Betrug

Prozess gegen falsche Lehrerin in Kiel gestartet

Krankenschwester unterrichtete 20 Jahre an Gymnasien im Norden. Anklage wegen Betrugs. Länder fordern Gehalt zurück.

Kiel.  Dieser Fall dürfte in Deutschland einmalig sein: Tausende Schüler sind von einer Frau unterrichtet worden, die sich fälschlicherweise als Lehrerin ausgab – und Jahrzehnte lang damit durchgekommen ist. In Kiel hat am Mittwoch der Porzess gegen die 50-Jährige begonnen. Der Vorwurf: Betrug und Urkundenfälschung.

Die Wismarerin ist ausgebildete Krankenschwester. Sie hat möglicherweise nie eine Hochschule besucht. Ihre rund 20 Jahre währende Köpe­nickiade durchs deutsche Schulsystem stützte sich auf von ihr gefälschte Examenszeugnisse der Universität Köln. Anfänglich spielten auch offenbar ebenfalls gefälschte, aus DDR-Zeiten stammende Zeugnisse einer pädagogischen Hochschule in Zwickau eine Rolle. In Schleswig-Holstein flog sie schließlich auf. Zuletzt hatte sie am Marion-Dönhoff-Gymnasium in Mölln gearbeitet und dort Deutsch und WiPo (Wirtschaft und Politik) unterrichtet.

Obwohl ihr schlechter Unterricht oft auffiel, kam sie immer wieder durch

Im Amtsgericht Kiel wird es von Mittwoch an also um Schuld und Strafe gehen. Nebenbei dürfte aber auch eine ganz andere Frage eine Rolle spielen: Wie konnte das so lange gut gehen? Hätte nicht schon viel früher auffallen müssen, dass die 50-Jährige „nicht befähigt gewesen ist, als Lehrerin zu arbeiten“, wie es die Staatsanwaltschaft jetzt formuliert?

Auffällig geworden ist die Angeklagte jedenfalls mehrmals. Ihre Karriere war – soweit bekannt – durchaus gefährdet. Dass sie nicht früher endete, ist wohl auch behördlicher Nachlässigkeit zuzuschreiben – und einem kräftigen Schuss krimineller Energie. Die äußerte sich zunächst in den gefälschten Examenszeugnissen der Universität Köln, datiert auf den Juli 1991 (erstes Staatsexamen) und den Juli 1992 (zweites Staatsexamen). Die Angeklagte verpasste sich Bestnoten in ihren Fächern Deutsch und Sachkunde – wenn schon, denn schon.

Der Papierform nach war sie also hervorragend. Ihre erste berufliche Station war das Gymnasium Wolgast in Mecklenburg-Vorpommern. Von 1991 bis 1995 hat die damals 30-Jährige dort gearbeitet. Dann gab es Probleme. Welcher Art sie waren, ist unklar. Am Ende unterschrieb sie einen Auflösungsvertrag. Und setzte in den kommenden Jahren immer wieder auf diese Lösung, wenn es brenzlig wurde. In ihrem Fall war ein solcher Vertrag für beide Seiten vorteilhaft. Der jeweilige Arbeitgeber war die Frau sofort los, ohne weiterhin Gehalt zahlen zu müssen. Und die falsche Lehrerin hatte eine saubere Personalakte, mit der sie sich problemlos und erfolgreich in anderen Bundesländern bewerben konnte. Durchaus möglich, dass sie zum Dank sogar noch ein wohlwollendes Zeugnis ihres Ex-Arbeitgebers bekam.

So blieb ihr falsches Spiel lange unentdeckt. Von Mecklenburg-Vorpommern wechselte sie nach Neuruppin in Brandenburg. Von dort ging es im Jahr 2000 nach Berlin – an eine Fachschule für Erzieher, der Ruth-Cohn-Schule. 2008 zog sie im Zuge eines Lehrertausches zwischen den beiden Ländern weiter nach Schleswig-Holstein.

In Mölln ging sie unbeanstandet ihrer Arbeit nach. Die Eltern, aber auch die Schüler waren mit der Arbeit der Krankenschwester, die sich als Lehrerin ausgab, offenbar zufrieden. Gute Noten und geringe Ansprüche – mit dieser Kombination sorgte sie dafür, dass kritische Bemerkungen oder Nachfragen gar nicht erst aufkamen.

Ein Schulleiterwechsel wurde der 50-Jährigen dann zum Verhängnis. Der neue Chef des Möllner Gymnasiums, seit 2010 im Amt, fiel auf, was vor ihm schon vielen Chefs hätte auffallen können: Der schlechte Unterricht, den die falsche Lehrerin machte, stand in krassem Widerspruch zu ihren guten Examensnoten. Das Kieler Bildungsministerium forschte nach und stellte fest: Die Examenszeugnisse waren Fälschungen. Zum Ende 2012 wurde ihr gekündigt, zugleich erstattete das Ministerium Anzeige.

Damit hätte die unglaubliche Karriere der Krankenschwester eigentlich beendet sein müssen. War sie aber nicht. In Mecklenburg-Vorpommern bewarb sie sich erneut – und wurde zum 1. März 2013 an der Werner-Lindemann-Regionalschule in Lübstorf eingestellt. Monate später flog sie auch dort auf. Anfang August 2013 unterzeichnete sie einen – Auflösungsvertrag. Doch auch das war noch nicht das Ende. Wenige Tage später bewarb sie sich an einer Schweriner Privatschule. Dort bekam sie tatsächlich eine Einstellungszusage. Die wurde allerdings schnell wieder zurückgezogen. Ende April 2013 hatte die Presse in Norddeutschland ausführlich über die falsche Lehrerin berichtet. Damit war offenbar auch in Schwerin ein Lerneffekt verbunden.

Auf die Angeklagte kommen auch noch horrende Schadenersatzforderungen zu

Für den Prozess vor dem Kieler Amtsgericht sind drei Tage vorgesehen. Elf Zeugen sollen gehört werden. Ein Gutachter wird aussagen. Er ist der Frage nachgegangen, ob die Angeklagte schuldfähig ist. Dem Betrugsprozess werden sich möglicherweise noch weitere zivilrechtliche Verfahren anschließen. Das Land Schleswig-Holstein wird einen Teil des Gehalts, das die Wismarerin bekommen hat, zurückverlangen. Die Frage, wie viel es sein wird, konnte das Schulministerium kurz vor Prozessbeginn nicht beantworten. Ursprünglich waren rund 200.000 Euro genannt worden. Mecklenburg-Vorpommern verlangt exakt 11.294,07 Euro zurück, Berlin 70.000 Euro. Brandenburg verzichtet auf eine solche Forderung.

Ohnehin ist es rechtlich durchaus fraglich, ob die falsche Lehrerin das Geld zurückzahlen muss. Denn eines ist klar: Unterrichtet hat sie. Am Ende könnte sich die vermutlich längste Köpenickiade der deutschen Schulgeschichte finanziell ausgezahlt haben.