Leitartikel

Der Flughafen und Lübecks Absturz

Realitätsverlust der Stadtoberen und ihrer Bürger führte zum Flughafendesaster

Es gab eine Zeit, da war Lübeck wirklich bedeutend: Königin der Hanse und so. Ein paar Hundert Jahre ist das her, geblieben sind eine augenfällig schöne Innenstadt und der Titel Weltkulturerbe. Geblieben ist allerdings auch etwas, was nicht ins Auge fällt: die Sehnsucht nach Bedeutung. Und die wird in Lübeck manchmal so übermächtig, dass in dieser Stadt Dinge passieren, die für Nicht-Lübecker ganz schwer verständlich sind. Der Flughafen Blankensee ist so ein Fall.

Drei Passagiermaschinen von Ryanair und Wizz Air starteten dort am Dienstag. Ziele: Kiew, Danzig, Palma de Mallorca. Trotz dieser kümmerlichen Zahl kann sich Blankensee mit dem Titel „Schleswig-Holsteins größter Verkehrsflughafen“ schmücken. Groß ist auch das Defizit. Seit Jahren übersteigen die Ausgaben die Einnahmen. In manchen Jahren musste Lübeck fünf Millionen Euro überm Flugfeld abwerfen. Der „Hansestadt“ Lübeck hat das lange Zeit nichts ausgemacht. Die Verschuldung ist ohnehin schon hoch. Und der eigene Flughafen war eines der wenigen Dinge, die bedeutend wirkten. Eine Zeit lang, als in Hamburg über ausgeweitete Nachtflugverbote debattiert wurde, hoffte man in Blankensee sogar, der großen Hansestadt als Ausweich-Airport dienen zu können.

Hin und wieder gab es in der Bürgerschaft allerdings auch kurze Momente des Realitätskontakts. Können wir uns das wirklich leisten, fragten sich die Feierabendpolitiker dann. Und entschieden schließlich nach einem etwas längeren Realitätskontakt und mit nur ganz knapper Mehrheit, den Flugplatz zu schließen. Sie hatten nicht mit den Bürgern gerechnet, die sich den Luxus nicht nehmen lassen wollten, direkt vor der Haustür in den Billigflieger steigen zu können. Bei einem Bürgerentscheid im Jahr 2010 votierten tatsächlich 67,4 Prozent der Teilnehmer für einen Ausbau von Blankensee. Mit einer verlängerten Rollbahn sollte der Flughafen zur Basis von Airlines werden können.

Bürgermeister Bernd Saxe (SPD), der in dieser finanziell nahezu handlungsunfähigen Stadt nicht viel Spaß am Regieren hat, freute sich über das Votum. In Lübeck begann man wieder zu träumen. Den Ausbau planungsrechtlich sichern, dann einen Investor finden, der den Airport kauft – und schon wäre man als Stadt finanziell aus dem Schneider und bliebe dennoch der Ort mit Schleswig-Holsteins größtem Verkehrsflughafen. Danach ging so ziemlich alles daneben. Der Ausbau wurde von der Nachbargemeinde Groß Grönau beklagt, der Rechtsstreit ist noch nicht entschieden. Die drei Interessenten, die sich tatsächlich meldeten, konnte man guten Gewissens weder als Käufer noch als Investor bezeichnen. Alle wollten nicht bezahlen, sondern kassieren. Mohamad Radyamar versprach immerhin, die Pacht für das Flughafengelände zu zahlen. Vorher musste die Stadt die Altschulden übernehmen. Es sollen 50 Millionen Euro gewesen sein. Dann investierte Radyamar einen Euro – und war Flughafenbesitzer.

In Lübeck träumte man wieder – vom märchenhaften Reichtum der saudischen Hintermänner des Deutsch-Ägypters Radyamar, von dessen Plänen, eine eigene Fluglinie zu gründen und ein Glasfaserwerk zu bauen. Einer träumte besonders intensiv: Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe. Dass Radyamar schon seit Oktober keine Pacht mehr gezahlt hatte, ignorierte er einfach.

Nun ist der Traum geplatzt. Nur gut anderthalb Jahre, nachdem die Stadt Lübeck den Flughafen komplett entschuldet hat, sind dort 100 Arbeitsplätze in Gefahr. Mehr noch: Dem Flughafen droht die behördliche Schließung, denn er ist in die Hand eines Menschen geraten, der nicht einmal eine ladungsfähige Anschrift hat. In der Hanse- und Flughafenstadt Lübeck würde nichts und niemand mehr abheben können – nicht einmal der abgehobene Bürgermeister Saxe.