Schleswig-Holstein

Dieses Paar kommt ohne Supermarkt aus

Thomas und Christa Grotepaß wollen selbstversorgt, in Kittlitz bei Ratzeburg, auf dem Lande leben.

Foto: Klaus Bodig

Thomas und Christa Grotepaß wollen selbstversorgt, in Kittlitz bei Ratzeburg, auf dem Lande leben.

Christa und Thomas Grotepaß leben ohne Supermarkt und industrielle Lebensmittel. Was sie zum Leben brauchen, bauen sie selbst an.

Ratzeburg. Als Thomas Grotepaß mit einem Sack voll Heu an den Zaun geht, kommen die Rinder herangetrottet. Das Kälbchen tollt um die Gruppe herum und macht sogar ein paar Bocksprünge über die Wiese. Christa Grotepaß lacht und zeigt auf den zotteligen Vierbeiner: "Das Kleine ist gerade erst ein paar Wochen alt." Neben der Weide picken einige Hühner im Sand, auf einem Gemüsefeld wachsen Tomaten und Zucchini. Das Ehepaar Grotepaß ist aus Volksdorf aufs Land gezogen. Es war schon immer ihr Traum, hier zu wohnen, im Grünen, mit dem Blick bis zum Horizont anstatt auf Hauswände. Fernab der Hektik der Stadt, im Einklang mit den Jahreszeiten. Aber das ist längst nicht alles. Die Hamburger wagen ein Experiment. Sie testen eine Existenz als Selbstversorger. Ihr Ziel: ein Leben ohne Supermarkt.

Heizen mit selbst gesammeltem Holz aus dem Wald

Die Hühner für die Eier, der Brunnen für das Trinkwasser, dazu Salat und Kartoffeln aus dem Garten: Das Paar will auf wenig verzichten, aber zugleich nichts von der Lebensmittelindustrie beziehen. Nicht nur das. Bald werden Öfen auf den idyllischen Hof geliefert, die in kalten Winternächten mit selbst gesammeltem Holz aus dem Wald für Wärme sorgen sollen. Auch an Schafe für eine eigene Wollproduktion denkt Christa Grotepaß. "Ich kann schon ein wenig spinnen und weben", sagt die 57-Jährige, da steht auch dem selbst gemachten Pullover bald nichts mehr im Wege.

Der Wunsch nach einem einfachen Leben, der Traum von der eigenen kleinen Farm wird für immer mehr Verbraucher zum Sehnsuchtsthema. Was bringen mir 100 Sorten Joghurt im Supermarktregal? Will ich ein Schweineschnitzel für 50 Cent? Eine riesige Auswahl für Mini-Preise, wenn ich weiß, dass die Kühe heute ihr Leben nur noch im Stall fristen, weil Landwirtschaft zur Industrie geworden ist? Dass Ferkel ohne Betäubung kastriert, und kleine Hähne millionenfach geschreddert werden, weil Ertrag wichtiger wird als Ethik? Ist es das "Schicksal" moderner menschlicher Zivilisationen, auf Kosten der Natur zu leben?

"Ich finde es grauenvoll, wie Lebensmittel heute produziert werden", sagt Christa Grotepaß über ihre wichtigste Motivation, künftig selber für sich sorgen zu wollen. Die gepachteten Weide- und Ackerflächen rund um ihr Haus in der Nähe von Ratzeburg sollen ausreichen, ab dem kommenden Jahr zu 70 Prozent von den eigenen Erträgen leben zu können. "Bis zum November wachsen noch Spinat und Feldsalat", sagt Thomas Grotepaß über die Abhängigkeit von der Erntesaison. Die ersten Radieschen gibt es dann wieder ab dem Februar. "Dazwischen ist Fastenzeit", sagt der 56-Jährige lachend, aber eine Tiefkühltruhe wird schon für die Vorräte sorgen.

Auf Vielfalt will das Ehepaar jedenfalls nicht verzichten: Die 14 Hühner liefern die Eier zum Frühstück, das Brot backt die Hofherrin ebenfalls selber, mittags kommt Gemüse mit Kräutern auf den Tisch, zum Abendessen wird beispielsweise Kartoffelsalat mit Frikadellen serviert. Frikadellen? Ja, auch Fleisch gehört für die Familie zum Leben dazu. "Wir sind doch Allesfresser", sagt Christa Grotepaß, die sich seit ihrer Jugend mit Ernährungsthemen befasst – Vegetariern drohten Mangelerscheinungen, ist sie überzeugt.

Fleisch ja, Überfluss nein, so haben sich die Hamburger entschieden: "Mit einer Kuh kommen wir locker über das Jahr", sagt die gelernte Floristin. Ein Tier liefere immerhin 120 bis 160 Kilo Fleisch, "und wir verwerten alles, frieren Teile ein, machen Salami oder Corned Beef". Zunächst kaufen die beiden die Tiere von befreundeten Bauern, in gut zwei Jahren wird dann das erste Rind von der Weide neben dem Haus sein Leben geben müssen. Um nicht auf den nervenaufreibenden Transport zum Schlachter angewiesen zu sein, versuchen die beiden eine Sondergenehmigung zu bekommen, um das Tier auf der Weide erschießen lassen zu können.

"Das Leben ist ein Kreislauf", sagt Christa Grotepaß, die neben dem Selbstversorgerprojekt auch das Bestattungsunternehmen Rituales in Hamburg betreibt. Auf dem Acker im Garten steht ein steinerner Buddha. Er dient nicht nur der Zierde zwischen Spitzkohl und Erdnüssen. "Wir müssen achtsam leben", ist die gebürtige Rheinländerin überzeugt. Sie handelt bewusst, aber nicht weltfremd: Über die Herausforderungen der Hühnerhaltung, den Kampf gegen Schnecken oder andere "Schädlinge" tauscht sie sich mit anderen Leuten auf Facebook aus. Und den Verkauf eventuell überschüssiger Ware will das Paar über ein eigenes Internetportal organisieren.

Die Grundlagen zum Überleben aus eigener Kraft haben sich die beiden im Kultbuch "Selbstversorgung aus dem Garten" von John Seymour angelesen. Der britische Farmer beschreibt in seinem Klassiker der 1970er, wie ein natürlicher Anbau gelingen kann – ohne Gift und künstliche Düngung. In den Fachabteilungen der Buchhandlungen wächst die Auswahl der Selbstversorgerliteratur aber immer weiter an, das Aussteigerthema von damals gelangt heute in die Mitte der Gesellschaft.

Denn so wie das Ehepaar aus Volksdorf, das jetzt zwischen Rapsfeldern in den Hügellandschaften der Schaalseeregion ihr kleines Paradies gefunden hat, versuchen viele Menschen ihre Wurzeln wiederzufinden. "Es ist eine romantische Vorstellung, autark durchs Leben zu gehen", begründet Trendforscher Peter Wippermann die Bewegung. Dahinter stehe aber auch der Wunsch nach Kontrolle. Eine Sehnsucht in einer Welt, in der die "Nebenwirkungen" des Handelns immer mehr zunehmen.

Gerade Städter, die Kühe nur noch von der Milchpackung kennen, wollen sich erden. "Urban Gardening", wie das Gärtnern in der City auf Neudeutsch heißt, zieht sich als Trend durch die industrialisierte Welt, von Hongkong über Berlin bis nach Detroit, wo in verlassenen Autofabriken Beete auf Brachland gedeihen. In Brooklyn hat gerade der Supermarkt Whole Foods eröffnet, der Salate auf dem Dach des Ladens selber anbaut.

In Hamburg laden Vereine wie das Gartennetzwerk "Solidarisches Gemüse" zum Austausch von Erfahrungen ein. Die Nachfrage nach innerstädtischen Ackerparzellen und Schrebergärten übersteigt das aktuelle Angebot bei Weitem, Landwirte verdienen sich etwas dazu, indem sie Ackerflächen an Familien aus Winterhude oder Eppendorf verpachten. Die Studie "Wie is(s)t Deutschland 2030?" zeigt, dass eine Mehrheit der Befragten die Zukunftsvision einer ressourcenschonenden Ernährung in einer werteorientierten Gesellschaft sieht.

Die urbane Gartenbewegung hat ihre Wurzeln in den New Yorker Gemeinschaftsgärten der Siebzigerjahre. Aus den alternativen Lebensformen sind inzwischen organisierte Institutionen zum Thema "back to eden" erwachsen. So fördert etwa die Stiftung Interkultur in München urbane Landwirtschaft. Vor gut zehn Jahren startete die Initiative mit fünf Projekten. Heute sind es 105 – und 60 weitere sind geplant. Seit zwei, drei Jahren steigt zudem die Nachfrage nach Seminaren über Konservierungstechniken oder zum Herstellen von Naturkosmetik an, mit denen die Menschen ihre Ernte weiterverarbeiten können.

Immer neue Formen urbaner Landwirtschaft

So wie immer mehr Großstadtmenschen an den eigenen Grund und Boden denken, entwickeln sich nach und nach neue Formen urbaner Landwirtschaft – interkulturelle Gärten, City Farms oder auch Guerilla Gardening. Die Entscheidung, den eigenen Lebensmittelpunkt zu verlagern, um autark leben zu können, ist unter diesen Modellen die extremste Form des Ausklinkens aus dem Konsum.

Allerdings verfolgt auch das Ehepaar Grotepaß seine Lebensweise nicht dogmatisch. Ihre Tochter, die allmählich in das Bestattungsunternehmen einsteigt, ernährt sich zwar bewusst, aber nicht fernab der üblichen Konsumgewohnheiten. Und der Sohn, auch das ist für die Eltern in Ordnung, arbeitet bei McDonald's.

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