Garding

Wurde der Unfallfahrer von der Sonne geblendet?

Ein Rettungshubschrauber ist nach der Kollision an den Gleisen in Garding im Einsatz. Für einen Fünfjährigen kommt jede Hilfe zu spät

Ein Rettungshubschrauber ist nach der Kollision an den Gleisen in Garding im Einsatz. Für einen Fünfjährigen kommt jede Hilfe zu spät

Foto: Wolfgang Runge / dpa

66-Jähriger schwebt in Lebensgefahr, fünfjähriger Enkel starb. Debatte um hohe Zahl unbeschrankter Bahnübergänge in Schleswig-Holstein.

Garding. Die Familie war auf dem Weg in den Urlaub – doch am Ferienhof im nordfriesischen Garding kamen der Großvater, 66, seine Frau, 64, die Mutter, 36, ihr Sohn, 5, und ihre Tochter, 1, nie an. Kurz vor dem Ziel, an einem technisch ungesicherten Bahnübergang, erfasste ein Zug ihr Auto. Der fünfjährige Junge starb bei der Tragödie.

Es ist Montag gegen 16.50 Uhr, als die Familie mit dem Audi A 4 die Gleise überqueren will. Der Übergang der eingleisigen Strecke ist unbeschrankt und nur mit einem Andreaskreuz gesichert. Was sich dann ereignet, ist unklar und Gegenstand der bundespolizeilichen Ermittlungen. Stand der Wagen auf den Gleisen? Regionalbahn 21181, auf dem Weg von St. Peter-Ording nach Tönnis, nähert sich mit rund 70 Stundenkilometern. Als der Lokführer das Auto sieht, hupt er und bremst sofort. Trotzdem rammt das Triebfahrzeug den Audi, der zwölf Meter weit in einen Graben geschleudert wird und auf dem Dach liegen bleibt.

Zum Unfallort rücken zehn Rettungswagen an, zwei Rettungshubschrauber und ein Hubschrauber der Bundeswehr. Die Familienangehörigen sind in dem Auto eingeklemmt, müssen von der Feuerwehr befreit und in die umliegenden Krankenhäuser gebracht werden. Für den kleinen Jungen kommt jede Hilfe zu spät. „Der fünfjährige Junge erlag, trotz Reanimation, noch an der Unfallstelle, seinen Verletzungen“, sagt Heiko Kraft, Sprecher der Bundespolizeiinspektion Flensburg.

Noch am Dienstag schwebte der 66 Jahre alte Fahrer des Unfallautos in Lebensgefahr. Von den 49 Reisenden im Zug erlitten vier einen Schock, ebenso der Lokführer. Ein Fahrgast, der bei der Vollbremsung stürzte, wurde leicht verletzt. Nach Abendblatt-Informationen kommt die Familie aus Elmshorn. Warum das Auto ein Hamburger Kennzeichen hat, ist noch unklar. Der Familienvater, der nicht mitgefahren ist, soll aber in Hamburg arbeiten.

Tiefstehende Sonne mögliche Ursache

Die Untersuchungen zur Unfallursache laufen jetzt auf Hochtouren. Die Strecke sei an der Unglücksstelle sehr gut einsehbar, keine Bäume behinderten die Sicht, sagte Kraft. Für Autos gelte auf dem Wirtschaftsweg Tempo 20. Möglicherweise habe die tiefstehende Sonne den Fahrer geblendet, heißt es in Polizeikreisen. Das völlig demolierte Auto sei von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt worden und werde nun von einem Kfz-Sachverständigen begutachtet.

Immer wieder kommt es zu Unfällen an Bahnübergängen, beschrankten und unbeschrankten. So wurde ein Auto Ende 2014 von der Regionalbahn an einer Anlage in Bad Oldesloe 500 Meter weit mitgeschleift. Die 53-jährige Fahrerin starb. Der Übergang war nur provisorisch von einem Streckenposten gesichert. Von den rund 19.000 Bahnübergängen in Deutschland sind rund 8000 nur mit einem Andreaskreuz ausgerüstet, in Schleswig-Holstein betrifft das etwa 370 der 900 Übergänge. Dort kam es 2012 zu 13 Unfällen. Bundesweit ging die Zahl der Unfälle an Bahnübergängen von 628 im Jahr 1994 auf 193 in 2012 zurück. Von ihnen waren 44 tödlich.

Technisch ungesicherte Übergänge gibt es nach der Eisenbahn-Betriebsordnung nur auf eingleisigen Nebenstrecken mit einem Tempolimit von 80 Stundenkilometern. Sie seien fast ausschließlich an verkehrsarmen Strecken zu finden. Seit Jahren versuche die Bahn, mit ihrer Kampagne „sicher drüber“ Verkehrsteilnehmer für Gefahren zu sensibilisieren. „Über 90 Prozent der Kollisionen sind auf das Fehlverhalten der Straßenverkehrsteilnehmer zurückzuführen. Leichtsinn, Unaufmerksamkeit und Unkenntnis sind die häufigsten Ursachen“, sagt eine Bahnsprecherin. Nur fünf Prozent gingen auf „technisches oder menschliches Versagen seitens der Deutschen Bahn AG“ zurück.

„Bahn darf Problem nicht aus Augen verlieren“

Zwar sei in den vergangenen 13 Jahren rund ein Viertel der ungesicherten Bahnanlagen in Deutschland ab- oder umgebaut worden. Dennoch dürfe die Deutsche Bahn das Problem nicht aus den Augen verlieren, fordert der ADAC Hansa. Wenn mehr als 2500 Autos täglich einen ungesicherten Übergang passierten, müsse dieser aufgerüstet werden – „entweder durch Schranken, Brücken oder Unterführungen“, sagt ADAC-Hansa-Sprecher Christian Hieff. Zudem sollten vor ungesicherten Übergängen Haltelinien für Autos angebracht, Andreaskreuze mit Blinklicht hingegen abgeschafft werden. „Die sorgen für noch mehr Unfälle“, sagt Christian Hieff. Grund: Das Blinklicht irritiere die Autofahrer und habe einen Effekt wie eine Ampel, die gerade von gelb auf rot umspringt. Signal für die Fahrer: Hauptsache noch schnell rüber.

Zug hat einen langen Bremsweg

Hans-Uwe Kolle, Vize-Landeschef des Fahrgastverbandes Pro Bahn für Schleswig-Holstein/Hamburg, appelliert an die Vernunft der Autofahrer. Immer wieder würden sie aus Ungeduld sogar geschlossene Halbschranken umkurven. Sieht der Lokführer ein Hindernis auf den Gleisen, ist es meist zu spät: Bei Tempo 100 benötigt ein Zug fast einen Kilometer, bis er zum Stehen kommt. „Natürlich wäre es wünschenswert, wenn Bahnanlagen noch besser gesichert würden“, sagt Kolle. „Aber das ist auch eine Finanzierungsfrage.“