Volleyball

„Verpasste Olympia-Qualifikation war für uns optimal“

Florian Krage (links) und Konrad Thole in der Gellersenhalle, der Bundesliga-Heimspielstätte der SVG Lüneburg.

Florian Krage (links) und Konrad Thole in der Gellersenhalle, der Bundesliga-Heimspielstätte der SVG Lüneburg.

Foto: Maximilian Bronner

Florian Krage (23) und Konrad Thole (20) sprechen über das Erlebnis Nationalteam, Geisterspiele und die bevorstehende Bundesligasaison.

Lüneburg.  Mehr als vier Monate lang haben der in Pinneberg aufgewachsene Florian Krage und Konrad Thole von der SVG Lüneburg kein einziges Volleyballspiel absolviert. Umso krachender sollte das erste Spiel nach der Corona-Pause werden. Vor wenigen Wochen wurden Mittelblocker Krage (2,03 Meter) und Außenangreifer Thole (2,12 Meter) von Bundestrainer Andrea Giani überraschend zur Nationalmannschaft berufen. Die bestritt in der vergangenen Woche zwei Testspiele gegen den amtierenden Weltmeister Polen.

Während Florian Krage, der sein Volleyball-Rüstzeug beim VfL Pinneberg erhielt, bereits am vergangenen Mittwoch in der Startformation debütierte, muss Konrad Thole – Bruder von Beachvolleyball-Vizeweltmeister Julius Thole – weiter auf sein Nationalmannschaftspremiere warten. Dass die Testspiele im polnischen Zielona Gora am Mittwoch (2:3) und Donnerstag (1:3) beide verloren gingen, trübte das Erlebnis für die beiden Leuphana-Studenten nur leicht.

Hamburger Abendblatt: Nach vier Monaten Pause geht es zum ersten Mal überhaupt direkt zur Nationalmannschaft: Was hat man da vorher im Kopf, insbesondere wenn zwei Spiele gegen den Weltmeister geplant sind?

Florian Krage Ich habe mich erstmal super gefreut, dass ich überhaupt dabei bin. Die vier Monate waren da gar nicht so sehr präsent. Wir hatten vorher mit der Mannschaft noch drei Wochen trainiert, sodass man recht schnell wieder in den Rhythmus reinkam.

Konrad Thole Naja, grundsätzlich sind es so viele neue Eindrücke, die man gesammelt hat. Da war keine Zeit, darüber nachzudenken, dass es jetzt gegen den Weltmeister geht und man vier Monate nicht gespielt hat.

Kam die Nominierung für Sie überraschend?

Krage Ja, für mich kam das auf jeden Fall überraschend. Es ging ja erst mit 22 oder 24 Spielern los. Da war ich schon glücklich, dass ich da überhaupt mit dabei bin. Als der Kader dann erst auf 18 und später auf 16 Spieler verkleinert wurde, dachte man sich: Oha, das passiert jetzt wirklich. Die Konkurrenz auf unseren Positionen ist riesig, das war schon fast ein bisschen surreal.

Wie ungewohnt war es am Ende nach so langer Zeit wieder auf dem Feld zu stehen?

Krage Man gewöhnt sich recht schnell daran. Ich war einfach froh dabeizusein. Dass es gegen so einen Gegner ging, war umso schöner. Ich habe natürlich wahrgenommen wer da auf der anderen Seite alles rumläuft, aber eigentlich war ich nur froh, überhaupt für diese Mannschaft spielen zu dürfen.

Ist es eine Enttäuschung, wenn man am Ende keinen Einsatz bekommt?

Thole Wenn man schon dabei ist, will man sicherlich auch spielen. Kurz nach dem zweiten Spiel war die Enttäuschung dann schon da. Sich den Hintern auf der Bank plattsitzen zu müssen macht natürlich nicht so viel Spaß. Mit ein bisschen Abstand überwiegt es aber deutlich, dass ich im 16er-Kader war und für drei Wochen auf Weltklasse-Niveau trainieren durfte. Das war überragend.

Wie konnten Sie sich vor den drei Wochen bei der Nationalmannschaft überhaupt vorbereiten?

Krage Mit den deutschen Spielern, die hier in Lüneburg vor Ort sind, haben wir vorher schon ein bisschen was gemacht. Mit den Abstandsregeln ist das natürlich nicht so einfach gewesen, insgesamt haben wir uns aber schon ein bisschen vorbereiten können.

Während des Lockdowns im März und April haben Sie mit Ihrem Bruder Julius im Garten trainiert?

Thole Ja, das stimmt. Julius hat schnell so ein kleines Netz bestellt. Dann haben wir viel Eins-gegen-Eins im heimischen Garten gespielt. Da habe ich mir dann die Wettkampfhärte geholt. (lacht)

Die beiden Spiele in Polen fanden logischerweise ohne Zuschauer statt. So eine „Kulisse“ dürfte man eigentlich nur aus dem Training kennen…

Krage Es war in der Situation für mich als Debütanten eher einfacher. Gerade in Polen sind die Fans sonst sehr laut und ablenkend. So konnte ich mich mehr auf das Spiel konzentrieren. Aber es war schon krass zu sehen, dass die polnischen Fans ganze Autokinos gemietet hatten, um dann dort diese Testspiele live zu verfolgen. Das sind in Polen ganz andere Maßstäbe - auch, was die mediale Präsenz beim Spiel angeht.

Wie sieht denn Ihr persönliches Fazit für die Länderspielpremiere aus?

Krage Die Spiele waren aus meiner Sicht ganz gut; ich habe auch von den Trainier positives Feedback bekommen. Deswegen hoffe ich, dass ich meine Leistung nun auch über die Saison bringen kann, im nächsten Jahr wieder dabei bin und mich etwas etablieren kann. Da muss man dann gucken, wie die anderen sich geschlagen haben auf meiner Position.

Auch in der Bundesliga steht noch nicht endgültig fest, ob es reine Geisterspiele, oder Partien mit wenigen Hundert Fans geben wird. Ist das durch die kleine Gellersenhalle für die SVG eher ein Vorteil oder Nachteil?

Krage Ich weiß nicht, wie viele am Ende dort sein können. 150 oder 200 Leute können auch Krach machen. Das ist aber natürlich noch etwas ganz Anderes, als wenn hier 800 Leute in der Halle sind.

Thole Wir profitieren schon sehr von der Lautstärke in der Gellersenhalle. Unsere lauten Fans sind ein Alleinstellungsmerkmal von uns. Ich denke, dass die Heimspiele etwas schwieriger als sonst werden. Andererseits könnte es auswärts auch etwas leichter werden.

In der abgelaufenen Saison war gerade in den letzten Spielen die Luft raus, am Ende wurde es ein eher unbefriedigender achter Platz. Was sind die Konsequenzen für die nächste Saison?

Krage Ich kann immer noch nicht richtig sagen, woran es am Ende lag. Es war irgendwie der Knoten drin, keiner konnte sagen, was los war. Deshalb war es auch schwierig, daran zu arbeiten. Wir beide können jetzt den Elan aus den letzten drei Wochen mitnehmen und versuchen, die anderen Spieler noch mehr mitzuziehen. Wenn wir einen guten Start haben und alle hier auf die hohen Standards achten, dann kann sich etwas Gutes entwickeln.

Thole Wir sind uns alle einig, dass die letzten Spiele nicht gut waren. Wir wollen den Fans in den ersten Spielen einfach mal wieder gute Spiele liefern. Darauf sollte der Fokus liegen.

Wünscht man sich trotzdem manchmal ein bisschen mehr Kontinuität? Oder ist das einfach das „Geschäft“?

Krage Irgendwo ist es leider einfach das Geschäft. Man schließt jedes Jahr Freundschaften, teilweise fürs Leben. Und nach einem Jahr sind die Leute dann wieder weg. Aber man weiß auch, dass immer wieder neue Spieler kommen, was auch schön ist.

Thole Gerade wenn man den neuen Spielern immer wieder die Spielphilosophie darlegen muss, dauert es natürlich ein bisschen länger. Da kann es schon mal ein halber Jahr dauern, bis alle verinnerlicht haben, wie man spielen möchte.

Herr Krage, Ihr Vertrag läuft noch ein Jahr. Bei Ihnen Herr Thole wäre der Vertrag in diesem Sommer bereits ausgelaufen…

Thole Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich das schon sagen darf. Ich habe jetzt aber nochmal für ein Jahr bei der SVG unterschrieben.

Gibt es schon Gedanken, was im nächsten Sommer sein könnte?

Krage Ich bin dann hoffentlich fertig mit meinem Masterstudium. (lacht) Das ist aber natürlich nicht so einfach, wenn man jetzt merkt, dass man auf so einem Niveau mitspielen kann. Weil jetzt natürlich irgendwo die Möglichkeit besteht, dass man im nächsten Sommer wieder eingeladen wird, bereitet mir das aus der Perspektive des Studiums schon Sorgen. Ich weiß, dass ich dann viel weniger Zeit hätte.

Thole Wie es weitergeht, das sehen wir nächstes Jahr. Jetzt sind meine Gedanken bei der nächsten Saison und der Vorbereitung.

Viele Nationalmannschaftskollegen spielen im Ausland. Ist das langfristig auch eine Option?

Thole Italien, Russland und Polen haben die besten Ligen der Welt. Dort kann man auch mit Abstand am meisten Geld verdienen. Wenn das sportlich irgendwann reichen sollte, wäre das auf jeden Fall eine Option. Für mich ist der Ehrgeiz, auf dem höchstmöglichen Niveau zu spielen. Das funktioniert dann eher in anderen Ligen, weshalb ich mir das extrem gut vorstellen kann.

Krage Dem kann ich mich nur anschließen. (lacht)

Deutschland ist im Januar knapp an der Olympia-Qualifikation gescheitert, der Umbruch wurde deshalb nun schon früher eingeleitet. Wie sehr konnten Sie davon profitieren?

Thole Wenn man ehrlich ist, dann ist das auch der Grund, warum wir dabeigewesen sind. Auch wenn die anderen Nationalmannschaftskollegen das vielleicht nicht so gerne hören, war die verpasste Qualifikation für uns optimal. Auch die Corona-Pause war für uns optimal, weil die internationalen Turniere nicht stattgefunden haben. Es lief schon sehr viel für uns.

Profikarriere und Studium

Florian Krage begann seine Sportlerkarriere zunächst mit Faustball bei seinem Heimatverein VfL Pinneberg. Hier schaffte es Krage bis in die Hamburger Auswahl und später zu den Deutschen Nachwuchsmeisterschaften. Erst 2010 wechselte der heute 23-Jährige zum Volleyball.
2016 folgte das Talent schließlich den Rufen von Bundesligist SVG Lüneburg. Parallel zu seiner Profilaufbahn begann er Wirtschaftsingenieurwesen an der Lüneburger Leuphana Universität zu studieren.
Konrad Thole kam ein Jahr später im Jahr 2017 zur SVG. Zuvor lief Thole für den Eimsbütteler TV und das Nachwuchsleistungsteam VC Olympia Hamburg auf.
Auch er studiert – ebenfalls an der Leuphana Universität in Lüneburg – Unternehmens- und Wirtschaftsrecht.