Schleswig-Holstein

Kirche schließt Kinderheim auf Nordstrand

Udo Prinz von Schoenaich-Carolath setzt sich für den Erhalt des Kinder- und Jugendhauses St. Franziskus auf Nordstrand ein

Udo Prinz von Schoenaich-Carolath setzt sich für den Erhalt des Kinder- und Jugendhauses St. Franziskus auf Nordstrand ein

Foto: Andreas Laible / HA / A.Laible

Erzbistum Hamburg spricht von „Zuschussgeschäft“. Bürger und Politik sind empört und kämpfen für die alte Institution.

Hamburg/Nordstrand.  Die Halbinsel Nordstrand ist Idylle pur. Auf den Deichen grasen Schafe, der Raps blüht goldgelb und die schmucken Reetdachhäuser machen die Postkartenkulisse perfekt. Aber die Idylle trügt, es gibt massiven Ärger: Denn Ende Januar hat das Erzbistum Hamburg die Schließung des Kinder- und Jugendhauses St. Franziskus auf Nordstrand verkündet – wieder einmal.

Die Türen des roten Backsteingebäudes auf dem 33 Hektar großen Areal inmitten der Natur sollen Ende Juli für immer geschlossen werden. Die Einrichtung wurde seit 1913 als Kinderheim genutzt. „Wir sind schockiert. Dass eine Kirche zu solch einer herzlosen Entscheidung nur getrieben von wirtschaftlichen Interessen fähig ist, macht fassungslos“, sagt Sabine Marya. Die Autorin aus Nordfriesland ist die Sprecherin der Bürgerinitiative „Wir sind gegen die Schließung des Kinderheims auf Nordstrand“. Die Unterstützung ist groß. Es wurden bereits mehr als 1900 Unterschriften gesammelt, und 2730 Bürger haben die Online-Petition unterzeichnet.

In dem Kinderheim, das bis zu 51 Bewohner aufnehmen könnte, leben aktuell noch 14. Anfang Januar waren es noch 43. Das Heim war immer ein Zufluchtsort für Kinder und Jugendliche aus schwierigen Familienverhältnissen, die hier Schutz fanden und betreut wurden. Auch für junge Mütter mit ihren Kindern ist es bis heute ein Zuhause.

Ortswechsel. Ein Besprechungsraum im Generalvikariat des Erzbistums in St. Georg. Aus dem Fenster fällt der Blick auf den imposanten Mariendom. Finanzdirektor Michael Focke ist hier der Herr der Zahlen: „Die Schließung des Kinder- und Jugendhauses ist die einzige wirtschaftlich tragbare Entscheidung“, sagt Focke. Es seien über die Jahre zahlreiche Optionen für einen Erhalt geprüft worden, doch es gäbe keine andere Möglichkeit. Das Erzbistum habe nur ein klar definiertes Budget zur Verfügung, und dieses sei verteilt, so Focke.

Den Kaufpreis und die Sanierungskosten bezeichnet die Kirche als Verlust

Der Finanzdirektor nennt Zahlen: Das Erzbistum hat laut Focke „rund eine Million Verlust“ mit dem Kinderheim gemacht. Diese Summe setze sich aus dem Kaufpreis von 650.000 Euro zusammen, der 2006 vom Erzbistum an die Nordstrander Kirchengemeinde St. Knud gezahlt wurde. Weitere etwa 350.000 Euro seien für die laufende Sanierung der Immobilie ausgegeben worden. Trotzdem wurde der Sanierungsstau immer größer: „Allein das Hauptgebäude, in dem die Bewohner untergebracht sind, so zu sanieren, dass es den notwendigsten Sicherheitsvorschriften entspricht, würde etwa 1,7 Millionen Euro kosten“, sagt Focke.

Allerdings erhebt der SPD-Bundestagsabgeordnete Matthias Ilgen, zu dessen Wahlkreis Nordstrand gehört, schwere Vorwürfe: Das Erzbistum habe die Immobilie über Jahre verkommen lassen. Das heißt, der Sanierungsstau sei hausgemacht und bewusst verursacht worden, um ein Argument für die Schließung zu haben. Ilgen wird noch deutlicher: „Das Verhalten des Erzbistums ist ungeheuerlich.“

Das Erzbistum Hamburg hat 2006 der Caritas die Trägerschaft für die Einrichtung übergeben. Schon damals wollte die Kirche das Haus schließen. Doch nach massiven öffentlichen Protesten wurde das Kinderheim zunächst gerettet und die Caritas ins Boot geholt. Der damalige Erzbischof Werner Thissen hatte ein Machtwort gesprochen. Eine schwierige Mission: „Es besteht für eine Einrichtung dieser Größenordnung auf Nordstrand kein Bedarf“, sagt Caritas-Direktorin Angelika Berger. Der Grund: „Mehrere Betreuungsformen unter einem Dach sind nicht mehr zeitgemäß. Heutzutage wird auf dezentrale Unterbringung in kleinen Gruppen gesetzt“, so Berger.

Ein weiteres Problem: „Der Kreis Nordfriesland arbeitet im Rahmen eines Sozialraumkonzepts mit anderen großen Trägern zusammen. Wir bekamen deshalb vom Kreis so gut wie keine Kinder zugewiesen“, so Berger. Hans-Martin Slopianka, Sprecher des Kreises Nordfriesland, bestätigt das: „Wir setzen auf eine wohnortnahe Unterbringung der Kinder, damit diese weiterhin Kontakt zu ihren Eltern halten können. Nordstrand ist kein sozialer Brennpunkt, dementsprechend besteht hier auch wenig Bedarf.“ Die Caritaschefin argumentiert ebenfalls mit Zahlen: „Wir haben seit dem Jahr 2006 rund 200.000 Euro Verlust gemacht.“

Zurück nach Nordstrand. Die Bürgerinitiative hat zum Gespräch in den „Pharisäerhof“ eingeladen. Hier geht es nicht um Zahlen, sondern um Menschen. „Das Kinderheim ist eine Institution auf Nordstrand, das kann man nicht einfach wie einen x-beliebigen Betrieb schließen“, sagt Uwe Krüger. Der Arbeits- und Allgemeinmediziner praktiziert seit 16 Jahren auf der Halbinsel, und im Kinderheim geht er als Hausarzt ein und aus. Krüger will helfen und erwägt, das Areal zu kaufen. „Die Finanzierung habe ich. Aber wir brauchen noch einen Träger, der die Einrichtung betreibt. Ich hoffe, dass sich nicht zuletzt durch die vielen Medienberichte ein potenzieller Träger bei mir meldet“, so der Arzt.

Die Hoffnung geben auch Sabine Marya und ihre Mitstreiter nicht auf. Ihre Verärgerung können sie nicht zurückhalten: „Dieses selbstherrliche Verhalten der Kirche macht mich wütend. Die Kinder brauchen Hilfe und dürfen nicht ihrer Heimat beraubt werden“, sagt Levke Nissen aus dem nahegelegenen Schobüll. Die Unterstützer geben sich kämpferisch: „Das Haus St. Franziskus ist ein Stück von Nordstrand. Das kann man nicht einfach so schließen“, sagt Christa Formeseyn. Sie ist Kreisvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und lebt auf Nordstrand Wenn das Kinderheim dicht mache, hätte auch die Grundschule Herrendeich ein Problem, denn viele Schüler kämen aus dem Kinderheim, sagt Formeseyn, die an der Schule mehr als vier Jahrzehnte unterrichtet hat.

Das Erzbistum dürften schon mehrere hundert Briefe erreicht haben. Vor allem von den Unterstützern der Bürgerinitiative: „Wir haben Erzbischof Stefan Heße mehrfach um Hilfe und um ein Treffen gebeten. Die Resonanz war gleich null“, sagt Sabine Marya.

Das Erzbistum sieht sich in der Pflicht gegenüber den Kirchensteuerzahlern

Vielleicht reagiert der Erzbischof auf die neueste Aktion der Initiative: Die Unterstützer schicken Herzen in allen möglichen Variationen an Heße und bitten, das Kinderheim zu seiner Herzensangelegenheit zu machen, so wie sein Vorgänger Werner Thissen.

Mit am Tisch im „Pharisäerhof“ sitzt Udo Prinz von Schoenaich-Carolath, der auf Gut Haseldorf bei Wedel lebt. Er besucht die Franziskus-Kinder mehrfach im Jahr und macht ihnen mit Geschenken eine Freude. Die Schließung will der vierfache Vater nicht akzeptieren: „Es ist beschämend, was sich das reiche Erzbistum hier leistet. Die Kinder und Jugendlichen werden einfach aus ihrer liebgewonnenen Umgebung gerissen.“

Bereits als das Haus 2006 geschlossen werden sollte, hatte der Prinz lautstark protestiert. Auch jetzt denkt er nicht ans Aufgeben: „Es dürfte wohl kaum im Sinne des neuen Erzbischofs sein, dass das Erzbistum sich hier wie ein profitgieriges Wirtschaftsunternehmen aufführt. Seine Exzellenz muss ein Machtwort sprechen und eine Lösung finden, um das Kinder- und Jugendhaus zu retten.“

Das Erzbistum steht im Kreuzfeuer der Kritik. Dass die Öffentlichkeit bei der Kirche mit anderem Maß misst als bei einem Wirtschaftsunternehmen, will Finanzdirektor Focke nicht akzeptieren: „Natürlich muss auch ein Erzbistum wirtschaftlich arbeiten, denn schließlich müssen wir gegenüber unseren Kirchensteuerzahlern auch Rechenschaft ablegen.“

Und die Kinder und jungen Mütter? Die verbliebenen 14 Bewohner sollen laut Caritas künftig entweder in eigenen Wohnungen leben oder auf andere Einrichtungen verteilt werden.

13 Mitarbeiter vom Haus St. Franziskus erhalten ihre Kündigung. Bei sieben weiteren Angestellten laufen die Verträge aus: „Es wird mit allen nach individuellen Lösungen gesucht, zum Beispiel werden Stellen an anderen Standorten angeboten“, sagt Berger.

Und wie soll es mit dem Gelände weitergehen? Neben dem Haupthaus gibt es hier noch das ehemalige Nonnenhaus und die stillgelegte Schwimmhalle: „Wir werden die Häuser abreißen und dann auch zusammen mit dem Bürgermeister von Nordstrand nach einer neuen Nutzung suchen.“ Geld wolle man mit dem Areal nicht verdienen. Ob sich Investoren finden, müsse sich zeigen. Verhandlungen habe es bislang keine gegeben, sagte Focke weiter.

Und dann übt er Selbstkritik: „Wir hätten 2006 dem öffentlichen Druck nicht nachgeben und das Heim schon damals schließen sollen. Es hätte erkannt werden müssen, dass man für teures Geld ein marodes Gebäude erwirbt und die Einrichtung nur ein Zuschussgeschäft ist.“

Eine junge Mutter, die mit ihrem Kind im Haus St. Franziskus lebt, hat da einen anderen Blickwinkel. Auf der Facebookseite des Erzbistums schreibt sie: „Ey sag mal gehts noch? Wir sind keine Pflanzen, Stecklinge oder sonst irgend ‘nen Scheiß. Wir sind Menschen, sogar lebendige.“ Für das Erzbistum sind sie ein Zuschussgeschäft.