Schleswig-Holstein

Falsche Lehrerin gesteht Urkundenfälschung und Betrug

Ein Schild weist zum Gerichtsgebäude in Kiel (Schleswig-Holstein). Vor dem Amtsgericht hat heute  die Angeklagte gestanden,mit gefälschten Urkunden jahrelang als falsche Lehrerin unterrichtet zu haben

Ein Schild weist zum Gerichtsgebäude in Kiel (Schleswig-Holstein). Vor dem Amtsgericht hat heute die Angeklagte gestanden,mit gefälschten Urkunden jahrelang als falsche Lehrerin unterrichtet zu haben

Foto: Carsten Rehder / dpa

In mehreren Bundesländern unterrichtete sie mit gefälschten Papieren als Lehrerin. Vor einem Gericht in Kiel räumte die Frau nun den Betrug ein.

Kiel. „Ich habe da was fertiggemacht“, sagt die Angeklagte, die sich jahrelang als Lehrerin ausgegeben hat. Sie zieht einen Zettel hervor, macht eine lange Pause, schluchzt so kräftig, dass es ihren mächtigen Körper schüttelt, und trägt dann, nuschelig und teilweise jenseits der Hörbarkeitsgrenze, ihre Version der Geschichte vor. Von 1990 bis 2013 hat sie als Lehrerin gearbeitet. Die dafür notwendigen Examenszeugnisse soll sie gefälscht haben. Seit Mittwoch steht die 50-Jährige in Kiel vor den Schranken des Amtsgerichts. Betrug und Urkundenfälschung werden ihr vorgeworfen. Die Wismarerin gesteht – aber es ist ein merkwürdiges Geständnis. Zugleich zeigt sich, dass der Schwindel viel eher hätte auffliegen müssen.

Der Weg der falschen Lehrerin beginnt in der DDR. Sie wird 1965 in Wismar geboren. „Schon in der Grundschule wusste ich, dass ich Lehrerin werden wollte“, sagt sie vor dem Kieler Schöffengericht. „Aber in der DDR konnte nicht jeder an die erweiterte Oberschule.“ Also absolviert sie von 1981 bis 1984 zunächst eine Ausbildung als Krankenschwester, arbeitet dann ein Jahr lang in dem Beruf und macht zugleich Abitur. „Geht denn das?“, fragt die Richterin Sabine Pade erstaunt. „Das war eine Abendschule“, nuschelt die korpulente, ganz in schwarz gekleidete Frau, die ihrem schulterlangen, schwarzen Haar einen rötlichen Schimmer gegeben hat. „War das Reifezeugnis etwa auch gefälscht?“, fragt Staatsanwalt Henrik Niethardt nach. Die Angeklagte antwortet mit einem Satz, den sie an diesem Tag häufig gebraucht: „Dazu möchte ich nichts sagen.“

Im Kern geht es in der Anklage um die beiden gefälschten Staatsexamenszeugnisse der Universitäten Köln und Düsseldorf für die Fächer Deutsch und Sachkunde aus den Jahren 1991 und 1992. Gesamtnote: Sehr gut. Später genehmigte sich die Angeklagte sogar noch die Lehrbefugnis für zwei weitere Fächer, Recht und Psychologie, jeweils mit Zeugnissen vom 31. Juli 1998.

Diese Dokumente schufen die Grundlage zu einer Karriere, die sie beanstandungsfrei zur hoch bezahlten Lehrerin an Gymnasien in vier Bundesländern machte. Wie sind diese Fälschungen entstanden? Angeblich hat sich die Angeklagte in der Nachwendezeit Zeugnisvordrucke vom „Studien­referat Bonn“ besorgt. „Ich habe da einfach angerufen“, sagt sie. Mit diesen Vordrucken sei sie zu einer Druckerei gegangen. „Denen habe ich vorgegeben, was da rein soll.“ Die gefälschten Dokumente habe sie dann im Schulamt in ihre Personalakte getan. „Ich habe gesagt, ich möchte die Zeugnisse umtauschen“, erzählt die Angeklagte. „Damals wurden viele Vergangenheiten gelöscht, also habe ich es auch gemacht.“

Die Wismarerin wollte auf diese Weise ihre Schulkarriere retten. Angeblich hatte sie von 1986 bis 1990 an der Fachhochschule Ernst Schneller in Cottbus Deutsch und Staatsbürgerkunde studiert. Dieses Fach, das die DDR-Ideologie transportierte, war nach der Wende ein Karrierekiller.

Das Löschen der Vergangenheit klappte jedenfalls. Die Frau unterrichtete zunächst an einem Gymnasium in Wolgast, dann in Neuruppin (Land Brandenburg), in Berlin und schließlich am Marion-Dönhoff-Gymnasium im schleswig-holsteinischen Mölln.

Dort, so sagt die Angeklagte, die ihre Arbeitgeber gern benotet, habe ihre „persönliche Hölle“ begonnen. Und meint damit offenbar Thomas Eggers, den Schulleiter. Er ist 50, genauso alt wie die Angeklagte, aber er ist zugleich das genaue Gegenteil seiner Ex-Kollegin: druckreif sprechend, blitzschnell, gewandt.

Der Zeuge Eggers attestiert der falschen Lehrerin „völlige fachliche Inkompetenz“. „Im Unterricht war es ein diffuses Vor-sich-hin-Wabern“, sagt er. Eggers berichtet von vielen Versuchen, die Kollegin fachlich aufzurüsten. „Aber das hat alles zu nullkommanull Verbesserung geführt“, sagt er. Eggers, Freund pädagogischer Fachtermini, sagt: „Team Teaching“, „kollegiale Kopplung“ – alles sei vergebens gewesen. Am Ende kommt ihm der Gedanke, die Examenszeugnisse könnten gefälscht sein. Ist die Lehrerin gar keine Lehrerin? Das Kieler Bildungsministerium forscht nach – und entdeckt die Fälschungen. 2013 wird die Lehrerin aus dem Schuldienst entlassen. Warum erst jetzt? Die Zeugnisse, sagt eine Oberamtsrätin aus dem Kieler Bildungsministerium, seien bei der Einstellung „nur kursorisch“ geprüft worden, das sei so üblich.

Das war wohl überall so üblich. Sonst hätte in 22 Jahren doch irgendwo auffallen müssen, dass jemand, der bis zur Wende 1990 in der DDR gelebt hatte, unmöglich im Juli 1991 in Köln das erste Staatsexamen in Deutsch und Sachkunde hätte ablegen können.

Die Angeklagte, die einen neunjährigen Sohn hat, steht nun vor dem Nichts. Ihr Haus wurde zwangsversteigert. Sie lebt von 970 Euro Arbeitslosengeld und hat noch 30.000 Euro Schulden. Das Land Schleswig-Holstein will zudem 133.000 Euro Gehalt zurück. Ihre berufliche Zukunft sieht sie „im medizinischen Bereich“, lässt sie ihre Verteidigerin sagen. Ihr Krankenschwesterzeugnis befände sich allerdings noch in Händen der Staatsanwaltschaft. „Das macht Bewerbungen schwierig“, sagt sie spitz. Die falsche Lehrerin braucht jetzt dringend ein Zeugnis. Der Prozess wird am 3. Juni fortgesetzt.