ ausweisen.

Dort sollen die großen Schafhalter ihre Weiden dauerhaft einzäunen. Mit dieser weiteren Verkomplizierung ihrer Arbeit sind die Schafhalter nicht einverstanden. „Wir wissen nicht, wie wir das schaffen sollen“, sagt Janine Bruser, Geschäftsführerin des Landesverbands der Schaf- und Ziegenzüchter. Der Wolf, der unter strengem Artenschutz steht, wird gerade zum Prüfstein für diesen Artenschutz: Wie weit darf er gehen? Wo findet er seine Grenzen?

Ein Rudel, das Schafe jagt

Schleswig-Holstein mit seiner waldarmen Landschaft ist nicht gerade ideal für die Raubtiere. Dennoch haben sich dort schon zwei Wölfe niedergelassen. Einer ernährt sich nur von Wild, der andere hat sich auf Schafe spezialisiert. GW924 heißt er, er ist ein Bruder von GW900. Im Ministerium befürchtet man, dass beide sich daran gewöhnen könnten, Schafe zu fressen.

Sollte sich einer von ihnen gar mit der bisher unauffälligen Wölfin paaren, könnte ein Rudel entstehen, das Schafe jagt. Um das zu verhindern, sollen nun in den vier Kreisen Dithmarschen, Pinneberg, Steinburg und Segeberg die Weiden dauerhaft eingezäunt werden. Im Sommer geht es los. Bis die Elektrozäune überall aufgebaut sind, werden viele Monate vergehen.

Bezahlt werden die Schutzvorrichtungen vom Land Schleswig-Holstein. 1,1 Millionen Euro stehen dafür vorerst bereit. Viel Geld für ein paar Wölfe. Das Aufstellen der Zäune sollen die Schäfer übernehmen. „Das können wir nicht leisten“, sagt Janine Bruser. Wie viele Kilometer Zaun benötigt, kann weder Bruser noch das Ministerium sagen. Klar ist nur: Es werden sehr viele Kilometer werden.

Belastungsprobe für Koalition

Klar ist auch, dass dieser Zaun zwar möglicherweise die Schafe davor bewahrt, dem Wolf zum Opfer zu fallen, dass er zugleich aber auch für viele andere Tiere ein Hindernis darstellt. „Die Einzäunung wird am Ende kontraproduktiv sein“, sagt deshalb Heiner Rickers, der agrarpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion. „Wir bauen Wildbrücken über Autobahnen, um die Biotope miteinander zu vernetzen. Das ist ein wichtiges Naturschutzziel. Mit den Zäunen machen wir nun aber das genaue Gegenteil.“

Rickers sieht Schleswig-Holsteins Umgang mit dem Wolf schon seit Längerem kritisch. Für die „Jamaika“-Koalition, der Rickers und Albrecht angehören, sind die drei Tiere zur Belastungsprobe geworden. Christdemokrat Rickers hält „nicht so viel“ von den Zaun-Ideen des Grünen Albrecht. Die kämen viel zu früh, sagt er. Ihm ist es wichtiger, dass erst einmal der Wolf GW924 erlegt wird. „Der Minister muss liefern“, sagt Rickers. „Die Nerven der Schafhalter liegen blank.“

Noch kein Jagderfolg

GW924 hatte in der Vergangenheit mehrfach wolfssichere Zäune übersprungen und Tiere gerissen. Damit erfüllt der Rüde das „Problemwolf“-Kriterium. Seit dem 31. Januar darf er – amtlich genehmigt – abgeschossen werden. Aber bislang hat sich der Jagderfolg nicht eingestellt. Viele Schafhalter würden endlich Ergebnisse sehen wollen, sagt Rickers. „Dann wäre bei ihnen vielleicht auch die Bereitschaft höher, überall Zäune hinzustellen.“

Rickers ist der Ansicht, dass „es so nicht weitergehen kann“. Seiner Ansicht nach bedarf der Wolf keines Schutzes mehr. „Bei rund 1000 Tieren, die es in Deutschland mittlerweile gibt, muss die EU den Artenschutz aufheben.“

Die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf kann diese Zahl nicht bestätigen. 58 Rudel leben derzeit in Deutschland. Immerhin ist die Reproduktionsrate seit ein paar Jahren recht stabil. Mehr als 200 Welpen werden pro Jahr geboren.

Anstieg der Risse

Auch die Zahl der Totfunde steigt. 2015 waren es bundesweit 33 Wölfe, 2018 bereits 80. In diesem Jahr wurden schon 15 tote Tiere gefunden.

Während sich in Sachsen und Brandenburg Wölfe bereits seit Längerem aufhalten, ist Schleswig-Holstein gewissermaßen Neuland. Seit 2007 bis Ende April 2018 wurden 23 Nutztierrisse gezählt, die nachweislich von Wölfen stammten. Seit Mai sind 101 Risse hinzugekommen – ein extremer Anstieg.

Janine Bruser vom Schafzüchterverband sagt: „Die Stimmung in Dithmarschen ist auf dem Nullpunkt.“ Rund 62.000 Tiere gibt es dort, 241 Betriebe verdienen ihr Geld mit Schafen. Anfang März beginnt die Lammzeit, dann kommen die Tiere in den Stall. Ende April müssen sie wieder raus. Den Schafzüchtern bangt vor dem Termin.

"Die Zahl der Wölfe wird zunehmen"

Jan Philipp Albrecht (Grüne) ist seit September 2018 Umweltminister in Schleswig-Holstein. Im Abendblatt- Interview plädiert er für einen Ausgleich zwischen Natur- und Artenschutz.

Ist es sinnvoll, eine einzelne Art aufwendig zu schützen, wenn damit – wie im Fall Wolf – Nachteile für den Naturschutz verbunden sind ?

Albrecht: Wir wollen alles daransetzen, den Wolf zu schützen. Er steht zu Recht unter Artenschutz. Allerdings glaube ich, dass es keine Art gibt, die vorrangig vor anderen zu schützen wäre. Wolfsschutz steht nicht über allem. Richtig ist, dass es gerade beim Wolf Widersprüche zwischen Artenschutz und Naturschutz gibt. Die Einzäunung schützt Schafe, ist aber für andere Arten nachteilig. Wir müssen also einen Ausgleich finden.

Wie wollen Sie die Schafe im Deichvorland schützen?

Albrecht: Die Deiche und das Deichvorland können wir nicht einzäunen, deshalb brauchen wir da andere Lösungen. Gemeinsam mit Niedersachsen werden wir praktikable Antworten hierauf bei der EU und dem Bund einfordern. Auch für die eventuelle Entnahme von Wölfen in diesen Bereichen braucht es Klarheit über die Kriterien.

Was wollen Sie mit den Wolfspräventionsgebieten erreichen?

Albrecht: Durch Förderung von Zäunen wollen wir zunächst für die großen Schafhaltebetriebe den Grundschutz erhöhen. Es geht um etwa 50 Betriebe, die rund 60 Prozent aller Schafe in den genannten vier Kreisen halten. Es geht um mehrere Hektar, die einzuzäunen sind. Der Etat für unser Wolfsmanagement liegt bei 1,1 Millionen Euro, das reicht für den Einstieg in die Zäunung. Im Sommer wollen wir damit beginnen.

Wie wird sich die Wolfspopulation in Schleswig-Holstein entwickeln?

Albrecht: Die Zahl der Wölfe wird in den kommenden Jahren sicherlich zunehmen. Wie viele es werden, ist unklar. In einigen Regionen Schleswig-Holsteins gibt es wenig Wildtierbestände. Wenn wir dem Wolf mit den Zäunen gezeigt haben, dass die Jagd auf Nutztiere schwierig ist, dann wird er sich in diesen Regionen nicht halten können.