Flüchltingskrise

Europa vor der Zerreißprobe – Jedes Land macht, was es will

| Lesedauer: 12 Minuten
Jens Meyer-Wellmann
Nachdem sie nicht weiter mit dem Zug fahren durften, machten sich viele der Flüchtlinge zu Fuß auf den Weg nach Schweden

Nachdem sie nicht weiter mit dem Zug fahren durften, machten sich viele der Flüchtlinge zu Fuß auf den Weg nach Schweden

Foto: Bax Lindhardt / dpa

Unser Autor geriet auf der Reise nach Dänemark ins Bahnchaos mit Asylsuchenden. Eine emotionale Bestandsaufnahme der Zukunft Europas.

Europa ist kaputt, glaube ich. Dabei habe ich es bis vor einer Weile nicht für möglich gehalten, dass ich das irgendwann mal sagen würde. Das Dauergewürge um den Euro, das Gezerre um Griechenland, die Banken, all die hysterischen Schlagzeilen über Schluss, Aus, Ende, die sich ausschließlich an ökonomischen Daten orientierten – das hat mir nie wirklich Angst gemacht.

Ich habe nie geglaubt, dass dieses Europa in erster Linie von Geld zusammengehalten wird. Dieses Europa ist, seit ich denken kann, Heimat und Identifikation für mich (und für die meisten anderen meiner Generation). Obwohl oder vielleicht auch gerade, weil ich eine Weile auf einem anderen Kontinent gelebt habe.

Mein Europa wird nicht durch Börsenkurse zusammengehalten – sondern durch andere Werte, durch eine gemeinsame Geschichte, in der es viel Leid gab, aber auch sehr viele menschliche Errungenschaften, so viel Geist und Wagemut, Kreativität und Brüderlichkeit. Jetzt aber habe ich plötzlich Angst davor, dass ich mir das alles nur eingebildet habe. Oder dass das, was als wunderbares, friedliches und geschwisterliches Europa mal kurz da war, längst wieder verschwunden ist.

Natürlich ist der Zustrom von Flüchtlingen eine große Herausforderung. Eine riesengroße. Schon wieder eine. Und diesmal doch eine ganz andere. Denn diesmal geht es nicht um Geld. Es geht um Menschen. Und dieses mein Europa hat einfach keine gemeinsame Idee, wie es mit diesen aus Kriegen geflohenen Menschen umgehen soll. Das wird von Tag zu Tag deutlicher. Jedes Land macht, was es will. Es war nie so eklatant wie heute, dass es gar kein gemeinsames Europa gibt. Die Flüchtlinge halten Europa einen Spiegel vor. Und was sieht man darin? Eine große Leere. Europa schaut in den Spiegel und sieht: nichts. Ein Albtraum.

Schon in Hamburg war der ICE nach Kopenhagen völlig überfüllt

Ich bin am Montagmorgen am Hamburger Hauptbahnhof in den ICE 33 nach Kopenhagen gestiegen. Zusammen mit ein paar anderen Hamburgern, die als Delegation des grünen Umweltsenators Jens Kerstan nach Dänemark fahren wollten, um sich über die dortige Energiepolitik zu informieren. Man hat gleich gesehen, dass viele Flüchtlinge im Zug waren. Sehr viele. Junge Menschen aus dem Irak, aus Syrien, Afghanistan und anderen Ländern. Einige Ältere und Familien mit kleinen Kindern. Manche hohläugig und müde. Die Gänge waren verstopft. Alle Plätze besetzt.

Eine sehr erschöpft und verzweifelt aussehende Frau hat mich aufgeregt in einem kaum verständlichen Englisch gefragt, ob dies auch wirklich der Zug nach Kopenhagen sei. Sie hat geweint und gar nicht mehr aufgehört. Ich habe versucht, sie zu beruhigen. Das war nicht einfach, weil sie kaum ein Wort verstanden hat.

Wer weiß schon, wie oft ein Mensch auf einer langen Flucht in falschen Zügen oder Bussen oder Lkw landet und wie sehr sein Schicksal am Ende davon abhängt? Ich war nie im Krieg. Nie auf der Flucht. Ich fahre mit der U-Bahn zur Arbeit und mit dem ICE auf Dienstreise. Dann die Durchsage: Der Zug ist zu voll. Es müssen Passagiere aussteigen. Mit 20 Minuten Verspätung fahren wir aus Hamburg ab, quer durch den sonnigen Septembernorden. In Puttgarden rollt der ICE auf die Fähre nach Rødby. Wir müssen aussteigen und hoch an Deck gehen. Es wimmelt hier jetzt von Flüchtlingen. Sie stehen in den Schlangen des Bordrestaurants, gucken auf ihre Handys, flachsen oder genießen an Deck die Überfahrt unter blauem Himmel. Der Wind ist kühl, die Sonne wärmt noch.

Kaum jemand sieht aus, als sei er in einem Elendsviertel groß geworden

Viele dieser Flüchtlinge sehen aus wie normale junge Leuten aus einer x-beliebigen Mittelschicht dieser so klein gewordenen Welt. Nicht so, als seien sie in Elendsvierteln groß geworden. Was sie von jungen Norddeutschen unterscheidet, sind nur Hautfarbe und Sprache, so scheint es. Aber wahrscheinlich ist da noch etwas anderes, etwas, das man nicht sofort sieht: das, was viele von ihnen erlebt haben. Ich frage mich in diesem Moment wieder, warum manche Leute sich aufregen, dass Flüchtlinge Handys besitzen. Würden wir denn, wenn wir vor Krieg und Verfolgung fliehen müssten, als Erstes unsere Smartphones wegwerfen?

Als wir in Dänemark von Bord fahren, wird der Zug gestoppt. Wir stehen im dänischen Nirgendwo und warten und warten. Niemand regt sich auf. Alle bleiben sitzen. Nach einer Stunde endlich eine Durchsage: Die Polizei kon­trolliere die Gegend rund um den Fähranleger und habe den Zug gestoppt. Man wisse nicht, ob und wann man weiterfahren dürfe. „Die rufen sich jetzt Verstärkung, dann holen sie die Flüchtlinge aus dem Zug“, sagt eine dänische Zugbegleiterin. „Das haben sie gestern auch schon gemacht. Es hat mehr als zwei Stunden gedauert.“

Eine weitere Stunde später marschieren sie auf, die dänischen Polizisten in ihren kurzärmligen, hellblauen Hemden. Ein paar Dutzend. Frauen mit blonden Haaren und drahtige Männer, manche mit langen Bärten. Sie sind guter Laune und lachen. Sie bilden ein Spalier um den Zug. Von hinten gehen sie durch die Wagen. Jeder muss seinen Ausweis zeigen. Die Polizisten sind sehr freundlich. Es gibt Gespräche, Erklärungen, eine Dolmetscherin übersetzt auf Persisch und Armenisch. Es gibt Durchsagen auf Arabisch. Die Flüchtlinge steigen aus und werden zu Bussen gebracht. Sie tragen ihre Taschen und Kinder und Rucksäcke und tun, was man ihnen sagt. Das dänische Fernsehen filmt.

Warum kann die EU nicht gemeinsam diese Herausforderung angehen

Angeblich ist das die neue Härte, die die dänische Regierung zeigen will. Sagen manche im Zug. Sie würde die Leute zurück nach Deutschland schicken. Weil Deutschland sie schließlich nach Dänemark geschickt habe. Dann aber heißt es, die Flüchtlinge würden nur registriert. Wie es die europäischen Regeln verlangten. Was danach mit ihnen geschieht, ist erst einmal unklar.

Es interessiert hier niemanden, dass die meisten dieser Menschen nach Schweden wollen. Weil sie dort Verwandte haben oder Freunde oder weil sie Gutes über Schweden gehört haben. Für eine Weile haben die Dänen die Flüchtlinge immer nach Schweden durchreisen lassen. Jetzt offensichtlich nicht mehr. Vielleicht haben sich die Schweden beschwert. Oder die dänische Regierung hat Angst, dass einige Flüchtlinge doch in Dänemark bleiben.

Ich verstehe dieses Europa nicht mehr. Warum kann die EU nicht gemeinsam diese Herausforderung angehen, gemeinsam dafür sorgen, dass wir den Menschen gerecht werden? Dafür sorgen, dass Flüchtlinge nicht in jedem Land der EU anders behandelt werden? Warum können wir die Flüchtlinge nicht gerecht verteilen und dabei auch ihre Wünsche berücksichtigen, jedenfalls so weit das möglich ist? Warum weigern sich irgendwelche Regierungen dieser angeblichen Europäischen Union sogar grundsätzlich, Flüchtlinge aufzunehmen?

Geht es um Geld, gibt es in Europa eine Union. Wenn es um Menschen geht nicht

Ich fürchte, die Antwort ist eindeutig: Es gibt gar keine EU – es sei denn zur Bankenrettung. Nur wenn es um Geld geht, gibt es ein Europa als Union. Wenn es um Menschen geht nicht.

Mit mehr als drei Stunden Verspätung setzt sich unser ICE gegen 16 Uhr in Rødby wieder in Bewegung, er ist jetzt nur noch halb voll. Irgendwo müssen wir in einen Regionalzug umsteigen, weil der ICE nach Deutschland zurückkehren muss. Vorher werden noch Formulare verteilt, mit denen man sich wegen der Verspätung Geld erstatten lassen kann. Das mit dem Geld funktioniert in Europa grenzübergreifend.

In Kopenhagen sind wir um kurz nach 19 statt um 14 Uhr. Wir haben den Empfang und ein Abendessen in der Botschafterresidenz verpasst. Im Internet sehen wir, dass sich die Flüchtlinge nicht von ihrem Ziel haben abbringen lassen. Sie bewegen sich in großen Gruppen entlang der Autobahn, berichten dänische Medien. Männer, Kinder, Frauen mit ihren Rucksäcken. In Richtung Schweden. Zu Fuß.

Dänemark macht die Grenzen dicht, und wir kommen nicht mehr nach Hamburg

Als wir am Mittwochabend zurück nach Hamburg wollen, macht die dänische Regierung uns einen Strich durch den Fahrplan. Die deutsche Botschaft ruft am frühen Nachmittag an: Dänemark hat die Grenzen geschlossen. Die Fähren fahren nicht mehr. Kurz danach wird auch der Zugverkehr zwischen den europäischen Nachbarstaaten eingestellt. Wir üben uns in Sarkasmus. Vielleicht sollten wir uns von einem erfahrenen Schlepper über die Grenze nach Deutschland bringen lassen, sagen wir. Oder wir gehen in die deutsche Botschaft – und warten auf Genscher.

Statt den gebuchten Zug über Rødby nehmen wir einen nach Flensburg. Der ist gnadenlos überfüllt. Diesmal nicht mit Flüchtlingen, sondern mit Deutschen, denen man den Rückweg in ihre Heimat versperrt. Plötzlich fühle ich mich wie in den 1980ern bei einem DDR-Besuch und denke: Was würde man mit uns machen, wenn wir unsere bundesrepublikanischen Ausweise nicht griffbereit dabeihätten?

Der dänische Schaffner schafft Klarheit: Der Zug wird nicht über die Grenze fahren. Schengen war gestern. Europa hat bis auf Weiteres geschlossen. In einem kleinen Bahnhof nahe der Grenze müssen wir in einen Bus umsteigen. Der fährt bis zu einer Art provisorischem Schlagbaum, einem polizeilichen Plastikband, wie man es auch im Fernsehen um Tatorte spannt. Daneben stehen drei dicke Dänen mit einem großen Hund. Vielleicht ist das ja die Bürgerwehr gegen den Flüchtlingsstrom, sagt einer im Bus. Wir nehmen eine andere Strecke. Nach einer halben Stunde sind wir in Flensburg. Ohne Passkontrolle. Dort sitzen mehr als 200 Flüchtlinge fest, die nach Schweden wollen, aber nicht über die dänische Grenze kommen. Wie überall: junge Männer, Familien, Kinder. Flensburger Bürger haben Getränke gebracht. Die Polizisten sind freundlich und hilfsbereit. „Warum dürfen wir nicht weiter?“, fragt uns ein afghanischer Arzt in tadellosem Englisch. „Wir haben doch gültige Fahrkarten.“

Ach, Europa! Was für ein schöner Traum du warst

Irgendwann nehmen wir einen Bummelzug nach Neumünster und von dort einen nach Hamburg. Auf der Fahrt lese ich den Facebook-Kommentar eines Hamburger CDU-Politikers. Er nennt die Flüchtlinge „Asyltouristen“. Weil sie nach Schweden wollen. Zu Verwandten oder Freunden. Und notfalls bis nach Malmö zu Fuß gehen.

Komisch, als ich das lese, muss ich an die Unabhängigkeitserklärung der USA denken und suche mir den Text im Netz: „Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.“

Bei uns ist das Streben nach Glück offenbar verdächtig. Aber wir sind ja auch keine vereinigten Staaten, sondern ein Kontinent der Kleinstaaterei. Die EU hat keine Regierung und kein Parlament, das diesen Namen verdient. Einzig das Geld fließt frei. Eine europäische Verfassung werden wir wohl nie zuwege bekommen. Ach, Europa! Was für ein schöner Traum du warst.