Pinneberg

Ein Cricket-Star in Kummerfeld

Siegertyp: Gerade hat der Kummerfelder SV ein Cricket-Match für sich entschieden. Werfer Izatullah Dawlatzai läuft jubelnd über die sogenannte Pitch.

Siegertyp: Gerade hat der Kummerfelder SV ein Cricket-Match für sich entschieden. Werfer Izatullah Dawlatzai läuft jubelnd über die sogenannte Pitch.

Foto: FOTO: KBS-PICTURE

Als afghanischer Nationalspieler floh Izatullah Dawlatzai nach Deutschland. Er musste seinen Profi-Traum begraben – und neu beginnen.

Kummerfeld. „Izat ist hier ein klarer Leader, der den Ton angibt“, sagt Hassan Waseem, Cricket-Abteilungsleiter im Kummerfelder SV. „Fehler dürfen gemacht werden. Aber ein und derselbe nicht zu häufig. Er ist sehr ehrgeizig.“ Und ein echter Star in der Szene ist Izatullah Dawlatzai (28) auch.

In der abgelaufenen Saison wurde der ehemalige Nationalspieler Afghanistans mit dem KSV Deutscher Meister. Doch während Dawlatzai in Afghanistan das privilegierte Leben eines umjubelten Profis führte, spielt er hier nur für wenige Zuschauer. Im Oktober 2015 floh er nach Deutschland.

Das Schlagballspiel Cricket ist nach Fußball die weltweit beliebteste Sportart. Weil die Taliban ein unverfängliches Foto auf Facebook von ihm und seiner in Hamburg geborenen Freundin Nahid zum Anlass nahmen, ihm zu drohen, verließ er – auch der Liebe wegen – sein Heimatland. Zunächst kam er in London bei seinen zwei Brüdern unter, anschließend ging es weiter nach Deutschland. Mittlerweile ist das Paar verlobt und lebt in Hamburg-Farmsen.

Etwa zwei Jahre nahm Dawlatzai danach keinen Cricket-Schläger mehr in die Hand, ehe Waseem, der Dawlatzai nur von Auftritten bei Cricket-Weltmeisterschaften aus dem Fernsehen kannte, zu einem Comeback beim Kummerfelder SV überreden konnte. Für Dawlatzai war es eine Chance, ein großes Stück der eigenen Vergangenheit in Deutschland wieder aufleben zu lassen. Hier wird Cricket bisher meist von Geflüchteten gespielt. Vor allem für die Afghanen unter ihnen ist es eine echte Ehre, gegen Dawlatzai zu spielen.

Auf dem Platz mag er ein Anführer sein, im Gespräch wirkt er eher zurückhaltend. Dabei war die Verständigung war von Anfang an kein Problem. Dawlatzai spricht Urdu, Paschtu, Farsi, Englisch – und Deutsch, wenn er sich dazu überwindet. Das Verstehen funktioniert besser. „Meine Sprachschule ist fertig, nun möchte ich eine Ausbildung machen“, sagt er. In welchem Bereich? „Gern im Sport, aber das muss nicht sein.“

Einst flohen der im afghanischen Nangarhar geborene Dawlatzai und seine Familie vor dem Bürgerkrieg der 90er-Jahre nach Pakistan. In einem Flüchtlingscamp kam er erstmalig mit dem Sport in Berührung, der ihn nach seiner Rückkehr zunächst in die Jugend-Nationalteams und später auch in die Männer-Auswahl seines Landes führte. Während er dort nur als Bowler (Werfer) gefürchtet war, der den Schlagmännern Kopfzerbrechen bereitete, zählt er in Kummerfeld auch zu den besten Angreifern.

Was vermisst er am meisten? Dawlatzais Blick senkt sich kurz. „Meine Familie. Ich habe sie, seitdem ich hier bin, nicht mehr gesehen. Und ich vermisse es auch, für Afghanistan zu spielen. Ich habe insgesamt zehn Jahre mein Land vertreten“, sagt er. Während er dort vor Zehntausenden Fans im Stadion spielte, sind auf deutschen Sportplätzen meist nur eine Handvoll Zuschauer dabei. Doch trotz des überschaubaren Stellenwerts hierzulande sei es für ihn kein Problem gewesen, ab 2018 für die deutsche Nationalmannschaft aufzulaufen.

Als er mit Deutschland die WM verpasste, flossen Tränen

„Im Endeffekt ist es schon das gleiche Gefühl. Wenn ich ein Trikot anhabe, ist es immer dieselbe Leidenschaft für Cricket“, so der Deutsch-Afghane. Die Chance auf eine WM-Teilnahme im kommenden Jahr in der T-20-Variante, bei der ein Spiel „nur“ drei Stunden dauert, verpasste er mit Deutschland. Um ein Haar hätte es auf den Kanalinseln zum Sprung in die zweite Qualifikationsrunde gereicht. Am Ende flossen bei Dawlatzai Tränen ob des Ausscheidens.

Ob er sich irgendwann eine Rückkehr in seine Heimat vorstellen könne? „Die Hauptstadt Kabul ist noch recht sicher, aber die Lage im Rest des Landes ist einfach sehr unübersichtlich. Meine Frau ist hier geboren und es gibt keinen Plan, dort zu leben. Sie möchte hier bleiben. Also bleibe ich auch hier“, meint er.

Die Sicherheit hier sei ein großes Plus an Deutschland. „Es gibt genug Arbeit, man kann hier gut leben und bekommt eine gute Bildung. Leuten, denen es nicht so gut geht, wird geholfen. Die Regierung unterstützt die Menschen“, so der gläubige Muslim Dawlatzai, der in seiner Freizeit regelmäßig ins Fitnessstudio geht und auch ein Fußball-Fan (FC Barcelona) ist.

Seine sportlichen Ziele sind, mit dem Kummerfelder SV wieder Deutscher Meister zu werden. Und diesmal soll es auch das Double werden – im Pokal-Wettbewerb schieden die Kummerfelder in der Vorsaison im Halbfinale aus. Der Sieger dieses Wettbewerbs tritt anschließend auf internationaler Ebene an.

„Es macht uns unheimlich stolz, dass ein kleines Dorf wie Kummerfeld einen Deutschen Meister stellt“, sagte der Vereinsvorsitzende Wolfgang Ständer bei der Ehrung der Mannschaft. Und es soll auch in der Saison 2020 weiter aufwärts gehen. Aber das gelinge nur mit harter Arbeit, so der Kapitän. „Natürlich sind Fehler erlaubt, man versucht Dinge, die auch mal schiefgehen. Was mich aber total aufregt, ist Faulheit im Training. Es müssen sich immer alle anstrengen“, sagt Dawlatzai. Dieser Fleiß habe auch ihn einst ganz nach oben gebracht.