Umweltschutz

Grüne in Wedel: Amphibien durch Pestizide getötet?

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Keno Fiedler
Ein Landwirt versprüht Pflanzenschutzmittel auf einem Feld (Symbolbild).

Ein Landwirt versprüht Pflanzenschutzmittel auf einem Feld (Symbolbild).

Foto: Patrick Pleul / picture-alliance/ ZB

Landwirt soll am Wespenstieg Wiese mit Chemikalien besprüht haben. Die Fläche ist ein Hauptwandergebiet für Amphibien.

Wedel.  Im Wedeler Rathaus gibt’s Diskussionen um eine Grünfläche am Wespenstieg. Im August hatte ein Mitarbeiter der oberen Naturschutzbehörde die Fläche begangen und dabei festgestellt, dass sich die grüne Wiese in eine braune Ebene verwandelt hatte. Der Mitarbeiter dokumentierte die abgestorbene Vegetation, und der Sachverhalt wurde noch im selben Monat bei der Naturschutzbehörde des Kreises angezeigt. Mittlerweile ist die Wiese wieder bewachsen.

Jetzt sorgte der Fall auch im Umwelt-, Bau- und Feuerwehrausschuss der Stadt Wedel für Aufsehen. Die Grünen-Fraktion brachte dort einen Prüfauftrag in der Sache ein. Darin hieß es: „Durch den Pestizideinsatz sind etliche Amphibien umgekommen, denn diese Fläche ist ein Hauptwandergebiet für Amphibien zu den Teichen beziehungsweise zu ihren Winterquartieren.“ Nach dem Einsatz sei das Grünland umgebrochen und neu eingesät worden.

Wie kann der Herbizideinsatz an geschützten Flächenverhindert werden?

In der darauffolgenden Debatte ging es in erster Linie darum, wie in Zukunft der Herbizideinsatz in unmittelbarer Umgebung von geschützten Naturräumen verhindert werden könne. Auch ein besonderer Schutz für die Fläche am Wespenstieg wurde diskutiert. Denn in direkter Nachbarschaft befindet sich nicht nur das Amphibienbiotop. Auch der Forst und das Wildgehege Klövensteen liegen in der Nähe. Für die Grünen-Fraktion steht damit die grundsätzliche Frage im Raum, inwieweit landwirtschaftliche Herbizideinsätze den städtischen Bemühungen im Naturschutz entgegenwirken.

„Da führen wir uns ja ad absurdum“, meinte Petra Kärgel, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen in Wedel. Das Amphibienleitsystem werde vom Nabu unterstützt und auch durch Steuergeld finanziert. Zusammen mit ihrem Parteikollegen Ralf Sonntag betonte sie auch noch einmal, wie bedroht die Amphibien in Deutschland seien. „Da müssen wir uns als Stadt fragen, ob wir den Schutzstatus der Fläche aufwerten“, so Kärgel.

„Auf Vermutungen kann man nichts aufbauen“, entgegnete Jörg Keller von der CDU und fügte hinzu: „So schön, wie die Wiese jetzt ist, habe ich sie seit Jahren nicht gesehen. Das war nach zwei Wochen wieder grün.“ Im Anschluss bezweifelte Klaus Schröder (CDU), dass es sich bei der Wiese selbst um ein Rückzugsgebiet für Amphibien handle. Beide kritisierten heftig, dass der verantwortliche Landwirt bislang nicht angehört wurde. Der Landwirt selbst wollte sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht gegenüber dem Abendblatt äußern.

Durften Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden?

Aber wer entscheidet eigentlich, ob Pflanzenschutzmittel am Wespenstieg eingesetzt werden dürfen? Die Beantwortung dieser Frage ist komplex, da die Zuständigkeiten unübersichtlich sind. So liegt die Fläche zwar in Wedel, Eigentümerin ist aber die Stadt Hamburg. Vom Landesbetrieb für Immobilienvermögen (LIG) sei sie wiederum in das Verwaltungsvermögen des Bezirks für Forsten gegeben worden, heißt es auf Rückfrage von der Hamburger Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA).

Zuständig ist also die Stadt Hamburg. Und die stelle in ihren Pachtverträgen allgemein keine Regelungen zum Herbizideinsatz auf, hieß es gegenüber dem Umweltausschuss von Birgit Woywod, der Fachdienstleiterin der Stadt Wedel für Bauverwaltung und öffentliche Flächen. Das Handeln des Landwirts sei deshalb rechtens gewesen. Vermutet werde Glyphosat eingesetzt, das sei aber noch bis 2022 zulässig.

Dennoch: Auf dem Gebiet Schleswig-Holsteins gelten erst einmal die Naturschutzbestimmungen des Landes, egal wer die Fläche verpachtet – das bestätigen auch die BUKEA und das Umweltministerium Schleswig-Holstein auf Anfrage. Das ändert aber in der Sache wenig: „Sofern es sich bei den entsprechenden Flächen um Kulturland handelt, dürfen darauf Pflanzenschutzmittel (PSM) eingesetzt werden“, heißt es ganz generell vom Umweltministerium. Um jene Organismen zu schützen, die in angrenzenden Naturräumen leben und damit nicht Ziel des Mittels sind, gölten allerdings standortabhängige Auflagen.

Landwirtschaftskammer ist für Überwachung zuständig

Für die Überwachung dieser Vorschriften ist dann, laut Ministerium, der Pflanzenschutzdienst der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein zuständig. Dort soll nun geprüft werden, ob Pflanzenschutzmittel am Wespenstieg eingesetzt wurden – und, wenn ja, welche. Dann könnte größere Klarheit darüber herrschen, in welchem Maße Schäden bei Tier und Natur entstanden sind. Dafür wurden, laut Prüfungsantrag der Grünen, von dem Mitarbeiter der oberen Naturschutzbehörde Boden- und Pflanzenproben entnommen. Eine Nachfrage beim Pflanzenschutzdienst ergab allerdings, dass bisher keine Proben übermittelt wurden.

Und hätte der Landwirt die Wiese, eine sogenannte Dauergrünlandfläche, überhaupt umpflügen dürfen? Dazu sagt die BUKEA: „Für den Umbruch dieser Fläche zur Narbenerneuerung wurde nach unserer Recherche seitens des Landwirts ein Antrag beim zuständigen Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume in Schleswig-Holstein gestellt. Der Antrag wurde mit der Auflage genehmigt, eine neue Narbe bis spätestens 15. Mai 2022 wieder herzustellen.“

Politisch hat das Thema bereits weitere Kreise gezogen. Auch die Altonaer Grünen haben jetzt ihrer Stadtverwaltung einen Fragenkatalog in der Angelegenheit vorgelegt. Inhaltlich geht es dabei unter anderem um die Frage, ob der Landwirt vielleicht zu Unrecht sogenannte Greening-Prämien erhalten hat. Die werden ausgeschüttet, wenn Acker- und Dauergrünlandflächen mit bestimmten umweltfreundlichen Methoden bewirtschaftet werden.

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