Flüchtlingslager

Schleswig-Holsteiner Schüler helfen in Jordanien

Anna-Lena Oltersdorf (v.l.), Rajiv Engling und Janny Lücker in Ammann - vor ihrer Abfahrt nach Zaatari

Anna-Lena Oltersdorf (v.l.), Rajiv Engling und Janny Lücker in Ammann - vor ihrer Abfahrt nach Zaatari

Foto: Schüler Helfen Leben e.V.

Jugendliche aus Schleswig-Holstein überzeugen sich im viertgrößten Flüchtlingslager der Welt, ob ihr Geld ankommt.

Neumünster.  Nur etwas mehr als vier Stunden dauert der Flug, die Autofahrt noch einmal fast zwei Stunden: Dann ist man dort. Sechs Stunden liegen zwischen der Bundeshauptstadt Berlin mit ihrer in Jahrzehnten gefestigten Zivilisation und der Flüchtlingsstadt Zaatari mit ihren täglich neu zu formenden Lebensumständen. Rund 80.000 Menschen leben dort, in Jordanien, ganz nah an der Grenze zum Krisenherd Syrien. Drei junge Schleswig-Holsteiner haben sich an diesem Sonnabend auf den Weg gemacht, diese kurze Distanz zu überwinden – und diese zugleich unglaublich große Distanz zu begreifen. Janny Lücker (18, aus Neumünster), Rajiv Engling, (20, aus Itzehoe) und Anna-Lena Oltersdorf (19, aus Neumünster) sind Mitglieder der Organisation Schüler helfen Leben (SHL), deren Bundeszentrale sich in Neumünster befindet.

SHL ist die größte von Jugendlichen geführte Hilfsorganisation Deutschlands. In Zaatari finanziert sie noch bis Ende Juni mehrere Kindergärten. „Danach werden andere Organisationen die Finanzierung übernehmen“, sagt Anna-Lena Oltersdorf. In dem Flüchtlingslager leben rund 47.000 Kinder. Für das SHL-Projekt in Zaatari hat die Organisation 197.790 Euro ausgegeben. Größtenteils ist es Geld, das sich Schüler in ganz Deutschland beim sozialen Tag erarbeitet haben. Oltersdorf, Lücker und Engling wollen jetzt vor Ort nachprüfen, ob die Spende ihr Ziel erreicht hat. Ist das Geld im Lager angekommen? Ist es für die verabredeten Zwecke verwendet worden? Wie ist die Situation im Flüchtlingslager?

Dass das nicht ganz ungefährlich ist, ist den Reisenden klar. „Jordanien ist kein typisches Urlaubsland“, sagt Oltersdorf mit leichtem Understatement. Sie geht als Einzige von den dreien nicht mehr zur Schule, sondern absolviert ein freiwilliges soziales Jahr bei SHL. „Als ich die Chance bekommen habe, nach Zaatari zu fahren, habe ich keinen Moment gezögert“, sagt sie.

Das Auswärtige Amt warnt derzeit vor dem, was sie tut. „Aufgrund wiederholter Zwischenfälle an den Grenzen zu Syrien und Irak wird von einer Reise in das syrisch-jordanische Grenzgebiet sowie in den Nordosten des Landes in der Grenzregion zum Irak dringend abgeraten“, heißt es auf der Internetseite des Ministeriums. „Es wird ergänzend darauf hingewiesen, dass sowohl das syrisch-jordanische als auch das irakisch-jordanische Grenzgebiet militärisches Sperrgebiet ist, in dem besondere Bestimmungen gelten.“

Eine Woche wird die Reise dauern. Zaatari ist nur eines von mehreren Zielen. Die drei Schleswig-Holsteiner sind nicht allein unterwegs. Zu der kleinen Reisegruppe gehört eine erfahrene Mitarbeiterin der US-Partnerorganisation Save the Children, die ebenfalls in Zaatari aktiv ist. Die Gruppe wird in einem Hotel in der jordanischen Hauptstadt Amman Quartier nehmen.

Die drei SHL-Gesandten denken schon an das nächste Projekt ihrer Organisation. Denn die Mitglieder der Organisation haben auf einem Schülerkongress bereits entschieden, wem sie in Zukunft helfen wollen. Es geht um Flüchtlinge, die außerhalb der jordanischen Lager leben. Einen Titel hat das Projekt auch schon: „Lernen dürfen statt arbeiten müssen – Kinderarbeit entgegenwirken“. Anna-Lena Oltersdorf erklärt: „Viele syrische Flüchtlingsfamilien leben von der Arbeit ihrer Kinder, weil es andere Möglichkeiten nicht gibt. Dagegen wollen wir etwas tun.“ Was das genau sein könnte, will die Reisegruppe in Jordanien herausfinden. Die drei Schüler hoffen auf viele neue Informationen, die sie dann an die schleswig-holsteinischen Jugendlichen weitergeben können. Rajiv Engling sagt: „Vielleicht können wir dazu beitragen, dass noch mehr Kinder und Jugendliche am nächsten sozialen Tag am 9. Juli teilnehmen.“

Zaatari ist zur fünftgrößten Stadt Jordaniens herangewachsen

Was sie in Zaatari genau erwartet, ist noch unklar. Aber sie wissen, dass für das Lager strenge Sicherheitsbestimmungen gelten. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtete 2013, dass Teile des Lagers in der Hand einer mafiaähnlichen Organisation seien.

Zaatari, seit 2012 bestehend, ist blitzartig zur fünftgrößten Stadt Jordaniens herangewachsen. Es ist zugleich das viertgrößte Flüchtlingslager der Welt. Betrieben wird es vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Von März 2013 bis Oktober 2014 war der Deutsche Kilian Kleinschmidt der Chef von Zaatari. Mittlerweile gibt es dort Läden, Sportvereine, eine Einkaufsstraße, die „Champs-Élysée“ genannt wird. Noch ist da eine große Distanz zur Pariser Prachtmeile. Aber das Lager hat sich auf den Weg gemacht – auf den langen Weg zur Stadtwerdung.