Weltumsegler Erdmann

“So eine Fahrt nimmt man mit ins Leben“

Wilfried Erdmann aus Goltoft (Schleswig-Holstein) mit seiner Ehefrau Astrid auf seiner Segelyacht "Kathena Nui" im Yachthafen von Cuxhaven

Wilfried Erdmann aus Goltoft (Schleswig-Holstein) mit seiner Ehefrau Astrid auf seiner Segelyacht "Kathena Nui" im Yachthafen von Cuxhaven

Foto: dpa Picture-Alliance / Ingo Wagner / picture-alliance / dpa

Als erster deutscher Einhandsegler reiste Wilfried Erdmann um die Welt. Am 15. April wird der Schleswig-Holsteiner 75 - und feiert am Meer.

Goltoft/Schlei. Er ist mit dem Fahrrad nach Indien gefahren, hat als erster Deutscher einhand die Welt umsegelt und ist in den vergangenen 50 Jahren auf allen Ozeanen zu Hause gewesen. Er liebt den Blick auf die grüne Wiese hinter seinem Haus an der Schlei, macht gern Gartenarbeit, hackt einen Raummeter Buche nach dem anderen und züchtet Tomaten: Wilfried Erdmann ist ein ruhiger und bescheidener Norddeutscher mit einem übergroßen Hang zum Wasser. Jetzt wird Deutschlands erfahrenster Weltumsegler 75 Jahre alt – ein Leben voller Abenteuer und Familiensinn mit einer tiefen Liebe zu Booten und Meer sowie großem Respekt vor der Natur.

Bei einer Radtour nach Indien kamihm die Idee zur Weltumsegelung

„Ich freue mich auf meinen Geburtstag, aber eigentlich ist mir der Tag gar nicht so wichtig“, sagt Erdmann im Gespräch mit dem Abendblatt. „Ich denke nicht über das Alter nach und freue mich eher über meine gute Gesundheit.“ Vielleicht liege das an seinen vielen Jahren auf See. Dort sei die Luft eben viel reiner. „Ich bin ja auch selten krank.“

Wilfried Erdmann kam am 15. April 1940 im pommerschen Scharnikau (Czarnków) zur Welt. 1945 flüchtete er mit seiner Mutter Ina und dem drei Jahre jüngeren Bruder Klaus nach Mecklenburg. 1957 verließ der gelernte Tischler die DDR. Ein Jahr später fuhr Erdmann allein mit dem Fahrrad nach Indien. Dort kam ihm die Idee, mit einem Segelboot die Welt zu bereisen.

Erdmann arbeitete hart für ein eigenes Boot, fuhr auf verschiedenen Frachtern zur See, heuerte an auf der Deutschen Werft in Finkenwerder und bei einer Hamburger Baufirma, die das damalige Unileverhaus am Valentinskamp errichtete. Die Zeit in der Hansestadt war seiner Erinnerung nach nicht die beste: „Der Lohn reichte vorn und hinten nicht. Ich ernährte mich schlecht und fuhr als Radrennfahrer hinterher, meine Familie war im Osten, ich hatte niemanden Vertrautes in der Nähe.“ Mittlerweile hat Erdmann mit Hamburg seinen Frieden gemacht. „Jetzt besuche ich die Stadt gern.“

„Kathena“ hieß das erste eigene Boot. Mit dem 7,60 Meter langen englischen Holzbau segelte Erdmann zwischen 1965 und 1968 als erster Deutscher einhand um die Welt. Nach Rückkehr und Hochzeit mit Astrid von Heister umrundete das Paar von 1969 bis 1972 auf „Kathena 2“ die Welt. Vor einem dreijährigen Südseetörn (1976 bis 1979) mit Ehefrau Astrid und Sohn Kym auf „Kathena Faa“ verdingte Erdmann sich als Charterskipper. Auf „Kathena Nui“ segelte er 1984/85 in 271 Tagen allein von West nach Ost, von Kiel nach Kiel. Es folgten zahlreiche Törns in verschiedenen Regionen, bevor Erdmann 2000/2001 allein und nonstop von Cuxhaven nach Cuxhaven in 343 Tagen auf „Kathena Nui“ von Ost nach West segelte. Damit ist er der einzige Segler weltweit, der auf demselben Schiff die Welt allein und nonstop in beide Richtungen umsegelt hat.

Sein Leben auf Schiffen und mit dem Meer, seine Reisen und Erlebnisse hat Erdmann, wenn er als Landmann an der Schlei lebt, in zahlreichen Büchern aufgeschrieben, vor einem Jahr erst seine Memoiren unter dem Titel „Ich greife den Wind“. Vor Kurzem hat er dafür den Buchpreis der ITB in Berlin bekommen, einige Bücher standen auf der „Spiegel“-Bestsellerliste. Das Rohmaterial dafür liegt in einer Schatzkiste aus Metall: Logbücher und Listen, Tagebücher und Notizen, Zeichnungen, Skizzen und Fotos.

Die Menschen sollten sich ihre Träume verwirklichen, rät der Segelexperte

Viele Erdmann-Leser träumen selbst von einer Auszeit unter Segeln. Denen wünscht der Experte, dass er oder sie diesen Traum auch verwirklichen. „Es muss ja nicht gleich um die Welt sein. Ein Ostseetörn auf einem kleineren Schiff kann auch erfüllend sein.“ Umsetzen, was machbar ist, nicht immer aufschieben. Denn je älter man werde, desto schwieriger werde es. „So eine Fahrt nimmt man mit ins Leben.“

Erdmanns Erkenntnis nach Tausenden von Seemeilen auf eigenem Kiel, nach einsamen Tagen auf See mit Nässe und Sturm oder traumhaften Momenten bei Sonnenschein und ruhiger See: „Ankommen ist immer das Schönste. Deshalb fährt man ja weg, auch wenn Abschied wehtun kann. Wenn man unterwegs Schwierigkeiten zu bewältigen hatte und ein bisschen gelitten hat, dann ist eine glückliche Ankunft noch viel mehr wert.“

Deshalb will er auch noch mal los mit seiner „Kathena Nui“. Alle Erdmann-Schiffe heißen Kathena, nui ist polynesisch für groß, stark und unerschrocken. Aber die im Jahr 1984 bei Dübbel & Jesse auf Norderney gebaute Yacht steht seit mehr als zehn Jahren gut verpackt auf der Wiese hinter dem Erdmannschen Haus. Nun soll das 10,6 Meter lange und 3,25 Meter breite Schiff, das weder über einen Motor noch eine Toilette verfügt, wieder fertig gemacht werden und schwimmen.

Seinen Geburtstag feiert der Abenteurer mit seiner Familie auf der Insel Sylt

Eine möglichst einfache Reise ohne Verpflichtungen schwebt dem Segler vor. Über das Ziel schweigt Erdmann sich aus. „Wenn ich nichts ankündige, muss ich mich hinterher auch nicht rechtfertigen. Eine Nonstop-Fahrt wird es aber nicht. Die Zeiten sind vorbei.“

Ob Ehefrau Astrid oder Sohn Kym mitsegeln, steht noch nicht fest. Bei der Geburtstagsfeier für Ehemann und Vater sind sie aber natürlich dabei. An Land, nicht an Bord. Auf Sylt. Also immerhin am Meer.