Kreis Pinneberg

Bauer gewährt jungen Wildschweinen Asyl

Zurzeit haben Lilli (4,l.) und Lea (8), die Töchter des Landwirts Jan Hachmann, viel Spaß mit den Wildschweinbabys auf dem Hof ihrer Eltern

Zurzeit haben Lilli (4,l.) und Lea (8), die Töchter des Landwirts Jan Hachmann, viel Spaß mit den Wildschweinbabys auf dem Hof ihrer Eltern

Foto: Klaus Bodig / Klaus Bodig / HA

Spaziergänger nehmen drei Frischlinge mit nach Hause. Nun kümmert sich eine Landwirtsfamilie um die Tiere.

Bokel.  Im Rudel flitzen sie über die grüne Wiese und quieken vergnügt: Frechdachs, Knabber und Lillifee. Ein Junge und zwei Mädchen, drei Wildschweinbabys. Und inmitten dieses Treibens stehen Lea (8) und Lilli (4), die Töchter des Hauses, mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Wann immer ihnen danach zumute ist, greifen sie sich eines der beige-braun gestreiften, etwa 30 Zentimeter langen Tiere, nehmen es in den Arm und streicheln es wie ihr liebstes Kuscheltier. Es ist das Bild von perfekter Idylle, das sich dem Besucher in einem Bauernhausgarten bei Bokel im äußersten Norden des Kreises Pinneberg bietet.

Und doch ist es ein Bild, das es so besser nicht hätte geben dürfen. Denn dies ist in erster Linie nicht die Erzählung von drei Wildschweinen, die – vorübergehend – zu Haustieren geworden sind. Es ist vor allem die Geschichte von einer ziemlich großen Dummheit. Sie beginnt am Sonnabend vor drei Wochen am Bokeler See etwa vier Kilometer südöstlich des Elternhauses von Lea und Lilli. An diesem Tag „finden“ Spaziergänger die drei Frischlinge – unter welchen Umständen genau, ist bis heute ungeklärt und wird es wohl auch bleiben. Jedenfalls beschließen die Ausflügler, die niedlichen Tiere mit nach Hause zu nehmen.

Wildtierauffangstation lehnte Aufnahme ab

Daheim müssen sie dann eine Eingebung gehabt haben, für die Jan Hachmann, Leas und Lillis Vater, heute folgende Worte findet: „Oh, wir können uns gar nicht um drei Wildschweine kümmern.“ Er kann. Der 37-Jährige ist Landwirt und Jäger, er kennt sich mit den Tieren aus. Gerade deshalb weiß er auch, dass er sich gerade eines unter Umständen sehr langfristigen Projekts angenommen hat. „Die werden ja nie wieder ausgewildert werden können.“

Aus diesem Grund scheitern am Sonnabend vor drei Wochen auch die Spaziergänger vom Bokeler See mit ihrem ersten Versuch, die Tiere in kompetente Hände weiterzugeben. Die Wildtierauffangstation im nahen Klein Offenseth-Sparrieshoop lehnt es ab, den drei Wildschweinbabys Unterschlupf zu gewähren. Leiter Christian Erdmann erklärt das heute so: „Ich habe zurzeit schon sieben Frischlinge aus dem Lauenburgischen, deren Mutter, die Bache, überfahren worden ist.“

Drei weitere wären einfach zu viel für seine Einrichtung gewesen, „denn ich werde die ja nicht wieder los“. Das liege daran, dass Wildschweine als sogenanntes Schadwild eingestuft sind, von dem es schlicht viel zu viel gibt und das deshalb nicht ausgewildert werden darf. Wildparks sind eine Alternative. Erdmann: „Das letzte Mal, als ich erfolgreich Wildschweinbabys losgeworden bin, habe ich 160 angeschrieben.“

Nach der Absage aus Klein Offenseth-Sparrieshoop rufen die Spaziergänger bei der Polizei an. Die Beamten informieren den für das Revier zuständigen Jagdpächter – Leas und Lillis Vater. Und der bringt nicht fertig, was auch eine legale Lösung gewesen wäre: die süßen Frischlinge zu töten.

So leben die drei nun auf einem 50-Hektar-Hof mit 180 Milchkühen und 100 Mastbullen. „Sie sind schon kräftig gewachsen“, sagt Hachmann, „als wir sie bekamen, konnte ich noch alle gleichzeitig in die Hände nehmen.“ In der Natur würden sie nachts aneinander gekuschelt unter einem Reisighaufen Wärme finden, auf dem Hof schlafen sie im Heizungsraum unter einer Wärmelampe. In der Natur würden sie Muttermilch trinken und Getreide probieren. „Ich habe herausgefunden, dass sie gern Milch mit Haferflocken mögen“, sagt Jan Hachmann. Dann wirft er zwei, drei Maiskolben auf den Rasen, und schon kommen sie wieder angesaust.

Auch wenn sich die Bauersfamilie gut mit ihren neuen Mitbewohnern arrangiert hat – Jan Hachmann hätte es besser gefunden, wenn es nie zu dieser Situation gekommen wäre. Selbst wenn er die Frischlinge auswildern dürfte, würden sie sich in der Natur anders verhalten als ihre Artgenossen. „Sie wären Menschen gegenüber aggressiver, weil sie keinen Respekt mehr vor ihnen haben“, sagt er.

Wildtiere nicht mit nach Hause nehmen

Und er gibt zu bedenken, dass an jenem Sonnabend vor drei Wochen die Spaziergänger vom Bokeler See sich selbst in große Gefahr gebracht haben. Hachmann: „Wenn eine Bache mitbekommt, dass sich jemand an ihren Kindern zu schaffen macht, dann bekommt derjenige ein wirklich großes Problem.“

Deshalb appelliert er an alle, die vermeintlich herrenlose Wildtiere sehen, sie nicht anzufassen und nicht mit nach Hause zu nehmen. Wer es für nötig halte, solle lieber einen Jäger rufen. Und wo man den findet? „Die Polizei hat die Nummern aller Revierpächter“, sagt Hachmann.

Bald wird auch er einen Wildpark finden müssen, der Frechdachs, Knabber und Lillifee aufnimmt. Oder ihnen ein Gehege auf seinem Grundstück bauen. „Zwei Wochen noch, dann werden sie sich von den Mädchen nicht mehr auf den Arm nehmen lassen.“