Rücktritt erwartet

Spitzenkandidat von Boetticher wegen Affäre mit 16-Jähriger unter Druck

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Für die CDU will Christian von Boetticher in den Wahlkampf um den Landtag in Schleswig-Holstein ziehen. Doch jetzt deutet vieles auf einen Rücktritt des Vorsitzenden der Nord-CDU hin. Von Boetticher soll vor seiner Kandidatur eine "Liebesbeziehung mit einer damals 16-Jährigen" geführt haben, wie sein Berater bestätigt.

Kiel. Die schleswig-holsteinische CDU steht vor einer Zerreißprobe und muss sich möglicherweise einen neuen Spitzenkandidaten für die Neuwahl des Landtags im kommende Jahr suchen. Denn vieles deutet darauf hin, dass der bisherige Kandidat und Chef der Nord-CDU, Christian Boetticher, noch am Abend seinen Rücktritt erklären wird. Der 40-Jährige steht wegen einer angeblichen Affäre mit einer Minderjährigen unter Druck und kündigte an, sich am Sonntag (18 Uhr) in einer "persönlichen Erklärung" zu entsprechenden Vorwürfen äußern zu wollen.

Damit scheint sich von Boetticher auch innerparteilichem Druck zu beugen, der zuletzt auch durch Ministerpräsident Peter Harry Carstensen verstärkt wurde. Am Sonntagabend will sich der 40-Jährige dem geschäftsführenden Landesvorstand zu seinem Privatleben erklären. "Es geht um eine frühere Liebesbeziehung mit einer damals 16-Jährigen“, sagte ein persönlicher Berater von Boettichers am Sonntag.

Die Beziehung sei im familiären Umfeld gut geheißen worden und "weit vor der Nominierung zum Spitzenkandidaten“ beendet gewesen, sagte der Sprecher dem Blatt.

Carstensen geht auf Distanz zu Boetticher

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen geht bereits auf Distanz zu seinem Parteifreund. Er habe in der zweiten Juli-Woche von "Gerüchten“ über eine Beziehung gehört und das Gespräch mit seinem Nachfolger im Amt des Parteivorsitzenden gesucht, sagte Carstensen der Zeitung "Schleswig-Holstein am Sonntag“. Er habe Boetticher dabei deutlich gemacht, dass der Vorgang "mehr als eine rechtliche Dimension hat. Ich gehe davon aus, dass er die richtigen Schlüsse daraus zieht“, so Carstensen.

Für die CDU, die in Kiel mit der FDP eine Koalitionsregierung bildet, wäre ein Rücktritt von Boettichers neun Monate vor der Landtagswahl ein Desaster. Führende Christdemokraten gingen am Sonnabend davon aus, dass er um diesen Schritt nicht herumkommen wird.

Kritik an von Boetticher war in der CDU nie verstummt, obwohl er Anfang Mai mit 87 Prozent zum Spitzenkandidaten gekürt wurde - seine offizielle Bestätigung war erst für den 4. November in Lübeck vorgesehen. Einflussreiche Christdemokraten sahen in von Boetticher aber nie den aussichtsreichsten CDU-Kandidaten für die Wahl am 6. Mai nächsten Jahres. Nachdem er allerdings von Carstensen, der nicht wieder antreten wollte, vorgeschlagen wurde, schien der Weg für den Juristen endgültig frei zu sein. Vor dem Votum für von Boetticher war vor allem Wirtschaftsminister Jost de Jager im Gespräch als möglicher Alternativ-Kandidat.

Unabhängig vom Ausgang der Personalie von Boetticher ist die Nord-CDU nun in schwerem Fahrwasser. Bei der jüngsten Umfrage im Mai lag die Partei noch knapp vor der SPD, die mit dem Kieler Oberbürgermeister Torsten Albig als Spitzenkandidaten in die Wahl zieht. Nach dieser Umfrage wäre Rot-Grün ebenso möglich wie Schwarz-Grün und eine CDU/SPD-Koalition.

Kritik an privaten Facebook-Eintragungen

Erst Ende Juli hatte von Boetticher erklärt, Kritik aus den eigenen Reihen sei unvermeidbar. "Das Problem in Volksparteien ist ja, dass man es nie allen recht machen kann", sagte von Boetticher. "Je härter der Kurs, den man fahren muss, desto mehr Menschen muss man auch in der eigenen Partei auf die Füße treten." Das habe er gewollt und darum habe er sich auch mit einigen in der Partei angelegt. "Die Menschen wollen mit ihrer Kritik ja nichts Gutes, sondern ihren Frust loswerden", sagte von Boetticher. "Das muss man abkönnen. Sonst darf man keine Politik machen."

Über die Entscheidung von Ministerpräsident Peter Harry Carstensen, mit Blick auf die Landtagswahl nicht noch vorher den Platz für ihn frei zu machen, könne er nicht enttäuscht sein, sagte er. "Denn wir haben das alles gemeinsam besprochen und entschieden."

Zum Ärger um seine Facebook-Eintragungen zu privaten Aktivitäten sagte von Boetticher: "Wenn die Bürger einen Politiker wahrnehmen, der ihnen das Gefühl gibt, er mache von morgens bis abends nur Politik, geht das an der Lebenswirklichkeit vorbei." Kritik daran sei nur aus der CDU gekommen, nicht vom Normalbürger. "Wenn ich etwas Privates mache und ein anderer zur Versammlung muss, sagt er im Zweifel: Ich muss arbeiten, während unser Boss ein Bier trinkt." (dpa/dapd)