Schleswig-Holstein

Revolutioniert dieser Abiturient die Fernbedienung?

Finn Plotz, 19, Gymnasiast aus Glückstadt (Schleswig-Holstein)

Finn Plotz, 19, Gymnasiast aus Glückstadt (Schleswig-Holstein)

Foto: Foto-Studio Edelmann

Er wollte nur ein neues TV-Gerät kaufen. Nun ist er Geschäftsmann, der innerhalb kurzer Zeit 600.000 Euro für seine Idee gesammelt hat.

Glückstadt/Hamburg. Er sei schon ein wenig aufgeregt, sagt Finn Plotz, der 19-jährige Abiturient aus dem schleswig-holsteinischen Glückstadt. Andererseits verfüge er bereits über reichlich Erfahrung mit der Presse, und darüber hinaus habe er sich auf die erste öffentliche Präsentation seiner Erfindung an diesem Montagabend im Hamburger Metropolis-Kino gründlich vorbereitet. Schließlich habe er eine Vision: „In fünf Jahren werde ich zufällig von wildfremden Leuten zum Abendessen eingeladen und dann liegt dort meine Fernbedienung auf dem Wohnzimmertisch.“

Das klingt im ersten Moment ganz nett, vielleicht sogar lustig, doch in Wahrheit steckt dahinter eine vermutlich geniale Idee, die dem multimedial-affinen Menschen das Leben zukünftig enorm erleichtern könnte und gleichzeitig Platz auf dem Wohnzimmertisch schafft, auf dem heutzutage, statistisch gesehen, durchschnittlich vier verschiedene Fernbedienungen liegen: eine fürs Fernsehgerät, eine für die Hi-Fi-Anlage, eine für den DVD-Spieler und noch eine für den Satelliten- oder Kabelreceiver.

Wobei die meisten Fernbedienungen in der Regel auch noch unübersichtlich und bedienerunfreundlich seien, sagt Finn Plotz. „Und noch komplizierter wird es meist, wenn man sich für eine herkömmliche Universalfernbedienung entscheidet. Wer sich da einmal verdrückt und etwa aus Versehen vergisst, zwischen den verschiedenen Peripherie-Geräten umzuschalten, hat schon verloren.“

Mit „Vion“ soll sich das ab diesem Herbst ändern. Spätestens. Denn Finns Erfindung ist als eine möglichst simple Fernbedienung konzipiert, die mit gerade mal elf Tasten auskommt und in Kombination mit einem kleinen Zauberkasten dafür sorgt, dass das „Herumswitchen“ zwischen Programmen und Geräten sowie das Aufnehmen und Herunterladen von Musik oder Filmen zur kinderleichten Angelegenheit werden soll. „Man schließt die Box per USB an den Fernseher oder die Stereoanlage an. In der Box stecken deine gesamte Film- und Musikauswahl sowie deine Lieblings-TV-Sender“, sagt er. „Der Clou ist, dass ‚Vion‘ deine Peripheriegeräte automatisch zu steuern vermag, sodass du den gesamten Inhalt aus einer Hand zentral bedienen kannst.“ Voraussetzung hierfür seien jedoch selbstverständlich moderne Geräte mit USB-Anschluss.

Zur Gründung einer GmbH steuerte er das seit Jahren Ersparte bei

Genau mit solchen modernen Geräten begann das Start-up-Abenteuer des Gymnasiasten, als er vor gut zwei Jahren gemeinsam mit seinen Eltern – als unfreiwilliger Technikberater – einen Elektronikmarkt aufsuchte, um dort mit ihnen einen zeitgemäßen Ersatz für den betagten Röhrenfernseher und die übrige Unterhaltungselektronik zu kaufen. Das neue Rundum-Sorglos-Paket entpuppte sich jedoch als Technikfalle. Als Drama. Jedenfalls bekam die Familie Plotz ihre Neuanschaffungen trotz (oder gerade wegen) der vier Fernbedienungen nicht so richtig zum Laufen, und so versammelte man sich an jenem schicksalhaften Sonnabendabend notgedrungen im elterlichen Schlafzimmer vor dem alten Röhrenfernseher.

„Ich habe mich zwar schon immer für Technik interessiert, aber ich bin weit davon entfernt, ein Freak zu sein“, sagt Finn Plotz, der auf dem Glückstädter Detlefsengymnasium tatsächlich das Oberstufenprofil „Geschichte“ belegt hat, „andererseits kann ich mich gut in Dinge reinfriemeln“.

Aber der Schüler war es wohl auch leid, von seinen Eltern stets dann um Unterstützung gebeten zu werden, wenn die mal wieder vor ihrem Fernbedienungs- und Geräte-Wirrwarr kapituliert hatten. Das sei wohl so etwas wie die Initialzündung gewesen.

Heute spricht er von einem „organischen Prozess“, wenn er an die verschiedenen Entwicklungsstufen denkt, die er in den vergangenen zwei Jahren überwinden musste – was mit der Präsentation im Metropolis-Kino vor über 100 Interessierten ein vorläufiges Ende gefunden hat – das man jetzt wohl getrost als einen „richtigen“ Anfang bezeichnen kann. „Ich bin eigentlich total unbedarft an die ganze Sache herangegangen“, erinnert er sich. Aber dann habe er gemerkt, dass seine Idee Hand und Fuß besaß, weil die Menschheit offensichtlich ein zunehmendes Bedürfnis – vielleicht sogar eine tiefe Sehnsucht – nach Einfachheit hat. Dann aber benötigte er plötzlich Kapital. Jedoch nicht nur, um die technische Grundarbeit, die Spezifikationen und die ganze Ausarbeitung finanzieren zu können. Sondern um eine richtige Firma zu gründen, die aus seiner Idee ein funktionierendes, greifbares Produkt entstehen lassen konnte.

Vater Plotz, zufälliger- und wohl auch glücklicherweise ein erfolgreicher Gastronom, der unter anderem den berühmten Glückstädter Matjes produziert, gab 15.000 Euro; Finn selbst steuerte zur Gründung der GmbH sein Erspartes von 10.000 Euro bei, das er sich seit seinem zwölften Lebensjahr als Brötchenausträger, Bierfassschlepper, Spüler und Servicekraft erarbeitet hatte. Aber dieses Grundkapital reichte natürlich nicht. „Bloß wusste ich nicht, wo ich das Geld herbekommen sollte“, sagt Finn Plotz.

An dieser Stelle kamen die „Business Angel“ ins Spiel: private Investoren, in der Regel erfahrene Unternehmer, die häufig selbst Start-up-Erfahrung besitzen und gut vernetzt sind. Das „Innovationszentrum“ in Itzehoe vermittelte Finn Plotz die ersten Kontakte. Einer dieser „Engel“ gab ihm einen Grundkurs in Sachen Konzeption und Marketing. Ein anderer half ihm beim Erstellen eines „Business-Plans“, mit dem der Schüler dann akquirieren gehen konnte. Kapital aufreißen. „Zuerst habe ich einige Absagen kassiert. Aber das war auch gut so, denn durch das Feedback, das ich von diesen potenziellen Investoren bekommen habe, konnte ich an meinen Präsentationen feilen. Und dann klappte es ja auch.“

„Meine Gesprächspartner haben mir alle bis zum Ende zugehört“

Die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Schleswig-Holstein (MBG SH) sagte ihm 125.000 Euro unter der Bedingung zu, dass noch mindestens ein weiterer Investor einstiege. Dem damals gerade mal volljährigen Abiturienten gelang es erstaunlicherweise, so innerhalb weniger Monate fast 600.000 Euro zusammenzusammeln. „Mein Alter hat mir auf jeden Fall viele Türen geöffnet“, sagte Finn Plotz in einem Interview der Zeitschrift „Gründerszene“, „ich denke, ich bin dadurch den Leuten vielleicht besonders im Gedächtnis geblieben. Und es war bestimmt auch etwas Welpenschutz dabei. Meine Gesprächspartner haben mir alle bis zum Ende zugehört und alle haben mir konstruktive Kritik gegeben, was ich sehr wertvoll fand.“ Allerdings werde man in dem Alter nicht immer auf Anhieb ernst genommen. „Aber wenn man nach den ersten Minuten des Gesprächs in positiv überraschte Gesichter blickt, ist das Alter kein Hinderungsgrund mehr, sondern eher förderlich.“ Und dann war da ja noch seine Idee, die überzeugend klang.

Das Hauptmotiv der meisten Business Angel, so die Selbstbeschreibung dieser Gemeinschaft, sei „die Freude, der ‚Spaß‘, beim Unternehmensaufbau eines Start-ups dabei zu sein. Deswegen investierten sie neben dem Kapital auch viel Zeit und unternehmerisches Know-how sowie ihre Netzwerkverbindungen in das neue Unternehmen.“ Doch das ist nur die eine Seite der Medaille: Denn als unternehmerisch denkende Menschen wollen sie aus ihrem risikoreichen Engagement am Ende natürlich auch mit einem möglichst guten Gewinn herauskommen.

Finn Plotz ist der Meinung, dass er großes Glück habe. „Mir gehört immer noch mehr als die Hälfte meiner Firma. Und die Investoren lassen mich unbehelligt schalten und walten.“

Dies mag wohl vor allem daran liegen, dass der junge Herr Geschäftsführer sich als Teamplayer verkauft und inzwischen als solcher erwiesen hat. „Ich kann das alles nicht alleine machen. Das Konzept kommt natürlich von mir, das Operative aber leisten meine Partnerunternehmen.“ So gäbe es eine Firma, die sich gezielt um die Platinen kümmere, eine andere sei für die Programmierung zuständig, eine weitere Firma organisiere und kontrolliere die Produktion der ersten Testgeräte in der chinesischen Sonderwirtschaftszone Shenzhen. Dort soll „Vion“ bald auch endgültig gefertigt werden, Finn Plotz war schon „ein paar Mal da“. „Ich bin zum Glück auf einer Schule mit tollen Lehrern, die es mir ermöglichen, meine Geschäftstermine wahrzunehmen und auch mal einen Tag nicht anwesend sein zu müssen.“ Zwar musste er den versäumten Unterrichtsstoff selbstständig nacharbeiten, aber auch das hat er offenbar hingekriegt: „Das schriftliche Abitur ist, glaube ich, ganz gut gelaufen“, sagt Finn Plotz, „in zwei Wochen habe ich noch die mündliche Prüfung, tja, und dann ...“

Dann dürfte der Glückstädter Fernbedienungs-Revoluzzer voraussichtlich damit beginnen, an einem größeren Rad zu drehen und sich ganz auf den Vertrieb seines kleinen Zauberkastens zu konzentrieren, der übrigens glatte 250 Euro kosten wird. Auch die großen Unterhaltungselektronik-Konzerne zeigen anscheinend bereits Interesse an „Vion“. „Beispielsweise hat Samsung schon dreimal angerufen“, sagt Finn Plotz gelassen, „aber ich bin ja nicht auf der Flucht.“