Escheburg

Anwohner entsetzt nach Brandanschlag auf Asylunterkunft

Foto: Claas Greite

Nach dem Brandanschlag auf eine Asylunterkunft sind die Menschen in Escheburg schockiert und wütend. Nachbarn, die gegen die geplante Einquartierung von sechs Irakern Sturm liefen, rechtfertigen sich

Escheburg. Es ist ein rot gestrichenes Doppelhaus aus Holz, gelegen in einer idyllischen kleinen Siedlung am Rande der Gemeinde Escheburg (Kreis Herzogtum Lauenburg). In dieses Haus sollten am Dienstag sechs Männer aus dem Irak einziehen, Asylbewerber. Doch auf das noch leer stehende Haus wurde ein Brandanschlag verübt, Unbekannte warfen am Tag zuvor einen Benzinkanister durch das Fenster. Das Entsetzen über die Tat ist groß, die Nachricht zieht landes- und bundesweit Kreise. Politiker aus Berlin und Kiel verurteilen in scharfen Worten die Tat, die an den Brandanschlag von Mölln erinnert, bei dem 1992 drei Menschen starben.

Mölln, das ist nur 35 Kilometer von Escheburg entfernt – und die Menschen in der 3400-Seelen-Gemeinde müssen sich jetzt damit auseinandersetzen, dass es ihr Ort ist, der diese Erinnerungen zurückbringt, dass es vielleicht sogar ihre Nachbarn sind, die Benzinkanister werfen. Gesprächsbedarf, so viel ist sicher, scheint es vor Ort einigen zu geben.

„Ich bin hier aufgewachsen, seit 18 Jahren Bürgermeister“, sagt Rainer Bork. „Aber etwas Derartiges habe ich hier noch nicht erlebt.“ Eine Neonazi-Szene gebe es in dem Ort nicht. Und Asylbewerber hätten schon in den 90er-Jahren hier gelebt, am Rande von Escheburg, in einem Container. Aber Probleme habe es damals nie gegeben. Auch jetzt, so Bork, sei es „Konsens“ in dem Ort gewesen, die Asylbewerber aufzunehmen. „Ein Kreis von Leuten, der den Neuen helfen will, konstituiert sich gerade.“

„Wir haben doch nichts gegen Ausländer“

Der „Konsens“, den Bork beschreibt, galt offenbar aber nicht für das unmittelbare Umfeld, die zukünftigen Nachbarn der sechs Männer aus dem Irak. Kurz nachdem bekannt wurde, dass die Männer einziehen sollten, bestürmten etwa 15 von ihnen den Bürgermeister. „Die haben mich auf übelste Weise beschimpft“, sagt Bork. Das Grüppchen der Anwohner ging auch zur Verwaltung des Amtes Hohe Elbgeest, das für die Einquartierung zuständig ist und erst im Dezember das Doppelhaus zu diesem Zweck gekauft hatte. „Die sind regelrecht in mein Büro gestürmt“, schildert die Verwaltungsbeamtin Brigitte Mirow. Sie habe dann versucht, den Betroffenen „die Situation zu erläutern“. Aber: „Das hat ihnen ihre Ängste nicht genommen.“

Eine Anwohnerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist bereit, über die Vorfälle zu sprechen. Sie war am fraglichen Tag in der Amtsverwaltung, wie sie zugibt. Ihr Ehemann hat auch einen offenen Brief an die Verwaltungen geschickt, in dem er viele Fragen zu der Einquartierung stellt. Und die Frau hat auch in der Nachbarschaft Unterschriften gesammelt, „um unser Recht zu vertreten“, wie sie sagt.

Nun, einen Tag nach dem Brandanschlag, wirkt sie einfach nur geschockt, bricht in Tränen aus, als sie weiterspricht. „Natürlich finden wir das mit dem Brandanschlag schrecklich“, sagt sie. Und: „Wir haben doch nichts gegen Ausländer.“ Nur: Die Nachricht, dass es keine Familien sein sollten, die einquartiert werden, sondern sechs Männer, habe ihr schlicht Angst gemacht.

„Ich habe zwei Kinder. Und direkt hier in der Nähe sind ein Kindergarten und eine Schule“, betont sie. Über den Irak wisse sie nicht viel, aber sie ist der Meinung, dass „Frauen in der Kultur nicht einen so hohen Stellenwert haben.“ Eine Nachbarin gesellt sich hinzu, auch sie möchte ihren Namen nicht nennen. Sie sagt: „Sechs Männer, die den ganzen Tag nichts zu tun haben. Auf welche Ideen kommen die denn hier?“ Dass sie nichts gegen Fremde habe, betont sie ebenfalls. „Ich bin selbst aus Mittelasien. Und hier in der Nachbarschaft leben Leute aus Afghanistan.“

Ihre Nachbarin gibt zu, in der Verwaltung „ein bisschen Amok gelaufen“ zu sein. Der Grund sei, dass die Anwohner überhaupt nicht informiert worden seien. „Wir haben zufällig davon erfahren, dass hier sechs Männer einziehen. Vorher hieß es immer, dass Familien kommen sollen.“ Von der Politik fühlen sich die Frauen deshalb betrogen. Doch bei einer Sache ist man sich sicher: „Ich kann meine Hand dafür ins Feuer legen, dass keiner der Anwohner hier das Feuer gelegt hat“, sagt die Frau, die aus Mittelasien stammt.

Nicht informiert? Bürgermeister Rainer Bork macht der Vorwurf wütend. Im Dezember sei informiert worden, dass in Escheburg eine Unterkunft gesucht wird. Im Januar sei bekannt gegeben worden, dass das Amt das betreffende Haus gekauft habe. Bork räumt aber ein, dass man damals noch nicht so genau gewusst habe, wer einziehen werde.

„Die Nachricht, dass es sechs Männer sein werden, habe ich erst sehr kurzfristig von der Amtsverwaltung bekommen.“ An einem Dienstag sei das gewesen, am Freitag habe man die Anwohner informieren wollen – aber „da war die Lage schon eskaliert“. Bork betont, dass auch er es gut gefunden hätte, wenn dort Familien einziehen würden. Aber er sagt auch: „Wir suchen uns doch nicht die Flüchtlinge aus, die herkommen. Das sind Menschen in Not, darauf müssen wir uns eben einstellen.“ Auch Martina Falkenberg, Vorsteherin des Amtes Hohe Elbgeest, betont: „Wir haben keinen Einfluss darauf, wen wir vom Kreis und vom Land zugewiesen bekommen.“ Die Zuweisungen seien oft sehr kurzfristig, aber die Integration im Amt funktioniere sehr gut. In vielen Orten kümmerten sich ehrenamtliche Helferkreise um die Asylbewerber, so solle es bald auch in Escheburg laufen. Denn: „Wir halten an der Unterkunft fest. Es ist unsere Pflicht, hier Asylbewerber unterzubringen.“ Ob noch die sechs Iraker einziehen werden, die derzeit in einer Sammelunterkunft wohnen, kann sie aber nicht sagen.

Rainer Bork hofft nun darauf, dass die Polizei bald die Täter findet. Zudem soll Ende Februar eine große Einwohnerversammlung „zum Thema Asyl“ stattfinden. Immerhin scheint nicht jeder Anwohner Angst vor den Irakern zu haben: „Ich mache mir da keine Sorgen“, sagt Stefanie Weiland; ihre Tochter geht auf die nahe gelegene Schule. Anwohner Jörn Stenner hatte sich schon auf die Neuankömmlinge eingestellt. Auf seine Art: „Ich bin hier von dem Fußballclub, wir haben uns schon vorgenommen, die Jungs einzuladen. Und dann passiert so was.“