Mythos und Wirklichkeit

Rungholt – Die Stadt, die für immer im Meer versank

Die Geschichte von Rungholt wird schon seit vielen Jahren erforscht – und noch immer werden neue fundstücke entdeckt

Die Geschichte von Rungholt wird schon seit vielen Jahren erforscht – und noch immer werden neue fundstücke entdeckt

Foto: Andreas Busch

1352 wurde der Ort zum Atlantis des Nordens. Wurden Bewohner Opfer ihrer Technikgläubigkeit? Schau in Husum zeigt spektakuläre Funde.

Wieder und wieder hatte es in den Jahrhunderten und auch Jahrzehnten vor dem Jahr 1362 an der Küste Nordfrieslands schon schwere Sturmfluten gegeben; die Alten in den Dörfern an der Küste erzählten daher oft davon, wie ganze Häuser, Ställe und Äcker vom brodelnden Wasser weggerissen wurden. Man hörte zu, doch hinter den neuen Deichen fühlte man sich auch sicher. Konnte man nicht schon vier Meter hohe Bollwerke bauen?

Doch in den Tagen vor dem 15. Januar 1362 braute sich dann ein Orkan zusammen, der zu einer gigantischen Katastrophe anschwoll. Als „Erste Grote Mandränke“ wird diese Sturmflut später beschrieben. Es gibt Berichte von 100.000 Toten an den Küsten von Schleswig-Holstein und Ostfriesland – und das bei einer erheblich dünneren Besiedelung als heute.

Rungholt wird zum Atlantis des Nordens

Auch später ertranken immer wieder Tausende Menschen in Norddeutschland, als Deiche brachen und das Land überspült wurde. Doch die Sturmflut von 1362 ist mit einem Ortsnamen verbunden, um den sich etliche Mythen und Sagen ranken: Rungholt, die Stadt, die damals für immer im Meer verschwunden ist. Das Atlantis des Nordens, wie es manchmal hieß.

Aber es gab sie wirklich, wie Funde von Archäologen gezeigt haben. Reste einer Schleuse, Keramiken und Fundamente alter Brunnen entdecken Forscher im Watt zwischen Pellworm und Nordstrand bis heute.

Traf Rungholt eine göttliche Strafe?

Doch was ist Mythos, was war Re­alität? Wie lebten die Menschen dort damals? Um solche Fragen geht es in einer Sonderausstellung zu Rungholt, die jetzt vom 29. Mai bis zum 29. Januar 2017 im NordseeMuseum Husum gezeigt wird.

Sie gilt als die bisher umfangreichste ihrer Art: „Das Besondere ist daran, dass hier viele verschiedene wissenschaftliche Disziplinen von der Germanistik bis zur Archäologie zusammengekommen sind“, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums, Tanja Brümmer. Zahlreiche Fundstücke, der aktuelle Forschungsstand und natürlich die vielen Geschichten, die sich um den geheimnisvollen Ort ranken, werden dort gezeigt und beschrieben.

Und Sagen gibt es zu Rungholt reichlich: Das mag vor allem darin liegen, dass es anders als etwa zu den Folgen der 2. Groten Mandränke rund 300 Jahre später kaum schriftliche Zeugnisse oder gar Dokumente des Geschehens gibt. Dafür aber umso mehr Erklärungsversuche späterer Generationen.

Und wie so oft bei Naturgewalten sahen besonders Vertreter der Religion darin eine Art göttliche Strafe. Die Menschen der Stadt werden in diesen Geschichten als wohlhabend und wenig gottgefällig beschrieben – sodass sie schließlich die Quittung für ihr schändliches Tun bekamen. „Die Menschen waren eben sehr gläubig, und es erschien ihnen logisch“, sagt Tanja Brümmer.

Mythos von der reichen und gottlosen Stadt

Eine andere Erklärung, warum plötzlich ein ganzer Landstrich verschwunden war, habe man kaum gefunden. Als eine Art Urfassung gilt dabei die Rungholt-Sage des Nortorfer Pastors Samuel Meigerius, der sie 1587 geschrieben hatte. Der Mann der Kirche beschrieb die Rungholter als Menschen, die sich zu Beginn der „lutherischen evangelischen Wahrheit“ als „Verächter des Wortes Gottes“ gezeigt hätten.

So vor allem ein reicher „Trunkenbold“, der sich über einen Prediger lustig gemacht hatte. Er bat ihn um Hilfe für einen Kranken, legte dann aber eine Sau ins angebliche Krankenbett. In späteren Versionen zwang man den gottgefälligen Pastor zudem, sich an einem Zechgelage zu beteiligen.

Immer wird Rungholt in diesen Geschichten auch als reiche Stadt beschrieben, in der es bis zum Überfluss zu essen und zu trinken gab und deren Bewohner sich angesichts hoher Deiche nicht mehr vor der Nordsee fürchteten.

Wissenschaftliche Erkenntnisse

Doch wie sah es tatsächlich in Rungholt aus? Und warum kam es zu solch hohen Opferzahlen? Zunächst gab es damals schon abrupte Umweltveränderungen wie einen Meeresspiegelanstieg, heißt es im Begleittext zur Ausstellung.

Aber auch durch den Deichbau und die Gewinnung neuer Landflächen veränderte sich die Küstenlandschaft, die weitreichende Bedeichung führte beispielsweise auch zu einem Anstieg des Tidenhubs. Die Küstenbewohner bauten hohe Deiche, rangen dem Meer immer mehr Land ab.

Zu dieser Zeit war Rungholt eine Art Hauptort in einem Verwaltungs­bezirk, einer sogenannten Edomsharde. Viel spricht dafür, dass es den Bewohnern tatsächlich für ihre Zeit einigermaßen gut ging. Es wurde wohl vor allem mit Salz gehandelt – und mit Vieh und Bernstein, Käse, Wolle und Milch.

Rungholt, so lässt sich aus alten Urkunden deuten, war so etwas wie ein Handelszentrum. Auch importierte Güter konnten von Forschern nachgewiesen werden, etwa spanisch-maurische Lüsterkeramik mit arabischen Schriftzeichen.

Die Quellen der Forscher

Wie viele Menschen in der Stadt lebten, lässt sich nicht genau feststellen. Lebten in Rungholt sogar 10.000 Menschen, 7000 oder nur 500? Rungholt-Forscher versuchen dabei auch aus der Zahl der alten Brunnen auf eine Zahl zu schließen. Bis vor Kurzem ging man daher von etwa 1000 Bewohnern aus, doch in jüngerer Zeit gab es neue Brunnenfunde.

Auch Essensreste in Krugscherben und Knochenreste fanden die Forscher. Vegane Küche kannte man demnach seinerzeit nicht: Rinder, Ziegen, Hühner, Gänse – das stand reichlich auf dem Speiseplan. Dazu Dinkel und Gerste.

Dieses reichhaltige Angebot ist zugleich ein Indiz dafür, dass die Menschen damals schon ein sehr feines Entwässerungssystem angelegt hatten. Denn nur so sei an der Küste Viehzucht und Ackerbau möglich gewesen. Bis eben Sturmfluten alles wieder zunichtemachten.

Wurden die Rungholter Opfer der Technikgläubigkeit?

Zwei Punkte haben die Forscher inzwischen ausgemacht, die dafür mit verantwortlich waren. Zum einen war der Ort auf Sand gebaut, sodass er von der Flut leicht fortgespült werden konnte. Die bis zu vier Meter hohen Deiche versprachen aber auch eine trügerische Sicherheit, die Rungholter trauten sich sogar, unterhalb des Meeresspiegels den begehrten Salztorf, das „Friesensalz“, abzubauen – was sich bei der Flut wohl als verheerend auswirkte. „Man kann es Technikgläubigkeit nennen“, sagt Ausstellungsmacherin Tanja Brümmer.

Rungholt ist zwar nicht das Resultat einer göttlichen Strafe – einen wahren Kern haben diese Mythen der stolzen und selbstüberzeugten Rungholter aber eben schon. Das Schicksal der vom Wasser verschlungenen Stadt bleibt daher eine Mahnung. Bis heute.

Eintritt und Öffnungszeiten

Das NordseeMuseum in Husum im Ludwig-NissenHaus, Herzog-Adolf-Straße 25, ist Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet, vom 16. Juni

bis 15. September täglich von 10 bis 17 Uhr

Infos: www.rungholt-ausstellung-husum.de